Der schönste Moment in Mohamed Soueids Dokumentarfilm Cinema Fouad kommt gleich im ersten Drittel. Auf die Frage, ob sie sich selbst gernhabe, antwortet Transfrau Khaled El Kurdi mit einem Lächeln: „Natürlich, warum denn nicht?“ Cinema Fouad, der 1993 gegen Ende des libanesischen Bürgerkriegs entstanden ist, zeigt keine Protagonistin, die unter ihrer Geschlechtsidentität leidet oder diese verneint. In dem Beiruter Hotelzimmer, in dem sie vorübergehend lebt, sehen wir sie sich schminken, Gemüse schneiden und auch einmal kurz tanzen. Khaled schlägt sich als Bauchtänzerin in einem Nachtclub durch, von ihrem Geliebten lässt sie sich „Oscar“ nennen, nach der Protagonistin der japanischen Anime-Serie Lady Oscar. Die wurde als Mädchen geboren, von ihrem Vater aber als Junge erzogen. Khaled, die weiterhin ihren männlichen Geburtsnamen benutzt, wusste schon als kleines Kind in Aleppo, dass sie so war wie Oscar – im falschen Geschlecht geboren.

Filmstill Cinema Fouad

Khaled schminkt sich nur, wenn sie zuhause bleibt. © ALFILM

Oscar tritt im Anime in die Palastgarde von Versailles ein und auch Khaled wird zur Kämpferin. Die Syrerin schließt sich im libanesischen Bürgerkrieg unter ihrem Geliebten einer Einheit der Fatah an, in deren Rängen sie als Frau dient. Für eine Bauchtänzerin mag das überraschend scheinen, sie selbst beschreibt diese Zeit aber so, als wäre sie nur eine weitere Episode in ihrem bewegten Leben. Filmemacher Mohamed Soueid ist dabei zu keinem Zeitpunkt auf aufreizende Bilder oder Aussagen aus. Seine Kamera folgt Khaled unvoreingenommen und ohne die gesellschaftliche Ablehnung zu reproduzieren, der Transmenschen in Libanon (und nicht nur dort) ausgesetzt sind.

Khaled tanzt und wird zensiert

Nur einmal wirkt Khaled niedergeschlagen: Die Beschimpfungen auf der Straße machen ihr zu schaffen. Sie gehe daher nie geschminkt und nur in Männerkleidern aus dem Haus. Das kleine Hotelzimmer ist ein Refugium, das sie nur selten verlässt. Egal wie glücklich Khaled mit sich selbst als queerem Menschen also ist, kann sie sich in der gesellschaftlichen Sphäre kaum gegen normative Vorstellungen von Geschlechtsidentität zur Wehr setzen. „Als ich den Film in den 1990er-Jahren gedreht habe, war ich vielleicht etwas naiv“, erzählt Mohamed Soueid am Rande des ALFILM Festivals in Berlin, in dessen Spotlight-Programm Cinema Fouad gezeigt wurde. „Ich dachte, Khaled könnte durch die Aufmerksamkeit, die der Film generieren würde, das nötige Geld für eine Geschlechtsumwandlung sammeln.“ Stattdessen sei der Film zensiert worden. Bis heute darf er in Libanon nicht gezeigt werden.

Der junge Filmemacher Anthony Chidiac, 1988 in Beirut geboren, wählt in Room for a Man (2017) die gleiche filmische Herangehensweise wie Soueid: Sein autobiografischer Dokumentarfilm konzentriert sich ebenfalls auf ein Zimmer, zwischen dessen Wänden sich das Leben eines queeren Mannes im Beirut von heute abspielt. Chidiac dokumentiert den Nippes auf einem Seitenbrett, die rotschwarze Tapete mit ihren barocken Mustern und den halbverstellten Blick über die Dächer Beiruts. Immer wieder kehrt seine Kamera zu einem Gemälde in schnörkeligem Rahmen zurück, dem Porträt einer jungen Frau. Hier beginnt die Verschiebung der Geschlechter, mit denen Chidiac in seinem Film so unaufdringlich wie poetisch spielt. So ist die Sprecherin eine Frau; nicht sofort ist klar, ob es sich bei der Person in der Erzählung um ein Mädchen, einen jungen Mann oder Chidiac selbst handelt. Dieses Schweben zwischen Abbildung und vorsichtiger Inszenierung der Realität macht Room for a Man zu weit mehr als einem persönlichen Dokument.

Schließlich kommen Mutter und Onkel des Regisseurs zu Wort, die erstmals benennen, beide auf ihre Art, was Chidiac angeblich so „anders“ mache. Seine Mutter kritisiert sein feminines Auftreten und fragt sich, ob sie Mitschuld an seiner sexuellen Orientierung trage, weil ihrem Sohn in der Kindheit die männliche Bezugsperson gefehlt habe. Chidiacs Vater ist Halb-Argentinier und lebt schon seit Langem in seinem zweiten Heimatland. Die Beziehung zum Sohn scheint, wenn nicht unterkühlt, so doch von Unsicherheiten geprägt. Der Onkel wird deutlicher: In der Familie habe Homosexualität keinen Platz. Man solle nicht „aus dem goldenen Rahmen der ehrenwerten Familie“ ausbrechen, das Beschädige das Image der ganzen Sippe.

Ein selbstbewusster Raum für queere Identitäten

Chidiac dokumentiert diese Aussagen und kehrt anschließend in sein Zimmer zurück, das mittlerweile von syrischen Bauarbeitern wimmelt. Es soll renoviert werden, der Nippes kommt in Kartons und die barocke Tapete wird abgerissen. Während Kindheit und Jugend sich in Staub auflösen, richtet sich die Kamera auf die Körper der jungen Männer. Mit manchen beginnt der Filmemacher ein Gespräch, lässt sie von ihrem Leben als Illegale in Libanon, von ihren Träumen und Ängsten erzählen. Auch wenn es in der Familie keinen Platz für queere Identitäten gibt, schafft er ihnen in seinem Zimmer einen selbstbewussten Raum. Die Dokumentation ist konsequent aus Chidiacs Perspektive erzählt: Ihn selbst sieht man erst in der letzten Einstellung, im Bus über eine Landstraße in Argentinien holpernd, wo er seinen abwesenden Vater besucht hat.

Auch Khaled verlässt in der letzten Szene von Cinema Fouad ihr Hotelzimmer: Beschwingt läuft sie einem Volleyball hinterher. Ihre Spielpartnerinnen oder –partner treten nicht ins Bild. Dass sich beide Dokumentarfilme fast ausschließlich in vier Wänden abspielen, ist nicht überraschend, wenn man die Rechtslage in Libanon kennt: Homosexualität und Transgeschlechtlichkeit sind zwar an sich nicht kriminalisiert, vermeintlich „widernatürliche Handlungen“ können aber mit mehrjährigen Haftstrafen oder Geldbußen geahndet werden. Diese rechtliche Handhabe wird besonders häufig gegen homosexuelle Männer und Transfrauen eingesetzt, auch wenn dies in den letzten Jahren von mehreren Gerichten für unrechtmäßig erklärt wurde und von LGBTIQ-Organisationen wie Helem immer wieder angeprangert wird. Hinzu kommt die gesellschaftliche und familiäre Ächtung.

Was ist aus Khaled geworden?

In den 23 Jahren, die zwischen Cinema Fouad und Room for a Man liegen, hat sich zwar einiges verbessert für queere Menschen in Libanon. Der glückliche Grundton, der beide Filme verbindet, spiegelt aber trotzdem weit mehr die selbstbewusste Lebenseinstellung der Hauptfiguren als ihre gesellschaftliche Lage wider. Was aus Khaled geworden sei, wird Mohamed Soueid beim ALFILM Festival mehr als einmal gefragt. „Ich habe drei verschiedene Theorien gehört, weigere mich aber, ihnen Glauben zu schenken“, sagt der Filmemacher. „Einige meinten, Khaled sei in die Prostitution abgerutscht. Andere erzählten, sie sei im Norden Libanons wegen Drogenschmuggels festgesetzt worden. Wieder andere sagten, sie sei schizophren geworden und in der Psychiatrie gelandet.“ Nachdem das Hotel, in dem sie gelebt hatte, abgerissen worden sei, habe Soueid den Kontakt zu ihr verloren. Khaleds Geschichte bleibt offen, das Kinopublikum muss sich das Ende selbst erfinden. Auch wie es mit seiner zerrissenen Familie weitergeht, erzählt Anthony Chidiac nicht. Eins aber ist sicher: Von diesem jungen Regisseur werden noch viele interessante Filme zu sehen sein.

Lilian Pithan

Journalistin, Übersetzerin und deutsche Redakteurin des FANN Magazins.

2018-04-18T16:06:00+00:00