Es gibt vieles, was die Kinder in Syrien erzählen könnten. Manch eines erinnert sich noch an die Bombe, die es weit weg von seiner Mutter schleuderte. Als es sich zurückgekämpft hatte, fand es nur eine Leiche vor. Ein anderes wurde blind, weil seine Augen von Bombensplittern verletzt worden waren. Die Explosion war das letzte, was es sehen sollte. Wieder ein anderes Kind erinnert sich an den Schrei seines Vaters, kurz bevor eine Bombe seinen Körper zerriss.

Mitten in einem Krieg, in dem tausende Zivilistinnen und Zivilisten vergeblich versuchen, dem Tod zu entrinnen, zeigt der syrische Filmemacher Feras Fayyad in Last Men in Aleppo das Leid der Kinder. Sie leben im Epizentrum einer Tragödie, von der die ganze Welt weiß und die sie trotzdem ignoriert. Im Stich gelassen wurden sie – ganz besonders von der arabischen Welt, wie eine der erwachsenen Hauptfiguren in Fayyads Dokumentarfilm klarstellt. Dem Rest der Welt reiche es, in Syrien mit modernsten Waffen zu experimentieren, ein paar diplomatische Gesandte zu schicken, die eine nutzlose Konferenz nach der anderen organisieren, und ansonsten weiter Blut fließen zu lassen. Gleichzeitig schimpfen die blutenden Syrerinnen und Syrer auf den „Bruder der Hure“, Diktator Baschar Al-Assad, den sie einfach nicht loswerden können.

Last Men in Aleppo, der 2017 den großen Preis der Jury beim Sundance Film Festival gewonnen hat, konzentriert sich mehr auf Menschen und weniger auf konkrete Kriegshandlungen. Feras Fayyad zeigt die Tragödie in Syrien durch die Augen seiner beiden Hauptfiguren Khaled und Mahmoud, die für die Syria Civil Defence (besser bekannt als „Weißhelme“) arbeiten. Täglich retten sie Leben, holen Menschen aus den Trümmern ihrer zerbombten Häuser. Der Film begleitet die beiden in ihrem Alltag, illustriert ihre Träume und zeigt, wie sie mit den Menschen in Aleppo umgehen, vor allem mit den Kindern.

Khaled und Mahmoud leisten auch psychologische Hilfe

Khaled lächelt viel, er ist beliebt im Kreis seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter. Seine Tochter leidet unter Vitaminmangel, weshalb sich auf ihrer Haut weiße Flecken gebildet haben. Doch in den Apotheken Aleppos gibt es keine Medikamente mehr: In den ersten Szenen des Films zieht Khaled in Begleitung seiner Tochter erfolglos von einer Apotheke zu rnächsten. Am liebsten würde er in die Türkei zu gehen, um seiner Tochter eine medizinische Behandlung zu ermöglichen. Mahmoud wiederum fühlt sich für all jene verantwortlich, die er aus den Trümmern gezogen hat. Er hält Kontakt zu ihnen, begleitet sie im Alltag und stellt sicher, dass sie das Erlebte mental verarbeiten.

Feras Fayyad gelingt es in Last Men in Aleppo, die positive Einstellung und den Optimismus seiner Hauptfiguren zu zeigen, wenn sie z.B. trotz des vielen Leids noch Spaß am Fußballspielen haben. Ein Passant kann das nicht ertragen, will sie vom Spielen abhalten und zerfetzt den Ball schließlich mit einem Messer. Wie könne man nur Spaß haben, fragt er, wenn in der Stadt gleichzeitig Tausende Menschen zu Tode kämen?

Eben wie dieser Passant erwartet man als Zuschauerin oder Zuschauer, wenn es um den Krieg in Syrien geht, vielleicht einen Film, der vor allem grausame Szenen enthält. Fayyads Perspektive ist jedoch weit genug, um ein entgrenztes Panorama von Aleppo zu zeigen, mit allem was dazugehört. Durch Nahaufnahmen arbeitet er die Umrisse der Tragödie aus den Gesichtern der Menschen heraus, die sich nicht nur der Kamera, sondern auch den Herzen des Publikums nähern. Verstärkt wird das durch die Musik von Karsten Fundal, die jeder Szene im Film einen besonderen Ausdruck verleiht, oft traurig und immer emotional.

Last Men in Aleppo ist die erste syrische Produktion, der in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ für den Oscar nominiert wurde. Vielleicht hat der Film das genau deshalb verdient, weil er sich nicht auf die Zahl der Todesopfer konzentriert, die in den letzten sechs Jahren die Grenze zur halben Million überschritten hat. Er zeichnet stattdessen ein menschliches Bild vom Leben in einer Stadt, die sich daran gewöhnt hat, täglich von Bombenlärm geweckt zu werden und ihre Bewohnerinnen und Bewohner sterben zu sehen. All jene, die ihre Angehörigen verloren haben, versuchen weiter zu leben und weigern sich, ihre Heimat zu verlassen. Sie lehnen es genau deshalb ab zu fliehen, weil jene auf der anderen Seite, die eine schier unbegrenzte Zahl an Waffen und ebenso viele Nationalitäten haben, ihnen diese Heimat gewaltvoll entreißen wollen.

Übersetzung: Rashad Alhindi