Eine Frau steht am Fenster, streicht mit den Fingern über die gesprungene Fensterscheibe. Sie scheint nach innen zu blicken, nicht interessiert an dem, was draußen passiert. Das Hupen der Autos und andere Geräusche des städtischen Lebens dringen gedämpft durch die Scheiben, doch in der Wohnung scheint die Zeit still zu stehen. Dunkle Bilder bedrückender Einsamkeit bestimmen den Film Chaos der syrischen Regisseurin Sara Fattahi.

Sie porträtiert drei Frauen an drei Orten. Ihre Protagonistinnen sind nicht nur weit voneinander entfernt, sondern auch von allem anderen, was sie umgibt. Fattahi begleitet die drei in ihrem Alltag. Eine von ihnen zerdrückt weißen Käse, vermengt ihn mit Gurken und anderem Gemüse. Sie geht durch die Wohnung, raucht. Nur ihr lautes Atmen ist zu hören. Die sie umgebende Stille wirkt beinahe unerträglich. In einer kleinen Kanne bereitet sie arabischen Kaffee zu. Er kocht über und eine Kugel schwarzer Flüssigkeit tanzt auf der heißen Herdplatte. Plötzlich spricht jemand auf Deutsch. Kommen die Stimmen aus dem Radio? „Nur, wenn man sich die Hand verbrennt, kann man darüber schreiben“, sagt eine Frau. Es sind Worte der österreichischen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (1926–1973).

Texte, in denen Bachmann übers Schreiben und über den Krieg reflektiert, begleiten Szenen, in denen eine dritte Protagonistin zu sehen ist. „Über den Krieg kann jeder etwas schreiben. Der Krieg ist immer schrecklich“, sagt die Stimme. Schwieriger sei es, über den Frieden zu schreiben. Die blonde Frau ist meist von hinten zu sehen. Die Kamera begleitet sie bei ihrem Weg durch die Stadt. In einem Museum geht sie von Gemälde zu Gemälde. Sie ist allein. Das Parkett knarrt unter ihren Füßen. Lange betrachtet sie ein Bild, das die Legende von David und Goliath zeigt.

Die Protagonistinnen scheinen vor allem gegen innere Gegner zu kämpfen

Der Kampf gegen ein größeres und stärkerer Gegenüber: Ist dies das Thema der Frauen? Es scheint, als würden sie vor allem gegen innere Gegner kämpfen – gegen den Schmerz und gegen Erinnerungen, die sie verfolgen. Lange lässt die Regisseurin die Zuschauerinnen und Zuschauer im Unklaren, wer die Frauen sind und was sie bewegt. Irgendwann beginnt eine von ihnen zu sprechen. Nach der bedrückenden Stille wirken ihre Worte wie eine Erlösung. Sie erzählt von einem Krankenhausaufenthalt und von ihren Suizidgedanken. „Manchmal kann ich nicht aufstehen“, sagt sie mit glänzenden Augen. In Wirklichkeit habe sie nicht den Mut, Selbstmord zu begehen. Aber sie finde andere Wege, sich dem Leben zu verweigern – zum Beispiel, indem sie einfach im Bett liegen bleibe und Termine verschlafe.

Filmstill Chaos

Eine der Protagonistinnen von „Chaos“ hat in Schweden Zuflucht gefunden. ©Sara Fattahi

Sie ist aus Syrien geflohen und lebt nun im Exil in Schweden. Was ihr in dem Land auffällt? „So viele Vögel“, sagt sie. Auch in ihren Bildern finden sich Vögel. Langsam und konzentriert schneidet die Künstlerin Formen aus, streicht sie mit Kleister ein und klebt daraus Collagen. Im Hintergrund tickt eine Uhr. Man erfährt: Diese Frau hat ihren Sohn verloren. Genauso wie die zweite, ältere Frau, die sich in Damaskus befindet. „Mama, sie haben ihn getötet“, habe ihre Tochter gesagt, berichtet sie. In Fragmenten offenbart sich das Grauen, das die Frauen im Krieg erlebt haben. Die Ältere erzählt, dass ihrem Sohn die Hände auf dem Rücken zusammengebunden wurden. Man habe ihm die Kehle durchgeschnitten und ihn ins Wasser geworfen. Die dritte Frau steht vor einer Wohnungstür, sie schafft es erst nach mehreren Anläufen, aufzuschließen. Dann sitzt in einem spärlich beleuchteten, kahlen Zimmer in der Ecke unter einem Fenster und raucht.

Die Einsamkeit spricht aus jedem Bild, das Sara Fattahi einfängt. Die 1983 geborene Regisseurin hat in Damaskus Jura und Kunst studiert und war unter anderem als Storyboard-Zeichnerin und als künstlerische Leiterin für verschiedene Serien und Fernsehkanäle tätig. Seit 2010 arbeitet sie als freie Filmemacherin und Produzentin. Ihre erste Dokumentation in Spielfilmlänge, Coma (2015), war auf internationalen Festivals zu sehen und hat den „Regard Neuf Award“ für den besten Langfilm beim Visions du Réel Film Festival in Nyon gewonnen. Ihre zweite Lang-Dokumentation Chaos wurde unter anderem beim Filmfestival in Locarno gezeigt und feierte beim 10. Arabischen Filmfestival in Berlin seine Deutschland-Premiere.

Chaos bildet ab, wie Erinnerung funktioniert

Fattahi versucht keine verständliche Chronologie zu konstruieren, um es dem Publikum einfacher zu machen, sondern folgt ihren Protagonistinnen in ihrer eigenen Art zu berichten. Mit dieser fragmentierten Erzählweise bildet die Regisseurin ab, wie Erinnerung funktioniert: nicht geordnet und geradlinig, sondern manchmal leise, manchmal mit Wucht hervorbrechend. Der Film kommt ohne Rührseligkeit aus. Er transportiert allein über die Bilder unbehagliche Gefühle wie Einsamkeit, Isolation und Resignation.

Mit den Texten von Ingeborg Bachmann und Wien als Drehort fügt die Regisseurin weitere historische und geografische Ebenen ein. Das klingt nach einer guten Idee. Doch die Szenen in Wien wirken etwas hölzern und zusammenhangslos im Vergleich zum Rest des Films. Die dritte Protagonistin will nicht recht zum Leben erwachen. Dass es sich um eine fiktive Figur handelt, reicht dabei nicht als Erklärung für die Unentschlossenheit, die sie ausstrahlt. Was ist ihre Funktion? Dient sie lediglich als Medium, um den Texten von Ingeborg Bachmann einen Ort zu geben? Die Wiener Szenen unterstreichen den essayistischen Charakter des Films, doch lassen das Publikum im Unklaren. Sie sollen als Projektionsfläche dienen. Doch für was? Im Pressetext des Films heißt es, die dritte Protagonistin sei wie der Geist einer Frau, die nach dem Zweiten Weltkrieg aus Österreich floh. Eine interessante Interpretation – doch woran lässt sie sich festmachen?

Filmstill Chaos

Zurückgeworfen auf den Blick ins eigene Innere. ©Sara Fattahi

Die ältere Frau in Damaskus kommt recht wenig vor, was sicherlich eher praktische als dramaturgische Gründe hat. So liegt der Schwerpunkt auf der Protagonistin in Schweden. Mit ihrer Präsenz könnte sie den Film auch alleine tragen. Es überrascht nicht, dass es sich um die beste Freundin der Regisseurin handelt, wie Sara Fattahi nach der Premiere im Wolf Kino in Berlin-Neukölln erzählt. Dass sich Chaos wie auch Coma mit Frauen beschäftige, sei Zufall, erklärt sie. Sie sei nun einmal von mehr Frauen umgeben als von Männern. Ein weiterer Grund sei, dass sie „verborgene Ecken“ zeigen wolle. Dies ist Fattahi mit Chaos, der verborgene Frauen in ihrer inneren Emigration aufspürt, gelungen.