Wenn ein Kinodebüt deshalb bedeutungsvoll ist, weil alle filmischen Grundelemente meisterhaft miteinander verbunden sind, fragt man sich fast automatisch: Wie wird der zweite Film dieser Regisseurin oder dieses Regisseurs sein? So z.B. im Falle von The Wanted 18 (2014) des palästinensischen Regisseurs Amer Shomali, der wegen des Erfolgs seines Erstlings noch immer auf der Suche nach einer Geschichte ist, die sein Debüt übertreffen kann. Wer hingegen den preisgekrönten Debütfilm Hedi (2016) des tunesischen Regisseurs Mohamed Ben Attia gesehen hat, den wird Dear Son (2018) verblüffen. Ben Attias zweiter Film war zwar ein Publikumserfolg, jedoch vor allem wegen Mohamed Dhrif, der Dear Son trotz der Ziellosigkeit des Regisseurs über weite Strecken trägt und beim diesjährigen El Gouna Filmfestival als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet wurde.

Auf dem Programm des Festivals standen außerdem mehrere Spielfilme von Regisseuren, die in der Vergangenheit nur Kurzfilme gezeigt hatten. Das gilt zum Beispiel für den syrischen Film The Day I Lost My Shadow (2018) von Soudade Kaadan, für den palästinensischen Film Screwdriver (2018) von Bassam Jabrawi und für den ägyptischen Film Yomeddine (2018) von Abu Bakr Shawky.

Abu Bakr Shawkys Debütfilm erhielt in El Gouna den Publikumspreis „Cinema for Humanity“ und den Preis in der Kategorie „bester Spielfilm“. Außerdem wurde er bereits in Cannes gezeigt und von Ägypten für den Oscar als bester fremdsprachiger Film nominiert. Yomeddine (auf Deutsch „Jüngstes Gericht“), der diese Aufmerksamkeit wirklich verdient hat, stützt sich nicht auf eine prominente Besetzung, sondern wurde hauptsächlich mit Laienschauspielern gedreht. Auch der Regisseur war bislang ein Unbekannter. Die Faszination des Films beruht auf der erzählten Geschichte, die nicht Mitleid heischt, sondern das Publikum zwingt, über die Bedeutung von Gnade und Marginalisierung nachzudenken.

Ein Roadmovie, das in einer Leprakolonie beginnt

Eine Hauptrolle spielen die Orte, an denen Yomeddine gedreht wurde: Die Ereignisse finden in einer Leprakolonie, auf den Straßen Kairos und in den Gassen al-Minyas statt, durch die wir der Hauptfigur Beshay (gespielt von Gamal Radi) folgen. Beshay ist vierzig Jahre alt und litt früher an Lepra. Mittlerweile ist er geheilt. Als Kind hatte ihn sein Vater in einer Kolonie für Leprakranke zurückgelassen und ihm versprochen, eines Tages zurückzukommen. Das Versprechen hielt er nicht, wie Beshay sich erinnert, nachdem seine Frau Ireeny gestorben ist und er sie allein beerdigen muss. Schließlich packt Beshay seine gesamte Habe auf den Rücken seines Esels und macht sich auf die Suche nach seiner Familie in der südlich von Kairo gelegenen Stadt al-Minya. Überraschend schließt sich ihm der nubische Junge Obama (gespielt von Ahmed Abdulhafiz) an, dem diesen kuriosen Namen wegen seiner schwarzen Hautfarbe verpasst worden ist. Dahinter steckt natürlich Rassismus.

Auf dem Rücken eines Esels und mit leichtem Gepäck kommt das Kinopublikum in Kontakt mit einer Realität, die es täglich links liegen lässt. Man merkt, wie weit entfernt man ist vom Leben dieser Menschen aus Fleisch und Blut. Menschen, die mehr Aufmerksamkeit verdienen: Schwache, Behinderte, Gesunde, Traurige. An der Seite von Beshay und Obama begegnet man vielen Gesichtern und Geschichten. Beshay selbst ist auf der Suche nach Gleichberechtigung; nach Menschen, die nach seinem Tod um ihn trauern werden und die er seine Familie nennen kann. Er möchte sein eigenes Menschsein spüren, wenn auch erst auf dem Sterbebett. Die Gelegenheit, diesen Film zu sehen, sollte man deshalb nicht verpassen. Yomeddine eröffnet neue Perspektiven innerhalb des ägyptischen Kinos.

Wer das europäische Kino kennt, wird Ähnlichkeiten erkennen: Bildausschnitt, Licht – jedes Detail ist der Reflektion wert. Daraus entsteht ein Kinofilm, der es verdient hat, im Gedächtnis zu bleiben, nicht zuletzt, weil man durch Yomeddine die Bedeutung von Zwang und Marginalisierung versteht. Man sieht, wie der Schwache den Schwächeren unterdrückt. Man versteht die Bedeutung von Lepra, die viele heutzutage vergessen haben. Man liebt Obama, ist stolz auf seine Kraft und sein Selbstbewusstsein. Man versteht Beshays Wunsch, nicht alleine zu sterben. Abu Bakr Shawky gelingt es, uns diese Dinge näher zu bringen, ohne dabei zu übertreiben.

Ein filmgewordener Wunsch nach mehr Menschlichkeit

Als Beshay schließlich vor der Tür seiner Familie in al-Minya steht, zögert er erst und will dann in die Leprakolonie zurückkehren. Obama aber klopft an die Tür und erzählt der Familie von Beshay, dessen Bruder dachte, er sei schon lange tot. Der Vater vergießt eine Träne, als er Beshay sieht, und erklärt: „Weil ich dich liebe, habe ich dich in die Leprakolonie gebracht, damit die Menschen dich nicht noch mehr verletzen.“

Yomeddine berührt unsere Herzen, unser Leben und die Art und Weise, wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen. Er ist einer von diesen Filmen, die in Schulen gezeigt werden sollten, damit Schulkinder die Bedeutung des Wortes „Mensch“ erlernen. Es ist ein fließender und schöner Film, trotz der hässlichen Details mancher Geschichten. Ein Film, der dem Wunsch nach mehr Menschlichkeit Ausdruck gibt und dazu beitragen könnte, eine bessere Zukunft für uns alle zu gestalten.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz

Ola Alsheikh

Palästinensische Journalistin und Filmkritikerin.

2018-10-18T07:21:25+00:00