„Ist das nicht der schönste Platz der Welt?“, fragt der Schafhirte Zagros (Feyyaz Duman) seine Frau Havin (Halima Ilter), die ihn auf dem Weideplatz in den Bergen besucht. Es scheint als rhetorische Frage gemeint, doch bald stellt sich heraus, dass sie nicht so eindeutig mit „ja“ beantwortet werden kann, wie es auf den ersten Blick scheint. „Mein schöner Schäfer“, nennt Havin ihren Mann und ihre Zuneigung scheint aufrichtig. Doch als Zagros ins kurdische Dorf zurückkehrt, wird klar, dass die Idylle einen Riss hat. „Ich denke, du solltest mit deiner Frau sprechen“, sagt Zagros’ Vater ernst. Er berichtet, dass die Leute im Ort über sie reden. Es heißt, sie habe eine Affäre mit dem Geschäftsmann Ali, der regelmäßig ins Dorf kommt, um Havins Teppiche zu kaufen. Zagros will davon nichts hören. „Meine Frau ist schön und modern“, sagt er. Beides scheint im Dorf eher für Misstrauen zu sorgen.

Havin wird plötzlich unter Hausarrest gestellt

Eines Tages kommt ein aufgeregter, verschwitzter junger Mann zu Zagros’ Weideplatz gerannt: Havins Guerilla-Schwester habe sie mit in die Berge genommen. Der Grund wird deutlich, als Zagros im Dorf ankommt. Havin sei unter Hausarrest gestellt worden bis Zagros aus den Bergen zurück sei, berichtet sein Vater. Zagros ist außer sich. „Was gibt euch das Recht, meine Frau einzusperren?“, will er wissen. Er findet sie in den Bergen bei ihrer Schwester. Havin hat ihre Entscheidung getroffen: Sie will nicht wieder ins Dorf zurück, sondern zu einem Verwandten ziehen. „Wo lebt er? In Istanbul? In Izmir?“, will Zagros wissen. „In Belgien“, sagt Havin. Sie beteuert, dass sie Zagros liebe. Aber sie sagt auch: „Wir haben unterschiedliche Vorstellungen vom Leben.“ Gemeinsam mit der kleinen Tochter bricht sie auf in ein neues Leben. Er bleibt mit Hütehund Mr. Spock zurück.

Doch die Einsamkeit ist nichts für Zagros. Er beschließt, Frau und Tochter nach Belgien zu folgen. Der Schafhirte aus dem kurdischen Dorf macht sich auf die Reise nach Istanbul, dann fünf Tage auf einem überfüllten LKW bis nach Brüssel. „Die Tür bleibt zu, bis ihr ankommt“, wird ihm gesagt, bevor die Klappe zugeht. Es ist eine romantische Geschichte: Zagros verlässt den schönsten Platz der Welt, um seiner Liebe zu folgen – an einen Ort, den er selbst nie zum Leben gewählt hätte. Tatsächlich findet er Havin und seine Tochter und will bei ihnen bleiben. Er beantragt mithilfe von Havins Cousin Asyl. Es sieht aus, als sei die Familie wieder vereint.

Die schlimme Wahrheit hinter den Gerüchten

Doch die Risse, die zuvor zwischen den Liebenden klafften, lassen sich auch in der Fremde nicht kitten. Es scheint zwar, als könne Zagros auch jenseits der Berge ein Leben aufbauen. Er findet eine Stelle in einem Schlachthof – eine Arbeit, der er schon vor vielen Jahren nachgegangen war, als er Havin in der Stadt kennenlernte. Damals fand sie die Vorstellung romantisch: ein Mann, der Schafhirte werden wollte. Sie zog zu ihm aufs Land. Doch das Dorf wurde ihr zu eng, die Gerüchte nicht nur unangenehm, sondern existenzbedrohend.

Filmstill Zagros

Zagros (links) ist eifersüchtig, Havin erstickt beinahe an der traditionellen Dorfkultur. ©ALFILM

Auch Zagros kann sich der Zweifel nicht erwehren, die seine Familie beharrlich schürt. War Havin ihm wirklich treu? Warum erzählt Ali dann herum, dass er eine Affäre mit ihr hatte? Und waren die beiden nicht schon zu Schulzeiten ein Paar? Ist seine Tochter wirklich von ihm oder ist in Wirklichkeit Ali der Vater? Irgendwann eröffnet Havin ihm, dass Ali sie vergewaltigt habe. Sie habe sich nicht getraut, darüber zu sprechen. Zagros’ Reaktion ist eine, wie Frauen auf der ganzen Welt sie in solchen Situationen erfahren müssen: Er fragt, warum sie so dumm war und in Alis Auto eingestiegen sei.

Konflikt zwischen Freiheit und Tradition

Zagros (2017), der erste Spielfilm des im Irak geborenen kurdischen Regisseurs Sahim Omar Khalifa, spricht universelle Themen an. Es geht um eine aufrichtige Liebe, die an äußeren Faktoren zu scheitern droht: den unterschiedlichen Hintergründen und Vorstellungen zweier junger Menschen – zwischen traditionellen Vorstellungen von Ehre und Moral und dem Wunsch nach Freiheit und Selbstverwirklichung.

Kulturkonflikte in Liebesbeziehungen, Ehren-Kodizes und Gewalt in Beziehungen sind Themen, die auch in anderen Filmen verhandelt werden. Selbst deutsche Tatort-Folgen wagten sich schon an solche Stoffe. Was aber den meisten dabei nicht gelingt, ist eine Darstellung frei von rassistischen Stereotypen und oberflächlicher Schwarz-Weiß-Malerei. Das ist bei Sahim Omar Khalifa anders. Selbst Zagros’ Vater, der mit seinen fürchterlichen Intrigen gegen Havin kaum zu ertragen ist, wird in seinem eigenen kulturellen Kosmos eine Berechtigung eingeräumt. Niemand ist ein schlechter Mensch. Alle handeln nach ihren eigenen Gewohnheiten und Logiken.

Kulturkonflikt jenseits von Klischees

Sensibel beschreibt Sahim Omar Khalifa die Entwicklung von Zagros Gefühlswelt und zeigt, welche zerstörerische Wirkung Eifersucht und Zweifel haben. Sie verwandeln einen liebenden Mann schließlich in einen kopflosen Rächer. Der Konflikt zwischen Tradition und Moderne wird dabei weder kulturell und religiös aufgeladen, was bei deutschen Produktionen häufig der Fall ist. Havin und Zagros haben denselben kulturellen Hintergrund – und sind trotzdem völlig anders aufgewachsen und haben entgegengesetzte Vorstellungen vom Leben. Ungewohnt für unsere Sehgewohnheiten ist auch, dass ein männlicher Protagonist im Konflikt zwischen Familie und Liebe steht. Allzu häufig wird dies als typisch weibliches Problem verhandelt. In Zagros ist es der Mann, der unter der Knute seines Vaters steht und schließlich ausreißt, um seinen Gefühlen zu folgen.

Sahim Omar Kalifa

Zagros ist der erste Spielfilm des kurdisch-irakischen Regisseurs Sahim Omar Khalifa. ©ALFILM

Der Regisseur wählt eine einfühlsame, unaufgeregte Erzählweise und eine Bildsprache, die sowohl der atemberaubenden Landschaft Raum gibt als auch den Protagonisten Zeit lässt, ihre Gefühle zu entwickeln. Feyyaz Duman und Halima Ilter verleihen ihren Rollen durch ein ebenso unaufgeregtes Spiel Authentizität und Tiefe. Für den Film spricht auch, dass er keinen einfach Ausweg aus den Konflikten findet, in denen sich die Protagonisten befinden. Das ist für das Publikum eine harte Nuss – aber so womöglich (leider) nahe an der Realität.