Ausgehend von Briefen, die die Revolutionärin Rosa Luxemburg im Gefängnis schrieb, hat der libanesische Regisseur Ghassan Salhab einen filmischen Essay gesponnen. Une rose ouverte/Warda feierte seine Weltpremiere im Forum der Berlinale 2019. Die lyrischen Texte Luxemburgs, in denen es auch um Natur und das Leben an sich geht, werden auf Deutsch und Arabisch gelesen. Sie werden verwoben mit Bildern aus dem winterlichen Berlin, dem Libanon, Archivmaterial – unter anderem aus dem Ersten Weltkrieg – und mit Liedern Bertolt Brechts. Der 1958 geborene Ghassan Salhab produziert neben essayistischen Formaten auch fiktionale Stoffe. Er unterrichtet als Dozent an verschiedenen Universitäten und wurde für sein filmisches Werk mehrfach auf internationalen Festivals ausgezeichnet.

FANN: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Briefe von Rosa Luxemburg als Aufhänger für einen Film zu verwenden?

Ghassan Salhab: Ich kannte Rosa Luxemburg schon vorher, denn ich komme aus dem linken politischen Spektrum und bewege mich immer noch dort. Vor langer Zeit habe ich ein paar ihrer Briefe gelesen und fand sie interessant, habe ihnen aber nicht viel Beachtung geschenkt. Viel später, 2015 oder 2016, habe ich neue französische Übersetzungen gelesen – mein Deutsch ist dafür zu schlecht. Auch in Berlin habe ich ihre Briefe gelesen, als ich von April bis Oktober 2016 als Gast des DAAD hier war. Am Anfang ist es so, als betrachte man Rosa Luxemburg durch ihre Briefe aus einer neuen Perspektive. Doch je mehr ich gelesen habe, desto klarer wurde mir: Das ist keine neue Perspektive. Es ist, als ob ich eine bestimmte Schicht in ihr berühre. Das ist mir vor allem so gegangen, als ich einen bestimmten Brief aus dem Jahr 1917 gelesen habe, der auch im Film vorkommt. Da habe ich beschlossen, mich damit zu beschäftigen. Ich war berührt vom Scheitern ihrer Kämpfe, aber gleichzeitig bedeutet dieses Scheitern nicht gleich Resignation. Die meisten Ideologien oder auch Religionen haben die kranke Vorstellung, man müsse den Menschen in den Mittelpunkt von allem stellen. Mich hat fasziniert, dass Rosa Luxemburg das menschliche Sein in Beziehung zum Leben setzte – und nicht das Leben als Diener des Menschen sieht.

FANN: Sie hatte ja auch eine sehr enge Verbindung zur Natur…

Ghassan Salhab: Genau. Aber nicht nur nach dem Motto: „Wow, Vögel und solche Sachen.“ Ich habe gefühlt, dass sie in den Momenten im Gefängnis verstanden hat, dass wir Teil eines Ganzen sind. Natürlich interessierte sie sich für Menschen, aber gleichzeitig sah sie nicht nur Kämpfe, Macht und all das, was für mich die „Krankheit der Menschheit“ ist. Das hat mich fasziniert. Es ist kein Film über Rosa Luxemburg, es ist ein Film „durch“ Rosa Luxemburg.

FANN: In Berlin haben Sie dann angefangen, an dem Film zu arbeiten?

Ghassan Salhab: In Berlin habe ich angefangen zu denken und zu filmen. Später habe ich mich entschieden, auch im Libanon zu drehen. Ich wollte Rosa Luxemburg auf meinen eigenen Boden holen. Deswegen wollte ich Teile des Films auf Arabisch haben, nicht nur auf Deutsch.

FANN: Existierte schon eine arabische Übersetzung der Briefe?

Ghassan Salhab: Ich glaube, wir waren die ersten. Eine Freundin hat die Texte übersetzt. Ich denke, das war das erste Mal, dass Rosa Luxemburg ins Arabische übersetzt wurde.

FANN: Wie wird Rosa Luxemburg denn in arabischen Ländern rezipiert?

Ghassan Salhab: Ich kann nur für den Libanon sprechen: Die meisten Leute kennen sie nicht. Nur Linke wissen, wer sie ist, und nur wer Englisch oder Französisch versteht, kann ihre Texte lesen. Die Leute kennen eher Personen wie Marx und Engels oder Che Guevara. Aber selbst hier in Deutschland ist das so. Im Januar dieses Jahres hat das Gedenken an ihren 100. Todestags stattgefunden. Mir wurde gesagt, dass zwar viel über sie gesprochen wurde, aber nicht so sehr über ihre Briefe. Sie ist eine Ikone, aber ich wollte sie nicht so darstellen. Ich wollte zu den tieferliegenden Schichten vordringen. Obwohl ich sehr an ihrem politischen Denken interessiert bin, fand ich es spannender mir vorzustellen, dass das Leben und die Menschheit anders sein könnten: eine Freude. Das Ganze ist nicht nur eine Frage von Taktik, Strategie und Ideologie.

Ghassan Salhab

FANN: Welche Parallelen kann man von Rosa Luxemburgs Lebenswelt zur heutigen ziehen?

Ghassan Salhab: Das hängt von jedem einzelnen ab. Ich mag keine Beispiele. Aber klar: Diese Frau hat vieles früher als andere gesehen – beispielsweise sprach sie von der Umwelt, als das noch niemand getan hat. Sie war sich der Zusammenhänge zwischen den Dingen bewusst. Viele Menschen verstehen unter Revolution, dem Mann oder der Frau an der Spitze den Kopf abzuhacken. Aber darum geht es nicht. Es ist viel komplexer. Ich mag Worte wie „Lehre“ oder „Lektion“ nicht, aber wenn wir etwas lernen können, dann wäre es, dass wir die Dinge von allen Seiten betrachten müssen. Vielleicht lautet die „Lektion“: Seid bewusst, seid selbstkritisch, macht die Augen auf. Der Versuch, die Welt nicht so zu nehmen, wie sie ist, ist fundamental wichtig.

FANN: Wie kamen die unterschiedlichen Schichten im Film zustande?

Ghassan Salhab: Ich habe diesen Film nicht am Stück gemacht. Ich habe gefilmt, Archive besucht, geschnitten. Als ich zurück nach Berlin kam, habe ich mich entschieden, die Orte im Stadtbild zu filmen, die auf sie verweisen – wie den Rosa-Luxemburg-Platz, den ich dann nicht verwendet habe – oder die Brücke, von der ihre Leiche geworfen wurde. Ich wollte keine Interviews machen, habe mich aber entschieden, eine Freundin zu fragen, ob sie mir ihre Stimme leiht. Es gibt zwei Frauen im Film, die halb deutsch, halb libanesisch sind. Ich habe auch beschlossen, meine eigenen Notizen und solche von Denkern oder Lyrikern einzubringen – aber nur als Subtext, ich wollte keine männliche Stimme hören. Ich habe mich dann entschieden, auf diese Art und Weise im Film vorzukommen. Man fügt Elemente zusammen und guckt, wie sie im Schnitt zusammenspielen. Ich habe niemanden, der mir sagt, was ich machen soll. Das ist die schöne Gefahr der totalen Freiheit.

FANN: Wie haben die Berlinale-Gäste auf Ihren Film reagiert?

Ghassan Salhab: Es hat mich sehr berührt, dass der Film Personen meiner Generation, ältere, aber auch jüngere auf die eine oder andere Weise angesprochen hat. Manche haben mir dafür gedankt, dass ich dem Bild Rosa Luxemburgs neue Schichten hinzugefügt habe. Menschen interpretieren den Film unterschiedlich, damit habe ich kein Problem. Ich bin sicher, dass manche fragen, was das soll. Das ist in Ordnung. Ich weiß, dass ich – kinematografisch gesehen – eine Minderheit bin. Mein Film wird Ende März bei einem Festival in Beirut gezeigt. Was andere arabische Länder angeht, weiß ich noch nichts Genaues. So ein Film kommt nicht in die kommerziellen Kinos. Es ist ein Essay, kein Mainstream.

FANN: An was arbeiten Sie gerade?

Ghassan Salhab: Am Schnitt des Films Der Fluss. Es ist eine Art Triptychon. Der erste Teil ist „Der Berg“ und der zweite „Das Tal“, der auch bei der Berlinale zu sehen war. Nächstes Jahr werde ich hoffentlich einen neuen Essay machen, der wieder von der Möglichkeit handelt, „anders auf dieser beschissenen Erde zu leben“. So sehe ich das. Und das ist es auch, was mich an Rosa Luxemburg interessiert. Wie können wir anders auf dieser Erde leben – und nicht nur ein Arschloch durch ein anderes ersetzen? Außerdem beschäftige ich mich mit einer anderen besonderen und faszinierenden Frau: Simone Weil, einer französischen Philosophin, die mit den Katalanen im spanischen Bürgerkrieg gekämpft hat.