„Frauen dürfen im Sudan keinen Fußball spielen und wir dürfen keinen Film machen, aber…“ Der Film Oufsaiyed Elkhortoum (dt. „Abseits Khartum“) von Marwa Zein beginnt mit einem bezeichnenden Wort. Das „Aber“ treibt die Frauen an, die im Mittelpunkt des Dokumentarfilms stehen, der im Forum der Berlinale 2019 seine Weltpremiere gefeiert hat.

Die Rebellion der Frauen ist kein Selbstzweck, sondern dient einem Ziel: Fußball zu spielen. Sie trainieren am Rande der sudanesischen Hauptstadt Khartum und arbeiten an ihrem Traum: als sudanesische Frauen-Nationalmannschaft bei internationalen Turnieren anzutreten. Doch immer wieder laufen sie dabei gegen Wände. Eigentlich sollten sie einen Teil der Fifa-Zuschüsse bekommen, heißt es. Doch bisher haben sie davon noch nichts gesehen. Irgendwelche Männer mit Funktionen erklären ihnen: Um eine Nationalmannschaft aufzubauen, bräuchten sie mindestens acht Teams, ein Büro und eine Struktur. Wo liegt das Problem? Die Strukturen scheinen undurchsichtig. Unklar erscheint auch, wo die Grenzen zwischen Erlaubtem und Verbotenem verlaufen. Die Frauen scheinen ständig zu lavieren und auszuloten, was geht und was nicht.

Filmstill Offside Khartoum

Zwei Teams, zwei Farben, aber keine offizielle Anerkennung. © Marwa Zein Arbab

Einmal sei plötzlich ihr Onkel bei einem Spiel aufgetaucht, berichtet die Spielerin Hinda. Sie habe eigentlich im Tor gestanden, aber sei einfach schnell rausgegangen – damit es so aussähe, als ob sie nur zugucken würde. In einer anderen Szene berichtet eine Spielerin, wie die Polizei vor ihrer Tür stand und die Identitäten der anderen Frauen im Team herausbekommen wollte. Das Spielerinnen stehen unter Beobachtung – aber sie spielen weiter.

„Ich glaube, Humor ist eine ihrer Waffen“

Weil sie Geld brauchen, überlegen die Frauen, einen Coffeeshop zu eröffnen. Sie sitzen im Auto und beraten über die Orte, die sie sich angesehen haben. Ob es dort keine Razzien gäbe? Man brauche einen guten Draht zu Regierung, sagt eine der Frauen lachend. Sie schlagen sich durch, finden ihre Wege. Der feine, oftmals schwarze Humor der Fußballerinnen prägt nicht nur die Stimmung des Filmes, sondern trägt die Frauen offensichtlich durch den Alltag. „Ich glaube, Humor ist eine ihrer Waffen“, sagt Regisseurin Marwa Zein bei einem Publikumsgespräch während der Berlinale. Sie selbst hat sich von dem Charisma und dem Elan der jungen Frauen in den Bann ziehen lassen – und transportiert diese Sympathie und die gewonnene Vertrautheit durch ihre Bilder.

Scheinbar unbefangen bewegen sich die Protagonistinnen vor der Kamera und erzählen aus ihrem Leben. Sie machen sich lustig über die Vorstellung, mit Hidschab auf dem Platz zu stehen. „Bin ich hier, um Fußball zu spielen oder mein Tuch festzuhalten?“, fragt eine von ihnen. Eine Spielerin erzählt, wie sie ohne Kopftuch von Soldaten „Junge-Mädchen“ genannt wurde – offensichtlich ein Schimpfwort. Mit diesem „Junge und Mädchen“ fange das ganze Problem an, sagt die junge Frau.

Marwa Zein

Die Regisseurin Marwa Zein. © Marwa Zein

In einer poetischen Szene greift Marwa Zein das Thema auf und verlässt den Pfad der reinen Dokumentation. Sie zeigt Ausschnitte nackter Körper, bei denen unklar bleibt: Gehören diese Männern oder Frauen? Diese Szene macht deutlich, was hinter der Story liegt: die Annahme, dass Männer und Frauen gar nicht so verschieden sind. „Manchmal fühle ich mich sehr weiblich. Manchmal denke ich: Es ist mir scheißegal“, sagt die Regisseurin.

Die Militärregierung der autoritär regierten islamischen Republik sieht das sehr anders. Alles, was die Unterschiede zwischen Männer- und Frauenrollen mindern könnte, ist dem Regime ein Dorn im Auge. Frauenfußball rüttelt an den Grundlagen der Geschlechterordnung. Ob Leute das Team unterstützen, hänge auch davon ab, ob sie für oder gegen das Regime seien, erklärt die Regisseurin.

Von kleinen Fans und großen Unterstützerinnen

Eine Episode zeigt eindrücklich, wie konservative und liberale Ideen innerhalb einer einzigen Vorstellungswert zusammenfallen können. Ein kleines Mädchen steht mit großen Augen am Spielfeldrand. Sie möchte mitmachen, aber ist noch zu jung. Um zu beweisen, wie stark sie ist, erzählt sie, wie sie einmal mit bloßen Zehen gegen einen Ball getreten hat – ohne zu schreien. „Weil du Fußball liebst?“, fragt eine Spielerin. „Ja, mehr als alles andere“, sagt das Mädchen. Sie berichtet, dass sie niemals heiraten wolle. Kinder aber möchte sie trotzdem. Die Frauen lachen und fragen sie, wie das gehen soll. Dass es da einen Zusammenhang gibt, scheint dem Mädchen nicht klar zu sein. Wie man Männer um den Finger wickelt, weiß sie jedoch ganz genau. Kokett wackelt sie mit den Schultern, um das zu beweisen. Der Wunsch nach Unabhängigkeit und Gefallen-Wollen sind für sie (noch) kein Widerspruch.

Filmstill Offside Khartoum

Khartum aus der Vogelperspektive. © Marwa Zein Arbab

Sara, eine der Spielerinnen, ist im Süden des gespaltenen Landes aufgewachsen. Es ist unklar, ob sie im Norden bleiben darf. Seit einem Referendum im Jahr 2011 ist der Südsudan unabhängig vom Rest des Landes. Die Kamera begleitet Sara zum HIV- und Hepatitis-Test. Nur wenn diese negativ sind, werde ihre Aufenthaltsgenehmigung verlängert, erzählt sie. Der Film zeigt, mit welchen Problemen die jungen Sudanesinnen auch jenseits des Fußballs zu kämpfen haben.

„Jeder Drehtag im Sudan ist ein Kampf“

Geplant war der Film nicht. Angefangen habe alles mit einem Anruf einer Freundin, erzählt die 1985 geborene Marwa Zein, die unter anderem als Programmkuratorin für das Sudan Independent Film Festival in Khartum arbeitet. Sie lebt im Sudan und in Deutschland, wo sie seit 2018 an der Kunsthochschule für Medien Köln studiert. Am Telefon habe die Freundin sie gebeten, eine fünfminütige Dokumentation über das sudanesische Frauen-Fußballteam zu drehen. „Ich liebe Fußball“, sagt Marwa Zein. Sie selbst ist in Saudi-Arabien und Ägypten aufgewachsen, begreift sich aber als Sudanesin.

Filmstill Offside Khartoum

Die Spielerinnen nehmen die schwierige Situation mit Humor. © Marwa Zein Arbab

In Khartum angekommen habe sie festgestellt, dass sich das Thema auf keinen Fall in einem fünfminütigen Beitrag abarbeiten lasse. Die Begegnung mit den Spielerinnen hat die Regisseurin inspiriert, weiterzumachen und mehrere Jahre an dem Projekt zu arbeiten. Wie die Fußballerinnen musste auch die Regisseurin mit dem „Aber“ arbeiten. Trotz aller Versuche, das Projekt auf legalem Weg zu verfolgen, habe sie keine Genehmigung bekommen. „Jeder Drehtag im Sudan ist ein Kampf. Jeder Tag ist ein Kampf“, sagt sie.

Am Ende des Film spielen die Frauen ein Match auf einem großen Platz zwischen Hochhäusern. Es ist klar: Hier passiert etwas Besonderes. Wie werden die Leute reagieren? Wird die Polizei kommen? Statt Ablehnung ernten die Frauen Applaus. Männer sitzen im Publikum, jubeln und fiebern mit. Das Geschlecht scheint für die Zuschauenden keine Rolle mehr zu spielen. „Eigentlich ist es ihnen egal. Sie lieben Fußball“, sagt Marwa Zein.