Wenn man den Wandel des syrischen Kinos in den letzten hundert Jahren beobachtet, wird deutlich, wie stark es die gesellschaftliche, kulturelle und politische Lage des Landes widerspiegelt. Die wohl wichtigsten Stationen sind folgende:

Die Anfangsphase (1920-1960)

Eine ganze Generation filmischer Vorreiter hinterließ in den 1920er-Jahren ihre Spuren – trotz der begrenzten Möglichkeiten, die ihnen zur Verfügung standen. Wichtige Beispiele sind Der unschuldig Angeklagte (1928) von Ayoub Badri, Unter dem Himmel von Damaskus (1932) von Ismail Anzour, Licht und Dunkelheit (1948) von Nazih Shahbandar und Ein Passant (1950) von Ahmad Irfan. Daneben entstanden die Dokumentarfilme von Noureddine Rifai, der Ereignisse während der französischen Mandatszeit festhielt und regelmäßig gegen die koloniale Zensur ankämpfen musste.  Bahjat Al Masri gilt als erster syrischer Kinokameramann und dank Youssef Fahda wurde in den 1960er-Jahren ein erstes Filmlabor gegründet.

Die mittlere Phase (1960-2000)

In dieser Zeit erlebte die syrische Filmindustrie im privaten wie staatlichen Sektor einen Aufschwung. Bekannte Beispiele sind die Filme von Duraid Lahham und Nihad Kalai, die mit ihren Satiren auf die Bevölkerung von Damaskus an den wichtigsten Produktionen der privaten Filmwirtschaft beteiligt waren. Ansonsten legte diese eher die Tendenz an den Tag, profitable Unterhaltungsfilme zu produzieren.

Zur selben Zeit traten einige syrische Regisseure in Erscheinung, die im Ausland studiert hatten und Bekanntheit erlangten durch staatlich finanzierte Produktionen des „Nationalen Filmverbands“. Zu ihnen gehörten Nabil Maleh, Mohammad Malas, Omar Amiralay, Samir Zikra und Osama Mohammad. Unter den Dokumentarfilmern ragt besonders Omar Amiralay hervor. Mit Die Hühner (1977), Alltag ein einem syrischen Dorf (1976) und Eine Flut im Lande der Baath (2005) lieferte er bedeutende Beiträge auf diesem Gebiet. Ebenso präsent waren Regisseure aus anderen arabischen Ländern, wie z.B. der Ägypter Tawfiq Salih mit Die Betrogenen (1972), der Libanese Borhane Alaouié mit Kafr Kasem (1974) und der Iraker Kais Al Zubaidi mit Al-Yazirli (1974), Männer unter der Sonne (1970) und Die Schande (1974).

Syrische Filmemacher

(Von links) Omar Amiralay, Nabil Maleh, Mohammad Malas, Samir Zikra, Ossama Mohammed.

Das beherrschende politische Thema dieser Zeit war Palästina; Alltagsthemen aus dem Leben der syrischen Bevölkerung traten daneben in den Hintergrund. Vielleicht erregte Nabil Malehs Spielfilm Der Komparse (1993) eben deshalb so großes Interesse, weil er kein nationalistisches Thema behandelte. Maleh gilt als einer der ersten syrischen Autorenfilmer: Zum ersten Mal setzten sich Regisseure im Film mit persönlichen Erinnerungen auseinander und behandelten Themen wie die Lebensbedingungen in ihrer Stadt, die Besonderheiten ihrer lokalen Identität oder ihres Dialekts. So stellte z.B. Mohammad Malas in Träume der Stadt (1983) seinen Geburtsort Quneitra dar.

Ein Symbol des syrischen Kinos wurde Ossama Muhammads Sterne des Tages (1988), der an der syrischen Küste und damit am Geburtsort des Assad-Regimes spielt, das Muhammad auf intelligente Art und Weise demontiert. Obwohl Sterne des Tages eine Produktion des Nationalen Filmverbands war, wurde der Film schließlich doch zensiert. Ein Ausweg aus der beständigen Zensur ihrer Werke war für viele Filmemacher in dieser Zeit die Flucht in historische Erzählungen. Beispiele sind Der Staub des Fremden (1998) von Samir Zikra und Die Alge (1991) von Raymond Boutros.

Eine neue Generation (ab 2000)

Um die Jahrtausendwende trat eine neue Generation junger syrischer Filmemacher in Erscheinung. Unter ihnen sind Nidal Al Dibs mit Unter dem Dach (2005), Joud Saeed mit Once Again (2009) und Mohammad Abdul Aziz mit Ein halbes Milligramm Nikotin (2009) und From Damascus With Love (2010). Letztere sind Produktionen der privaten Filmwirtschaft. Gleiches gilt für Die lange Nacht (2009) von Hatem Ali und Taming (2010) von Nidal Al Dibs.

Syrische Filmemacher

(Von links) Joud Saeed, Hatem Ali, Nidal Al Dibs, Mohammed Abdul Aziz.

Die Phase der Revolution (ab 2011)

Seit dem Ausbruch der Revolution gibt es zwei Arten von Filmen: Auf der einen Seite findet man jene, die in Syrien unter Aufsicht des Nationalen Filmverbands produziert wurden. Egal wie neutral sich ihre Macherinnen und Macher geben, sind ihre Filme doch vom Assad-Regime glattpoliert worden. Dessen bekanntestes Aushängeschild ist Joud Saeed.

Auf der anderen Seite stehen Spiel- Dokumentarfilme, die außerhalb Syriens produziert wurden. Zu den wichtigsten Vertreterinnen und Vertretern dieses „Widerstandskinos“ gehören: Talal Derki, Yasmin Fadda, Ziad Kalthoum, Ghatfan Ghanoom, Liwaa Yazji, Khaled Soliman Al Nassiry, Feras Fayyad, Alfoz Tanjour und Hisham Zaaouqi. Sie alle haben eine Vielzahl wichtiger Filme geschaffen, von denen einige international preisgekrönt sind.

Syrische Filmemacher

(Von links oben) Alfoz Tanjour, Ghatfan Ghanoom, Liwa Yazij, Khaled Al Nassiry, Talal Derki, Yasmin Fadda, Feras Fayyad, Ziad Kalthoum.

Gleichzeitig entstanden mit der Revolution fiktionale und dokumentarische Amateurfilme. Besonders junge Menschen profitieren von der digitalen Revolution, erschwinglichen Technologien und frei verfügbaren Filmbearbeitungsprogrammen. Ihre Werke, die dank des Internets ein breites Publikum erreichen, markieren den Beginn einer neuen Phase des syrischen Kinos.

Man könnte sagen, dass syrische Kino habe schon vor 2011 die Realität im Land mit all ihren politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Feinheiten abgebildet. Seit 2011 sind mit der Revolution, ihren gewaltvollen Wandlungen und der ungewissen Zukunft Syriens neue Aspekte zu dieser Realität hinzugekommen. Fakt ist, dass der syrische Film momentan in aktuellen Ereignissen versinkt. Um ihn einer tiefergehenden und objektiven Analyse zu unterziehen, braucht es einen größeren zeitlichen Abstand.

Übersetzung: Anna Steffen

Ali Al-Kurdi

Palästinensisch-syrischer Schriftsteller.

2018-05-15T08:33:13+00:00