Im Forum der 46. Berlinale feierte der Film In den letzten Tagen der Stadt des ägyptischen Regisseurs Tamer El Said 2016 seine Weltpremiere und gewann auch gleich den Caligari Filmpreis. Anschließend reiste er von einem Festival zum nächsten und trug ein Bild von Kairo um die Welt, das man so eher selten sieht. Wahrscheinlich beweist es sogar die Seltenheit dieses Bildes, dass El Saids Film wenige Tage vor Beginn des Filmfestivals in Kairo aus dem Programm genommen wurde.

Insgesamt neun Jahre hat die Produktion von In den letzten Tagen der Stadt gedauert, der als kreatives Experiment des ägyptischen Independent-Kinos bezeichnet werden kann. Dass der Film mit dem bekannten britisch-ägyptischen Schauspieler Khalid Abdalla in der Hauptrolle nicht eher fertig wurde, liegt daran, dass Tamer El Said sich immer wieder mit fehlenden Produktions- und Finanzierungsmöglichkeiten herumschlagen musste. Probleme also, die jeder Filmemacherin und jedem Filmemacher des Independent-Kinos bekannt vorkommen müssten. Wie sehr sich El Said um seinen Film bemüht hat, wird schon in den ersten Sekunden deutlich, wenn auf den Halbsatz „Dieser Film wurde gefördert von…“ eine lange Liste internationaler Kultur- und Filmförderungsfonds folgt.

Tamer El Saids Film zeigt Kairo als Stadt und als Raum in einem ganz besonderen Rahmen. Er illustriert die Beziehung zwischen einer Person und ihrer Stadt, zwischen einem Kairoer und Kairo, und untersucht die Art und Weise, in der sie sich gegenseitig beeinflussen. Diese Erzählsituation wird schon in der ersten Szene klar, wenn Khalid Abdalla an einem Fenster steht, das auf den Nil hinausgeht, und ins chaotische Nichts einer gelblichen Stadt blickt. Immer wieder scheint es, als sei In den letzten Tagen der Stadt, dessen Drehbuch vom Regisseur selbst zusammen mit Rasha Salti geschrieben wurde, in erfolgreicher Anlehnung an den Klassiker Roma von Federico Fellini entstanden.

Ein Gespräch zwischen Kairo, Beirut und Bagdad

Inhaltlich beschäftigt sich In den letzten Tagen der Stadt mit den Jahren 2009 und 2010, unmittelbar vor Ausbruch der Revolution, die in den politischen Wirren der Folgejahre beinahe vergessen wurden. Khalid, die Hauptfigur, dreht einen Film, der kein klares Thema hat und eher einem Selbstfindungstrip gleicht. Um ihn kreisend werden die Geschichten von Menschen erzählt, die auf die eine oder andere Art mit Khalid verbunden sind oder von ihm getrennt wurden. Ihre Schicksale werden von Kairo bestimmt, sie illustrieren die hässlichen, aber auch die schönen Seiten der Stadt, die in Bezug zu Beirut und Bagdad gesetzt wird. So unterhält Khalid sich in mehreren Szenen mit drei Freunden aus dem Libanon und Irak, die ihn in Kairo besuchen. Es entspinnt sich ein Gespräch zwischen einer Stadt, die nach einem jahrzehntelangen Bürgerkrieg in Trümmern liegt, einer zweiten Stadt, die unter US-Besatzung schwer gelitten hat, und einer dritten Stadt, die zutiefst korrupt ist. Das Gegenbild zum Leben in der Heimat zeigt sich in der Kälte des politischen Exils.

Obwohl es Khalid Abdallah nicht immer gelingt, die größtenteils wortlosen Szenen mit seiner Präsenz zu erfüllen, verkörpert er die Rolle des Khalid doch glaubhaft, wenn er dessen Zögern, Trauer und Komplexität betont. An seiner Seite spielt ein toller Cast, der dem Film Leben einhaucht. Zum ihm gehören unter anderem Laila Samy, Hanan Youssef, Maryam Saleh, Hayder Helo, Bassem Fayad und Basim Hajar. Die echten Hauptfiguren des Films sind aber vielleicht eher die Passantinnen und Passanten, die Straßenverkäuferinnen und –verkäufer, die Bettlerinnen und Bettler, die immer wieder durch einzelnen Filmszenen huschen, wie um zu sagen: Auch wir sind ein wesentlicher Teil dieser Stadt.

Kameramann Bassem Fayad, der sich im Film selbst spielt, zeichnet ein ehrliches Bild von Kairo mit seinen hässlichen Gebäuden und seiner staubig-gelben Atmosphäre. Gleichzeitig gelingt es ihm mit einer Kombination aus wackeligen Close-ups und ruhigen Weitwinkelaufnahmen, eine sehr intime Seite der Stadt zu zeigen. Unterlegt sind diese Szenen mit dem typischen Straßenlärm, gelegentlich von kurzen Dialogen unterbrochen, die allerdings eher Gedankenfetzen gleichen. Tamer El Said trennt dabei die Kongruenz von Ton und Bild auf: Die einzelnen Figuren werden so zu Erzählerinnen und Erzählern, deren innerste Gefühlsregungen ans Licht kommen. Untermalt wird In den letzten Tagen der Stadt von einem Soundtrack, der von Amélie Legrand und Victor Moïse komponiert wurde. Tamer El Said verdient für diese so nostalgisch wie realistische Reise durch seine Heimatstadt Kairo, die auch sein erster Spielfilm ist, zweifellos viel Lob.

Bildnachweis: © Tamer El Said für das Filmstill.