Die libanesische Regisseurin Eliane Raheb fand das Thema ihres aktuellen Films eher unerwartet: Sie war im Restaurant des Landwirts Haykal gelandet, dessen Bauernhof im Distrikt Akkar im Norden des Libanon liegt. Raheb hatte sich auf der Suche nach Inspiration einige Monate dorthin zurückgezogen. In dem Dorf Al-Qoubaiyat, das als größte ausschließlich von Christinnen und Christen bewohnte Ortschaft der Bergregion Shambouk gilt, stieß sie auf Haykal. Ihr Besuch in seinem Restaurant war ein so einschneidendes Erlebnis für Raheb, dass sie begann, einen Film über ihn zu drehen.

Die so entstandene Dokumentation, Those who remain (2016), ist preisgekrönt und lief in Deutschland u.a. beim Arabischen Filmfestival in Berlin. FANN hat sich im Anschluss an die Vorstellung mit Eliane Raheb getroffen, um mehr über ihren Film zu erfahren.

„Am Anfang hatte ich weder eine konkrete Idee noch einen Protagonisten. Mich hat es interessiert, Geschichten zu finden, die nicht nur eine Einzelperson betreffen, sondern sich auf die gesamtgesellschaftliche Lage übertragen lassen. Es gibt viele Bauern im Libanon, aber als ich Haykal während meiner Wanderung kennengelernt habe, wusste ich sofort, dass ich sein Restaurant besuchen will. Die Verlassenheit des Ortes ist mir gleich aufgefallen. Anschließend bin ich in die umliegenden Dörfer gefahren und habe mich über deren politische und wirtschaftliche Lage informiert.“

„Sollen sie nur kommen, ich hab‘ meine Jagdpistole“

Die Gegend um Al-Qoubaiyat war 2014 tief in militärische Auseinandersetzungen hineingezogen worden, in deren Anschluss der einzige Landweg nach Tripolis gesperrt wurde. Der Islamische Staat drang in kürzester Zeit in das Gebiet vor und schaffte sich einen strategisch wichtigen Zugang zum Mittelmeer. Die Lokalbevölkerung versetzte er in Angst und Schrecken. „Ich erinnere mich an meinen ersten Besuch in Haykals Restaurant“, erzählt Eliane Raheb. „Die Gäste haben lange darüber diskutiert, ob der IS bald in ihre Dörfer kommt. Da habe ich Haykal gefragt: Was würdest du tun, wenn der IS kommt? Er antwortete lakonisch: Sollen sie nur kommen, ich hab’ meine Jagdpistole.“ Bei Raheb entstand so der Eindruck, dass Haykal vollkommen angstfrei lebe. Er fühle sich seinem Dorf verbunden und habe nicht die Absicht zu fliehen. „Dann habe ich angefangen, Haykals Aussage metaphorisch zu verstehen: Sie ist größer als er, bezieht sich auf den ganzen Libanon.“

Filmstill Those who remain

Haykal fühlt sich seinem Dorf verbunden. © ALFILM

In einer Szene von Those who remain diskutieren Regisseurin und Protagonist über den Titel des Films. Haykal schlägt „Die Treppe des Hauses“ vor, Raheb dagegen „Ein Monat“. Am Ende wurde es im Arabischen Mayyel ya ghzayyel, was auf Deutsch wörtlich „komm vorbei, Gazelle“ bedeutet. In der libanesischen Umgangssprache bedeutet „mayyel“ so viel wie „Einladung“. Der Filmtitel sei auch eine Aufforderung, den Ort zu besuchen, so Raheb. Ins Englische sei das nur schwer zu übertragen, deswegen habe sie sich für Those who remain entschieden, weil das am ehesten mit dem Thema des Films in Einklang stehe. „Mayyel ya ghzayyel“ ist außerdem der Titel eines Liedes, das Raheb in Haykals Restaurant gehört hatte. Er symbolisiert für sie die Abwesenheit von Frauen im Film: Außer einer Aushilfe namens Ruwayda treten nur Männer auf. Raheb erklärt sich diesen Zustand mit den harten Lebensbedingungen in dieser Region.

Die Zukunft der Schafe hängt vom Syrienkrieg ab

Andere Themen setzt Raheb symbolisch ins Bild. Beispielsweise sieht man in mehreren Einstellungen Schafe, die in LKWs geladen und abtransportiert werden. Sie sind über die Grenze aus Syrien in den Libanon geschmuggelt worden, da der reguläre Handel wegen des Kriegs zusammengebrochen ist. „Ich wollte damit zeigen, wie die politische Situation in Syrien das Leben der Menschen im Shambouk beeinflusst“, erklärt Raheb. „Selbst die Zukunft der Schafe hängt davon ab!“ Gleichzeitig verweise diese Episode auf die historischen Beziehungen zwischen den beiden Ländern, z.B. auf die syrische Besetzung des Libanons ab 1976. Mittlerweile sitze aber die libanesische Bevölkerung am längeren Hebel und nutze die Notlage in Syrien beim Schafschmuggel aus. „Dieser Zustand ist nicht spezifisch für diese Gegend, sondern lässt sich auch an anderen Orten beobachten. Wer nah an der syrischen Grenze wohnt, lebt in ständiger Angst. Besonders auf dem Land ist die libanesische Bevölkerung der politischen Situation in Syrien vollkommen ausgeliefert.“

Filmstill Those who remain

Haykal und Ruwayda. © ALFILM

Daneben wird in Those who remain der Einfluss verschiedener Religionen auf die Region thematisiert, im Kontext eines scheinbar friedlichen Zusammenlebens. Muslime sprechen gut von Christen und umgekehrt. Trotzdem meint Eliane Raheb: „Unter den Dorfbewohnern habe ich die Angst vor dem Anderen gespürt, auch wenn sie vorgeben, friedlich zusammenzuleben. Im Privaten aber ist Koexistenz jenseits aller Propaganda möglich. Haykal z.B. arbeitet seit Jahren mit Ruwayda zusammen. Er sieht sie als eine Tochter an, obwohl sie Muslimin und er Christ ist. Haykals Freund Antoine hingegen, der sich selbst als säkular bezeichnet, empfindet sich als einer Minderheit angehörig, da er sich nicht wie alle anderen von seinem Instinkt leiten lässt.“

Ein Ort, um einen zukünftigen Libanon zu gestalten

Die Bergregion Shambouk sei ein wunderbarer Ort, meint Eliane Raheb. Sie müsse aber doppelt geschützt werden: vor drastischen klimatischen Veränderungen und dem politischen Untergang. „Hier könnte der Libanon wieder zu der Rolle zurückfinden, die er vor der Staatsgründung spielte“, ist Raheb überzeugt. „Der Shambouk gehört niemandem und hat keine engen geografischen Grenzen. Er ist ein weiter Raum, aber gleichzeitig bedroht durch seine Umgebung. Meiner Meinung nach hat diese Region ein großes Potential. In Those who remain wollte ich drei Charaktere vereinen und zeigen, dass es einen Ort gibt, an dem Christen, Muslime und Säkulare zusammenleben können. An solch einem Ort können sie einen zukünftigen Libanon gestalten.“

Übersetzung: Mahadi Ahmed

Dina Abol Hosn

Syrische Journalistin und Übersetzerin.

2018-05-29T13:45:22+00:00