Rod El Farag ist einer der ärmsten Stadtteile Kairos. Für die libanesisch-ägyptische Filmemacherin Reem Saleh ist der Ort aber viel mehr als das. In ihrem Dokumentarfilm Al Gami’ya porträtiert sie eine enge Gemeinschaft, deren Mitglieder sich über ein Kreditsystem gegenseitig finanziell unterstützen. Auch an der Lösung familiärer Probleme sind alle beteiligt. Saleh zeigt das Leben in Rod El Farag ungefiltert und ohne den Anspruch, die Realität zu beschönigen.

Al Gami’ya feierte bei der diesjährigen Berlinale seine Weltpremiere. Im Interview erzählt Reem Saleh, wie ihre Doku entstanden ist und warum besonders die Frauen aus Rod El Farag in ihrem Film so präsent sind.

FANN: Wie kam es dazu, dass Sie einen Film über die Bewohnerinnen und Bewohner von Rod El Farag gedreht haben?

Reem Saleh: Mein Vater ist Libanese und meine Mutter Ägypterin, sie kommt ursprünglich aus Rod El Farag. Bevor sie gestorben ist, hat sie mich gebeten, sie in Ägypten zu begraben. Also bin ich für die Beerdigung zurück in die Nachbarschaft von Rod El Farag, in der sie aufgewachsen ist. Ich fühlte, dass ich dort mehr Zeit verbringen musste, um eine Verbindung zu diesem Teil ihrer Kindheit herzustellen, der mir bis dahin nicht wirklich bewusst war. Dieses Erlebnis hat mich sehr inspiriert, denn Rod El Farag ist sehr lebendig. Natürlich sind die Bewohner sehr arm, aber gleichzeitig strahlt der Ort Würde aus. Darüber hinaus ist die Unterstützung innerhalb der Community sehr groß, was sich unter anderem an der Gami’ya, einer Art Kreditgenossenschaft, zeigt. Von den Gami’yas hört man in Ägypten ständig, denn die Menschen planen ihr ganzes Leben auf der Grundlage dieser Zahlungen, z.B. bei der Ausrichtung von Hochzeiten. Das Konzept der Gami’ya ist in Ägypten ziemlich verbreitet ist, im Rest der Welt aber fast unbekannt.

FANN: Sie kommen Ihren Protagonistinnen und Protagonisten sehr nah. Wie haben Sie das geschafft?

Reem Saleh: Da meine Mutter ursprünglich aus Rod El Farag kommt, haben die Bewohner mich als ihres gleichen angesehen. Außerdem habe ich sehr viel Zeit mit ihnen abseits der Kamera verbracht, bevor ich überhaupt darüber nachgedacht habe, eine Doku zu drehen. Dadurch haben wir Vertrauen und eine starke Bindung aufgebaut. Erst viel später habe ich dann mit dem Filmen angefangen. Als Team haben wir eine Beziehung zu diesem Ort und seinen Bewohnern aufgebaut, bis die Leute irgendwann vergessen haben, dass wir überhaupt existieren.

Reem Saleh Porträt

© Martín Rodríguez Redondo

FANN: Sie haben zunächst zur Gami’ya gedreht, später aber auch sehr sensible Themen, von Ehekonflikten bis zur weiblichen Genitalverstümmelung, eingefangen. Wie kam das?

Reem Saleh: Ich wollte die Dinge so zeigen, wie sie sind, und dabei kein Urteil fällen. Das Thema weibliche Genitalverstümmelung war nichts, was wir gesucht oder geplant hatten. Wir sind einfach Dunia, einem kleinen Mädchen, gefolgt und wollten zeigen, was sie mit dem Geld der Gami’ya macht. Der Streit zwischen dem Ehepaar, der im Film gezeigt wird, war dagegen ein immer wiederkehrender Konflikt. Es ist einfach normal, das in der ganzen Community zu diskutieren. Ich habe in meinem Film nichts gezeigt, war vor der Öffentlichkeit in Rod El Farag verborgen wurde. Im Gegenteil! Alles wurde sehr offen diskutiert. Für jemanden aus einer anderen Kultur mag das überraschend sein, aber so ist es nun mal.

FANN: Als sie während des Drehs mit weiblicher Genitalverstümmelung konfrontiert wurden, haben Sie interveniert. In Ihrer Doku zeigen Sie das aber nicht und verurteilen diese Praxis auch nicht. Warum?

Reem Saleh: Weibliche Genitalverstümmelung ist etwas, das mich als Frau, als arabische Frau, als halbe Ägypterin und als Libanesin ungemein stört. Als Dunia mir erzählte, dass sie sich beschneiden lassen möchte, bin ich natürlich sofort eingeschritten. Ich wollte diese Situation nicht ausnutzen, nur um diese Praxis in meinem Film zeigen. Also habe ich versucht zu intervenieren. Mir wurde versprochen, dass nichts geschehen wird. Dann aber hat Dunia eigenmächtig beschlossen, die Beschneidung durchzuziehen. Weil das etwas war, für das sie die Gami’ya genutzt hat, haben wir uns entschlossen, es auch zu zeigen – genauso, wie es passiert ist. Ich denke, dass genau das notwendig war, denn Dunia wurde eben nicht mitten in der Nacht gekidnappt, so wie die meisten Leute es vermuten würden. Das Konzept der weiblichen Beschneidung ist in dieser Kultur so stark verankert, dass selbst kleine Mädchen kaum auf den Tag warten können, an dem sie beschnitten werden.

FANN: War es eine bewusste Entscheidung, in Ihrem Film mehrheitlich Frauen zu porträtieren?

Reem Saleh: Nein, überhaupt nicht. Ich erinnere mich daran, dass ich vor drei, vier Jahren in Doha einen unfertigen Ausschnitt des jetzigen Films gezeigt habe, der 18 Minuten lang war. Dort wurde mir diese Frage ebenfalls gestellt. Damals habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass in meinem Film drei Frauen und ein Mädchen, aber nur ein Mann im Vordergrund stehen. Ich bin im wahrsten Sinne des Wortes „blind für Geschlechter“ an den Film herangegangen. Während des Drehs haben die Bewohner von Rod El Farag die Führung übernommen. Der Film zeigt nun, wie sie in allen Bereichen ihrer Community engagiert sind.

FANN: Sie haben fast sieben Jahre lang gedreht. In dieser Zeit ist politisch einiges in Ägypten geschehen. Warum erwähnen Sie das nicht?

Reem Saleh: Zum einen wollte ich, dass dieser Film zeitlos ist, denn an Orten wie Rod El Farag gibt es immer eine vergessene Community. Der politische Kontext ändert nichts daran. Das Einzige, was die Bewohner von Rod El Farag persönlich betrifft, ist die schlechte Sicherheitslage in Ägypten. Davon mal abgesehen werden sie über Nacht nicht einfach reicher oder ärmer. Sie sind so arm, wie man es nur sein kann. Daher wollte ich mich ausschließlich auf die Bewohner konzentrieren. Dieser Film ist mein Tribut an diese hart kämpfenden Menschen. Sie sind unglaublich inspirierend.