Es gibt Szenen aus seiner Kindheit, die Omar Shargawi als „Horrorfilme“ im Gedächtnis behalten hat. Szenen, in denen sein Vater laut wurde und ausrastete. Solche Momente gehörten zu seinen frühesten Erinnerungen, berichtet der dänische Regisseur in seinem neuesten, sehr persönlichen Film, der auf der diesjährigen Berlinale in der Sektion Panorama Weltpremiere feiert.

In Western Arabs spürt Shargawi seiner Herkunft nach. Er versucht, seinem Vater Munir näherzukommen, einem der ersten Palästinenser, die nach Dänemark immigriert seien, wie es im Film heißt. Shargawi beschreibt ihn als schweigsam, in sich zurückgezogen, brutal und aufbrausend. Er berichtet, dass sein Vater im Krieg war, und fragt sich, ob dessen Erfahrungen auch auf ihn selbst abgefärbt und seinen Charakter geprägt haben. Ausgehend von dieser Fragestellung könnte sich ein interessanter Film entwickeln. Leider lässt Omar Shargawi seine Zuschauerinnen und Zuschauer inhaltlich verwirrt und schwindelig zurück. Denn dafür, dass der Regisseur professioneller Filmemacher ist, sind die Bilder reichlich düster und verwackelt.

Er berichtet, er wolle durch das Filmprojekt seinen Vater verstehen – und ein „Araber werden“. Dieses Ziel wird mit blutigen Kampfszenen aus arabischen Filmen bebildert. Die Bildebene sorgt für viele Fragezeichen. Ist es das, was Shargawi unter „arabisch“ versteht? Wenn sein Vater brutal war, sind dann alle Araber – oder zumindest alle arabischen Männer – auch so? Ohne, dass Shargawi dies explizit sagt, schwingt diese Deutung mit – wird aber nicht erklärt. Die konkreten, biografischen Erfahrungen seines palästinensischen Vaters scheinen als kulturelle Eigenheit auf ganze Gruppe übertragen zu werden.

Selten lässt der Vater einen Blick ins Innere zu

Um seinem Vater näherzukommen, lässt der Regisseur ihn in seinen Spielfilmen mitspielen. Man sieht, wie der Vater mehrmals eine Szene wiederholt, in der er in einer Küche zusammenbricht, auf den Boden fällt, Glas zerbricht. Der Vater beschwert sich, das ist ihm alles zu anstrengend. Er ist einsilbig, grummelig – und in anderen, privaten Szenen wieder witzig. Munir erzählt, wie er anfangs in Dänemark „Munirsen“ auf sein Namensschild schrieb, weil alle anderen auch ein -sen am Ende hatten.

Über Jahre hinweg filmte der Regisseur solche privaten Situationen. Er zeigt, wie sein Vater Nachrichten aus Israel und Palästina im Fernsehen sieht und sich aufregt. Shargawi gibt sich Mühe. Er fährt mit seinem Vater, der die Heimat bisher nicht besucht hat, nach Haifa, ins Haus seiner Kindheit. Man erfährt, dass die Eltern sich nach der Vertreibung getrennt hätten. Die Mutter ging mit der Schwester nach Jordanien, der Vater mit Munir nach Syrien. Als er die Mutter acht Jahre später aufsuchte, habe sie ihn nicht mehr erkannt.

Der Regisseur thematisiert sein Gewaltproblem

Es sind solche seltenen Augenblicke, die etwas von dem erahnen lassen, was den Vater umtreibt. Auch, dass dieses Momente so selten sind, sagt viel aus. Die genauen historischen Umstände seines Lebens bleiben jedoch im Vagen. Entweder die Zuschauerinnen und Zuschauer können sich zusammenreimen, worum es geht – oder sie verharren notgedrungen auf einer emotionalen Ebene des Verständnisses.

Eindrücklich und schonungslos sich selbst gegenüber demonstriert Omar Shargawi, wie groß sein eigenes Problem mit Gewalt ist. Er ist impulsiv, schlägt während eines Drehs einen Schauspieler, der die Anweisungen nicht versteht. Dieser fängt an zu weinen, die Crewmitglieder gucken betreten. In einer anderen Szene prügelt sich der Regisseur wegen irgendeiner Nichtigkeit mit seinem Bruder.

Wer Gewalt erlebt hat, neigt eher dazu, selbst welche anzuwenden. So viel ist bekannt. Auch, dass Traumata und ihre Folgen über Generationen hinweg vererbt werden. Befremdlich aber ist bei Shargawis Suche nach den Ursachen sein Schwanken zwischen Trauma und kultureller Zuschreibung. Obwohl Shargawi Arabisch spricht, scheint die arabische Welt für ihn eine wenig differenzierte Einheit zu sein – oder will er seine westlichen Zuschauerinnen und Zuschauern bloß nicht überfordern? Auf den Spuren seiner Herkunft reist er nicht etwa nach Israel/Palästina, Jordanien oder in den Libanon – sondern nach Ägypten. Kommt Shargawi auf dem Tahrir-Platz seinem Vater näher? Versteht ein Amerikaner mit schwedischem Migrationshintergrund Europa, wenn er nach Italien reist?

Zumindest scheint der Regisseur dies suggerieren zu wollen. Mit versteinertem Gesichtsausdruck steht er inmitten der Aufstände gegen das ägyptische Regime und fängt mit der Kamera die Gewalt ein, die ihn umgibt. Was aber hat das Demokratiestreben des ägyptischen Volkes mit dem Nahost-Konflikt zu tun? Die einzige Verbindung scheinen zwei Begriffe zu sein: Araber in einem Zustand von Chaos und Gewalt.

Wo ist „das Westliche“ in diesem Film?

Die Assoziationen und Verallgemeinerungen, die in diesem Film mitschwingen, sind verwirrend. Das trifft besonders auf den Titel Western Arabs zu. Eigentlich werden nur der Regisseur und sein Vater vorgestellt. Sind die beiden nun prototypische Araber, prototypische Migranten, prototypische Gewalttäter? Völlig unklar bleibt auch, was „das Westliche“ sein soll, an dem sich diese Araber reiben. Die Mutter ist eine wohlmeinende, herzliche Dänin, die Familie lebt in Kopenhagen. Ist das schon eine Charakterisierung des Westens?

Die Mutter erzählt ihrem Sohn, dass der Vater in einer anderen Welt lebt, zu der kein anderer Mensch Zutritt hat. Aber trifft das nicht auf jeden zu, der Dinge erlebt hat, die die Umgebung nicht nachvollziehen kann, weil ihr der Zugang fehlt? Könnte dieselbe Szene nicht im Nachkriegsdeutschland spielen, als eine ganze Generation von Vätern traumatisiert und sprachlos war? Noch immer sind die Folgen des Krieges in Deutschland spürbar. Auch die Enkel werden von dem geprägt, was die Großeltern erlebt haben. Genauso vererben sich auch die Erfahrungen von Migrantinnen, Migranten und Geflüchteten auf die nachfolgenden Generationen.

Das heißt, dass westliche Gesellschaften, in denen es lange keinen Krieg mehr gab, mit solchen Traumata umgehen müssen. Denn obwohl Munir am Ende stirbt, lebt seine Geschichte weiter – in seinem Sohn und seiner Enkelin. Das macht Shargawi mit seinem Film durchaus deutlich. Vielleicht hätte er den Fokus auf diesen Aspekt legen sollen, statt sich in einem ominösen Konflikt der Kulturen zu verzetteln.

Termine bei der 69. Berlinale: 15.2. 17 Uhr im International, 16.2. 20 Uhr im CineStar 7. Tickets könnt ihr hier kaufen.