Sauer ist er und beschwert sich, der Superheld im blauen Muckianzug, der etwas schlaff in der Luft hängt und gerne runter auf die Erde möchte. Seine Adressaten: Zwei ratlos wirkende junge Männer, die zu ihm hochschauen. Einer von ihnen ist der aufstrebende Jungregisseur Moe (dargestellt von Karim Kassem), der gestresst und müde von einem Mini-Drama an seinem Set ins nächste schlurft. Dabei möchte er doch nur seinen Film fertig drehen. So richtig happy ist hier einfach niemand – weder der Schauspieler in Superheldenkostümierung in der Luft, noch die Castingverantwortlichen mit der Wahl des Regisseurs für eine Kinderrolle („Der sieht einfach nicht so ägyptisch aus“). Auch finanziell steht das Filmprojekt nicht besonders gut da.

Alles beginnt mit einem cholerischen Taxifahrer

Dann ist auch noch ein Freund Moes für einen Roman verhaftet worden, der für die ägyptischen Machthaber zu demokratisches Gedankengut in sich trägt. Auf Drängen einer Freundin will Moe ein kurzes Statement-Video gegen die Verhaftung drehen. Auf dem Weg zu seiner Wohnung, wo der Dreh stattfinden soll, geraten sie in einen Disput mit dem cholerischen Taxifahrer Mostafa (gespielt von Sherif El Desouky), nachdem dieser sich über Frauen am Steuer aufgeregt hat: „Das ist das Schlimmste, was diesem Land passieren konnte!“

Innerhalb weniger Szenen sind die diversen Themen von Exterior/Night (2018) etabliert, der im Hauptprogramm des diesjährigen arabischen Filmfestivals ALFILM läuft: das moderne Kairo gegen das traditionelle, politische Miss- wie Machtverhältnisse, Unterdrückung der Frauen sowie der westliche Einfluss auf die Stadt am Nil. Harter Stoff, der amüsant als Taxi-Roadmovie daherkommt und so richtig an Fahrt gewinnt, nachdem Moe wieder zu Mostafa ins Auto steigt und eine knapp 24-stündige Irrfahrt durch Kairo beginnt. Mit dabei ist die Prostituierte Toutou (dargestellt von Mona Hala), die Mostafa verdächtigt, ihr am Abend zuvor Geld gestohlen zu haben, und der Moe wiederum verspricht, dieses zurückzuzahlen: Sie müssten nur an einem Geldautomaten vorbeifahren… Klingt verwirrend, ist es auch. Es wird nicht die letzte Verwirrung sein.

Kairo bei Nacht hat politische Dimensionen

Durch die Augen der drei Protagonisten erlebt man Kairo bei Nacht: Bunte Lichter, Seitenstraßen, ein Zwischenstopp beim Imbiss. Dort fällt Toutou mit ihren hellblaugeschminkten Augen, den pinken Wangen und glänzenden Lippen als einzige Frau doppelt auf. Als sie Mostafa fragt, warum er ihr nicht das bestellt hätte, was sie wolle, antwortet der mit einer Ohrfeige. „Wenn Männer reden, haben Frauen wie du nichts zu sagen“, fügt er hinzu. Toutou geht auf Toilette, schminkt sich nach und atmet tief durch. Unsicher, ob sie nochmal an den Tisch zurückkehren soll, schaut sie aus der Tür, schwankt zwischen Ausgang und ihren Begleitern, um sich für Letztere zu entscheiden – ein gemeinsamer Drogenrausch ist nur eines der Abenteuer, das noch vor ihnen liegt.

Exterior/Night ist der sechste Langspielfilm des 39-jährigen Ahmad Abdalla, der sich im Laufe der letzten Jahre zu einem der wichtigsten Regisseure Ägyptens entwickelt hat. Bereits in seinem zweiten Spielfilm Microphone (2010) tauchte er tief in die Untergrund-Kunstszene Alexandrias ein. Basierend auf wahren Geschichten junger Kunstschaffender ging er der Frage nach, inwiefern junge Menschen Veränderungen bewirken und ihr Leben selbst gestalten können. Nach wie vor gilt Microphone als einer der Filme der ägyptischen Revolution, fängt er doch die Hoffnungen und die damalige Aufbruchsstimmung ein.

Im Jahr 2018/2019 ist vom einstigen politischen Umschwung nicht viel übrig, den ägyptischen Präsidenten al-Sisi zeichnet vor allem sein autokratischer Stil aus. Wie sieht das Miteinander in Ägypten also aus, acht Jahre nachdem die Revolution gescheitert ist und die revolutionären Gedanken sich einem strengen Regime unterordnen mussten? Von gemeinsamen Visionen einer Gesellschaft ist wenig zu spüren, versteht man Exterior/Night als eine filmische Taxireise durch die heutige ägyptische Gesellschaft: Kaum ist man ein paar Meter vorwärtsgefahren, wartet schon das nächste Hindernis. Man ist blockiert, wird von der Seite angemacht und muss einen weiteren Umweg fahren.

Mona Hala stiehlt ihren Schauspielerkollegen die Szenen

Dass dieses „Stop-and-go“ ein gutes Tempo hat und dynamisch ist, liegt vor allem an Mona Hala als intelligente und witzige Prostituierte Toutou, die ihren beiden Kollegen Karim Kassem und Sherif El Desouky die gemeinsamen Szenen stiehlt. Mal setzt sie sich vehement, ohne Widerworte zuzulassen für sich ein. Dann schaut sie sich wieder ernst im Spiegel an – wissend, dass sie aus ihrer Rolle der Frau und aus ihrer gesellschaftlichen Schicht nicht ausbrechen kann.

Etwas einseitig wirkt Karim Kassem als Regisseur Moe, der entweder überfordert von seinem Leben mit Hundeblick in die Kamera schaut oder mit Frauen flirtet. Seine Figur wirkt mehr wie ein Abziehbild eines Typ Mannes, der sich zwischen alten Traditionen und aufgeklärten Einflüssen verorten muss: Er trägt Sneakers, lässige Hemden und telefoniert mit einem iPhone. Frauen zu schlagen ist für ihn ein No-Go, jede mit ausziehenden Blicken zu mustern ist wiederum völlig in Ordnung. Warum er so denkt und sich verhält, wird indes nicht deutlich.

Filmstill Exterior Night

Großartig: Mona Hala in der Rolle der Prostituierten Toutou. © ALFILM

Diese Oberflächlichkeit kratzt auch ein wenig am Film: Angerissene Konflikte werden nicht tiefer beleuchtet oder in gesellschaftlichen Bezug gesetzt. Umso stärker ist die Bildsprache, die Kairo fast schon spürbar macht: Spielende Kinder in dreckigen Treppenhäusern, gewalttätige Männer, die in Gangs ihr „Revier“ aka ärmliche Wohnsiedlungen patrouillieren, kommen genauso vor wie großformatige Aufnahmen der Stadt von oben, die ihre Ausmaße andeuten, ausgelassene junge Menschen und Nachbarn, die sich für einander einsetzen. Dazwischen immer wieder Bilder des dichten Verkehrs, blinkende Werbung für Burger und Plakate, auf denen weiße, schlanke Frauen werben.

Viele Gesichter und Straßen hat Kairo. Einen Ausweg aus dem Chaos scheint dennoch keine zu bieten. Auch ein Taxi-Biotop kennt da keinen Schleichweg.

Beim 10. Arabischen Filmfestival Berlin – ALFILM läuft Exterior Night am 7.4. (City Kino) und 8.4. (Arsenal) jeweils um 19h. Tickets gibt es hier.