Es scheint unmöglich, wenn man Taste of Cement von Ziad Kalthoum gesehen hat, die Bohrgeräusche, den Maschinenlärm und die Schreie der Bauarbeiter im Film zu vergessen. All diese Laute mischen sich mit der Filmmusik, gemacht für Augenzeugen, die aus Syrien in den Libanon kamen, um der ganzen Welt vom Leid in ihrem Heimatland zu berichten. Vor dem Hintergrund des Soundtracks von Sebastian Tesch entfaltet sich eine Erzählung, die Kalthoum trotz des bedrückenden Themas glanzvoll präsentiert. Sie begleitet die Zuschauenden, spricht ihre Gedanken und Gefühle an, damit sie vielleicht eines Tages über das große Leid mit Namen Syrien richten können.

Taste of Cement – was für einen Titel! Er hallte nach, als Ziad Kalthoum im Dezember 2017 den Preis für den besten Dokumentarfilm beim 14. Dubai International Film Festival erhielt. Ziad zeichnet ein klares und malerisches Bild, das mal ruhig scheint, mal überflutet wird von der Unmenge an Informationen, die über die Gespräche der Bauarbeiter vermittelt werden. Nicht ohne Grund schuften auf vielen Baustellen im Libanon Syrer. Jede Stadt, die vom Krieg verheert wurde, braucht Männer, die sie neu erstehen lassen: „Wir bauen sie wieder auf!“ Das ist kein flüchtiger Satz, sondern der glaubwürdigste angesichts ihres Leids. Wer außer ihnen baut wieder auf, was die Kampfjets der Diktaturen und feindlicher Armeen verwüsteten?

Während der 85 Minuten, die der Film dauert, befinden sich die Zuschauenden in einer Art Live-Konfrontation mit den in der Luft hängenden Bauarbeitern, dem Himmel näher als der Erde. Eine Metapher dafür, dass die Hauptfiguren zum Tod eine engere Beziehung hegen als zum Leben. Das Setting und seine ästhetische Darstellung sprechen für den Filmemacher, der selbst einmal Soldat in der syrischen Armee war, diese aber verließ, um die Geschichte seines Volks auf der Leinwand zu erzählen. Den Blicken der Bauarbeiter, die zum Himmel oder in die Ferne schweifen, kann man sich nicht entziehen. Während sie oben am Gerüst hängen, blicken sie nach unten, auf Menschen und Dinge im Miniaturformat. Fast schämt man sich angesichts der Klarheit in ihren Augen, überzeugt davon, dass sie allein sich gegen die Ungerechtigkeiten dieser Welt wehren.

Zwischen Diesseits und Jenseits

Das Hängen zwischen Himmel und Erde erinnert an den Übergang zwischen Diesseits und Jenseits – eine gewollte Parallele. Sie beschreibt die psychische Verfassung der Hauptfiguren von Taste of Cement: ihre Sorgen und Ängste angesichts einer Vergangenheit, in der es kaum Hoffnung gab, und einer ungesicherten Zukunft; ihre Gedanken über Beirut, über ihre Beziehung zu dieser Stadt und das Verhältnis ihres Vaters zu ihr; schließlich der Eindruck des Krieges als alles überschattendes Prinzip, der die Bauarbeiter sowohl mit der Zerstörung in ihrem Heimatland als auch mit dem Wiederaufbau ihres Nachbarlands verbindet. Egal wo sie sich aufhalten, schenken sie beständig Leben in Anwesenheit des Todes.

Taste of Cement wartet mit eindrucksvollen Szenen auf, die indirekt vom Leid des syrischen Volkes erzählen, wenn sie den Blick auf die Männer hinter den Bauzäunen freigeben. Als lebten sie auch im Libanon hinter Gittern, immer im Belagerungszustand. Die Angst ist ihr ständiger Begleiter, da die Mehrzahl von ihnen keine gültige Arbeitserlaubnis hat. Ihre Gefühle fängt die Kamera von Talal Khoury meisterhaft ein und schafft Szenen, die das Publikum direkt erreichen. Die Dialoge bedürfen keiner Erklärung, erlauben aber trotzdem unterschiedliche Deutungen des Films. Kalthoums kunstvolle Darstellung der leidvollen Realität kommt ohne direkten politischen Kommentar aus, der leicht geschmacklos und unerträglich hätte geraten können.

Hieran zeigt sich das Können Ziad Kalthoums, der alle Szenen und Dialoge in Taste of Cement bewusst setzt. Was in Syrien geschehen ist und immer noch geschieht, braucht keine Direktheit, sondern solch einen Film, der seinem Publikum im Gedächtnis bleibt, der einen Raum schafft ähnlich der Weite zwischen Himmel und Erde, und den Zuschauenden erlaubt, wirklich zu verstehen, was in Syrien geschehen ist. Dem titelgebenden Geschmack von Zement können die Hauptfiguren dieses Films nicht entrinnen. Sein Publikum spürt ihn nach in der Bitterkeit, die Taste of Cement auf der Zunge hinterlässt.

Am 18.04. läuft Taste of Cement als Abschlussfilm beim 9. Arabischen Filmfestival Berlin (ALFILM) um 20h im Wolf Kino (Weserstr. 59, 12045 Berlin). 

Übersetzung: Rashad Alhindi