Wir würden uns selbst anlügen, wenn wir behaupteten, dass die Kunst den Humanismus jeder Form von Sektierertum oder Rassismus vorziehe. Trotzdem gibt es zahlreiche Versuche, eben nicht all jene zu unterstützen, die den Standpunkt des politischen Feindes vertreten. Letzterer kann in der arabischen Welt sowohl ein historischer Feind sein, wie z.B. Israel, als auch ein neuer, wie z.B. die Diktatur, deren Entdeckung (in Tunesien, AdR) zur Selbstverbrennung von Mohamed Bouazizi und schließlich zu einer Revolution geführt hat. Diese sprang auf andere arabische Länder über, wurde von ihren Gegnerinnen und Gegnern aber aktiv zur Katastrophe stilisiert. Dies geschah umso mehr, je stärker Extremismus, Enthauptungen und der IS um sich griffen. Doch darum soll es hier nicht gehen. Wir wollen uns lieber mit Kunst als Widerstand und als Darstellung einer reinen Wahrheit beschäftigen.

Seit Beginn des arabischen Frühlings sind die Geschichten im Kino näher an die Realität herangerückt. Besonders in den ersten zwei Jahren nach Ausbruch der Revolutionen wurden die Demonstrationen, die sich der Straßen und Plätze bemächtigt hatten, zu Filmszenen. Danach jedoch veränderte sich die Konstellation: Es war ein Rückgang bzw. eine Gewöhnung an aktuelle Zustände zu verzeichnen. Die meisten der Filme, die von Ländern produziert wurden, die kurze Zeit der Freiheit nahe waren, beschäftigten sich plötzlich nur mit dem IS und den Muslimbrüdern. Obwohl dieser Fokus zweifellos wichtig ist, kann dieser Wandel auch als Versuch gesehen werden, die Aufmerksamkeit von anderen Verantwortlichen abzulenken, die ebenfalls zur Zerstörung beitragen und nicht weniger gefährlich sind.

Syrische Filmproduktionen bestätigen Regime-Narrative

Syrien ist dabei der größte Verlierer. Von Palästina soll hier erst gar nicht die Rede sein, das im Kino schon seit Jahren erfolgreich ausgebeutet wird. In Syrien aber, dessen Schmerz noch spürbar ist, hat das Assad-Regime in letzter Zeit bemerkt, dass es Teil der Filmindustrie und insbesondere des Festivalbetriebs sein muss. Es ist mehr als auffällig, dass die Produktionen der staatlichen syrischen Filmbehörde nur die Sichtweise des kriminellen Assad-Regimes abbilden. Die Aufgabe, dessen Narrative zu bestätigen, wird für die Filmbehörde immer wichtiger. Was wir in letzter Zeit gesehen haben, sind syrische Filmproduktionen, die nicht nur künstlerisch schwach sind, sondern auch jedem freien Syrer und jeder freien Syrerin die Waffe auf die Brust setzen.

tadmor filmstill

© Monika Borgmann und Lokman Slim/UMAM Productions – Les Films de l’Étranger – GoldenEggProudctions

Trotzdem ist bislang noch keine offizielle syrische Filmorganisation aufgetaucht, die der Opposition zuzurechnen wäre. Wer das versucht, muss zwingend schwach wirken in Anbetracht des Arsenals, mit dem die gegnerische Seite in den Konflikt zieht. Es gibt zwar Filme, die nach der syrischen Revolution produziert und positiv aufgenommen wurden, z.B. Return to Homs von Talal Derki, Tadmor von Lokman Slim oder Queens of Syria von Yasmin Fadda. Bei allen drei handelt es sich um Dokumentarfilme, die auf internationalen Filmfestivals Erfolg hatten und heftig diskutiert wurden.

Das Leid in Syrien wird im Kino ausgeschlachtet

Doch dann trat Bassel Khatib mit seinen Filmen Mariam und The Father auf den Plan. Vor allem letzterer wurde als filmische Gegenposition zu Werken, die von Gegnerinnen und Gegnern des Assad-Regimes produziert wurden, aufgefasst. Außerdem gewann Joud Saeed mit Rain of Homs und Waiting for the Fall mehrere Preise. Obwohl seine Filme ausschließlich vom Leid und der Zerstörung Syriens handeln, war das Medienecho gewaltig. Saeed wurde mit viel Lob bedacht, auch wenn er sich in nichts von dem Filmemacher Mohammad Bayazid, der gemeinhin der Opposition zugerechnet wird, unterscheidet. Was die Ausbeutung von Leid angeht, sind Saeed und Bayazid zwei Seiten derselben Medaille.

Zwischen Return to Homs von Talal Derki und Rain of Homs von Joud Saeed spielt sich die Geschichte der syrischen Revolution ab: die Geschichte einer Nation und eines Volkes, dessen einzige Schuld es ist, in Würde leben zu wollen. Die Flugzeuge, Gewehre, Enthauptungen, Mörser, Inhaftierungen, Attentate – und letztlich die große Filmleinwand – arbeiten dem jedoch entgegen.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz