Vier ältere Herren fahren in einem rostigen, aber gepflegten Kleinbus durch die sudanesische Pampa. Mit geübten Handgriffen werden Stuhlreihen aufgestellt, eine Leinwand an einer Mauer befestigt und ein Projektor in Betrieb genommen. Charlie Chaplin kämpft nun mit den Tücken der Moderne, das Publikum lacht. Nach dem Film wird die Technik wieder abgebaut und die vier Männer fahren zurück in ihr Büro der Sudanese Film Group. Aus dem etwas trostlosen Halbdunkel dieser Räume destilliert der Film hier in einem wunderbaren Moment die Essenz seiner Geschichte: der „Regisseur“ gibt lachend Anweisungen, die imaginäre Kamera läuft und eine bebrillte „Gloria Swanson“ mit Kopftuch verkündet in ihrem legendären Monolog, sie sei jetzt bereit für ihre Großaufnahme. Ein wunderbarer Einstieg in einen Film, der von der unerschütterlichen Liebe zum Kino erzählt und in dessen Zentrum die vier betagten Regisseure und Aktivisten der Sudanese Film Group (SFG) stehen.

Der Sudan ist als Filmland bisher zu wenig internationalem Ruhm gelangt. Dennoch hatte die Berlinale in diesem Jahr gleich drei sudanesische Programme im Angebot. Neben den Dokumentarfilmen Talking About Trees von Suhaib Gasmelbari im Panorama und Oufsayeid Elkhortoum von Marwa Zein im Forum bot das Festival auch einige vom Arsenal Institut für Film und Videokunst e.V. restaurierte Kurzfilme der Mitglieder der Gruppe, die Gasmelbari in seinem Debütfilm porträtiert: Ibrahim Shaddad, Manar Al-Hilo, Suliman Elnour und Altayeb Mahdi.

Studiert haben die Filmemacher wie viele ihrer Generation aus der arabischen Welt in den 1960ern und 1970ern in Kairo, Moskau und Potsdam. Zurück im Sudan beteiligten sie sich am Aufbau einer von der staatlich gelenkten Filmproduktion unabhängigen Initiative und gründeten 1989 die SFG, kurz bevor ein Militärputsch der blühenden Kinolandschaft ein Ende setzte und alle unabhängigen Kulturinitiativen unter Generalverdacht stellte. Man muss kein Experte für sudanesische Geschichte sein, um die Situation, aber auch den Antrieb der vier leidenschaftlichen Filmemacher zu verstehen.

Weder überlebensgroße Helden noch tragische Figuren

Respektvoll und mit viel Humor gibt der Filme seinen energetischen Protagonisten und ihrer Geschichte Raum und begleitet sie beim Kramen in privaten Archiven, zu Vorführungen mit ihrem Wanderkino in abgelegene Dörfer und bei der Suche nach einem Ort für den Wiederaufbau eines Kinos. Das erste, bei dem sie fündig werden, ist das Halfaia Kino in der Hauptstadt Khartum, ein schönes Open-Air-Kino in halb verfallenem Zustand. Doch der Besitzer gibt seine Zustimmung zur Nutzung nicht. Wieder steht man am Punkt Null.

Dennoch erlauben sich die vier cinephilen Vorkämpfer keine Verzweiflung und es ist der umsichtigen Regie und zurückhaltenden Kameraarbeit Suhaib Gasmelbaris zu verdanken, dass die Protagonisten weder zu überlebensgroßen Helden noch zu tragischen Figuren stilisiert werden. Immer wieder lässt er Raum für ruhige und mitunter sogar sehr witzige Momente, die eine außergewöhnliche Freundschaft erfahrbar machen, die 45 Jahre überdauert und von gemeinsamen politischen und kulturellen Kämpfen getragen wird. Diverse Demokratien und Diktaturen in ihrem Land haben die Freunde überstanden, in Haft und Exil hielten sie zueinander. Scherzend lesen sie einander Briefe aus der Vergangenheit vor und arbeiten an neuen Filmprojekten. Der extrovertierte Ibrahim Shaddad mit seiner schelmischen Offenheit ist hier eines der Kraftzentren des Films. Mit akribischer Verve vermisst er Filmmotive, probt Soundeffekte für seinen neuen Film und plant die strategische Entwicklung des neuen Filmtheaters.

Schließlich gelingt es auch, ein anderes Kino ausfindig zu machen – in Omdurman, der Heimatstadt des 1979 geborenen Suhaib Gasmelbaris, der selbst auch Mitglied der SFG ist. Vorsichtig bemühen sich die Mitglieder der Gruppe um das Vertrauen der Nachbarn und offizieller Stellen, bevor sie beginnen, die Infrastruktur des vermüllten Kinos wiederherzurichten. Wie schwierig ein solches Unterfangen im Sudan ist, zeigt der Film. Wie viel komplizierter es in Begleitung einer Kamera und der äußerst suspekt wirkenden Tonausrüstung ist, davon erzählt Regisseur Gasmelbari im Filmgespräch. Um das Kino endlich in Betrieb nehmen zu können, bedarf es jedoch einer offiziellen Genehmigung. Obwohl sich die politische Situation im Hinblick auf die Filmwirtschaft seit Beginn des neuen Jahrtausends geringfügig entspannte, wird Kollegin Hana ab hier mit der geballten Absurdität des sudanesischen Bürokratie- und Sicherheitsapparates konfrontiert.

Dem Film gelingt es, über die Suche nach dem Kino in Form eines festen Ortes, aber auch einer eigenen Filmografie, die Geschichte und Lage eines Landes zu skizzieren, das sich auch aktuell wieder in einem blutigen Umsturz befindet. Frei nach dem titelgebenden Brecht-Zitat ist Talking About Trees weit mehr als ein Film über das Kino. Er ist ein filigranes Kunstwerk, das im Sprechen über Film ein beredtes Schweigen über alles andere begleitet. Umso erfreulicher ist es, dass der in Frankreich produzierte Film nach dem langen Weg seiner Entstehung mit der Hilfe so unterschiedlicher Förderinstitutionen wie CNC, IDFA Bertha Fund, Doha Film Institute und World Cinema Fund bei seiner Uraufführung während der Berlinale gleich mit zwei Preisen bedacht wurde: dem Glashütte Original-Dokumentarfilmpreis und dem Panorama Publikumspreis.