Schon zum neunten Mal fand vom 5. bis 10. Dezember 2018 in Amman das Menschenrechtsfilmfestival Karama statt. Auf dem Programm standen 74 arabische und ausländische Filme, die an insgesamt sechs Festivaltagen gezeigt wurden. Am letzten Tag wurden die besten Filme in sechs Sparten mit der „Karama Feder“ ausgezeichnet.

Das Festival, das 2009 gegründet wurde und 2010 seine erste Auflage feierte, ist das erste Menschenrechtsfilmfestival in der arabischen Welt. 2015 bildete sich aus ihm u.a. das „Arabische Netzwerk für Menschenrechtsfilme“ heraus, das neben dem Karama Filmfestival in Amman auch die gleichnamigen Festivals in Beirut, Gaza und Mauretanien ausrichtet. Im Jemen musste es aufgrund der derzeitigen Sicherheitslage abgesagt werden.

Die neunte Auflage des Festivals lief unter dem Motto „Du bist nicht allein“. Die Rolle der Frau in der arabischen Welt stand dabei im Vordergrund, so z.B. in der tunesischen Produktion Al-Jaida und der Schweizer Produktion Die göttliche Ordnung. Das Filmprogramm beschränkte sich allerdings nicht ausschließlich auf die arabische Frau und ihre Rechte. So wurde neben dem globalen Terrorismus auch die Situation in den post-revolutionären arabischen Ländern thematisiert, was u.a. in dem belgischen Film Lost in the Middle und dem syrischen Film Of Fathers and Sons deutlich wurde.

„Unser Hauptanliegen ist es, dass jeder Mensch in Würde leben kann“

Innerhalb von sechs Tagen wurden auf dem Festival Animations-, Dokumentations-, Spiel- sowie Kurz- und Langfilme gezeigt. Darüber hinaus beinhaltete das Programm die von Zind Abdelnour, Janna Scharaf, Zind Saeed und Sarah Nahas organisierte Ausstellung „Das Gewissen der Kunst“, die Konferenz „Ta‘marbuta – Von Frau zu Frau“, die Theateraufführung „Nenn es wie du willst!“ und Animationsworkshops für Studierende der Australian University in Amman und der Universität Petra.

Sawsan Darwaza

Sawsan Darwaza leitet das Karama Filmfestival in Amman.

Sawsan Darwaza, Leiterin des Karama Festivals, erzählt im Interview: „Unser Hauptanliegen ist es, dass jeder Mensch in Würde leben kann. Daraus ist auch der Name Karama entstanden. Zu unseren Zielen gehört es, Wissen zu vermitteln, egal ob in abstrakter oder konkreter Form. Es gibt an sich keinen ‚Menschenrechtsfilm‘. Erst durch die Art und Weise, wie man die Wahrnehmung des Publikums lenkt und den Film aufführt, legt man letztlich fest, ob es einer ist oder nicht. Die meisten unabhängigen arabischen Filmproduktionen widmen sich dem Thema Menschenrechte in der Region, etwa in Bezug auf Kinder und Menschen, die eine körperliche oder geistige Behinderung haben.“ Durch diese Arbeit, so Darwaza, habe das Festivalteam herausgefunden, dass die filmische Herangehensweise intellektuell anspruchsvoller sei als öffentliche Menschenrechtskampagnen, wenngleich einige auch auf dem Festival vertreten waren.

Frauen und Widerstand in Tunesien

Die vielen Filme im Programm unterschieden sich vor allem hinsichtlich ihrer Qualität sowie ihres Entstehungsprozesses. Unter allen Produktionen ragte besonders der Eröffnungsfilm Al-Jaida der tunesischen Regisseurin Salma Baccar heraus. Darin geht es um eine Gruppe tunesischer Frauen in den 1950er-Jahren, denen laut islamischer Gesetzgebung vorgeworfen wird, die Befehle ihrer Männer und Väter zu missachten. Die zuständigen Richter, die sich bei der Rechtsprechung auf die vier sunnitischen Rechtsschulen berufen, geben dem Antrag statt, die Frauen ins Gefängnis Al-Jawad zu werfen. Geleitet wird es von einer Frau namens Al-Jaida. Sie wird damit beauftragt, die Frauen psychisch zu demütigen oder durch Zwangsarbeit zu schikanieren. Demgegenüber stellt der Film die Lebensgeschichten von vier Frauen unterschiedlichen Alters und aus unterschiedlichen sozialen Schichten vor, die aus anderen Gründen inhaftiert worden waren. Ebenfalls gezeigt werden die alltäglichen Protestmärsche gegen die französischen Kolonisatoren in Tunis und der Freiheitskampf des tunesischen Volkes.

Am letzten Festivaltag wurde der Dokumentarfilm Of Fathers and Sons des syrischen Regisseurs Talal Derki aufgeführt. Über Monate hinweg, vielleicht sogar über Jahre, hatte der Regisseur einen Emir der Nusra-Front im Norden Syriens begleitet. In dieser Zeit fing er seinen Alltag, seine Denkweise und den Umgang mit seinen Frauen, Kindern, Nachbarn und den Kämpfern unter seinem Kommando ein. Derkis Film dokumentiert, wie die von den Eltern vertretene salafistisch-dschihadistische Ideologie auf die Kinder zwangsvererbt wird, ohne dass die Jungen, die seit ihrer Geburt die Namen der Anführer von Al-Qaida tragen (Ayman, Ossama, Khattab), eine andere Wahl hätten. Hinzu kommt die auf die Kinder übertragene Gewaltbereitschaft und das Erlernen befremdlicher Spiele, wie zum Beispiel das Basteln einer Bombe mit einfachen Mitteln.

Der Film erzählt das Schicksal der Jungen und begleitet sie bis ins Ausbildungslager der Nusra-Front, das einer von ihnen wegen mangelnder körperlicher Eignung wieder verlassen muss. Die beiden anderen bleiben dort und schließen sich gegen Ende des Films dem bewaffneten Kampf an. Was bleibt, ist die paradoxe Situation der Kinder, die sich anfangs gegen ihren Willen in den Kampf begeben haben und sich später nicht mehr davon losreißen können. Im Gegensatz dazu geht der dritte Junge, der das Lager wieder verlassen hatte, wie alle anderen Kinder auch in die Schule.

Abschließend meint Festivalleiterin Sawsan Darwaza: „Wir sind gerade dabei, einen neuen Anlauf zur Ausrichtung des Karama Festivals im Jemen zu nehmen. Unser Plan ist es, künftig mehr Einfluss auf europäische Festivals zu nehmen. Für den europäischen Zuschauer stellen sich bestimmte Fragen zu Themen, die für uns vielleicht selbstverständlich sind, für ihn aber weniger, z.B. die Palästina-Frage.“

Übersetzung: Hussein Gaafar