Hier ein historisches Spitzbogenfenster, dort eine öffentliche Müllkippe: Das Beirut, das den Seiten von Barrack Rimas Comic Beyrouth – La Trilogie (2017 im französischen Verlag Alifbata, dt. „Beirut-Trilogie“) entsteigt, ist so zerrissen und widersprüchlich wie seine Geschichte. Wenn die Sehnsucht der durch die Straßen irrenden Figuren überhandnimmt, dauert es nicht lange, bis die Stadt ihre hässlichste Fratze zeigt. Immer mit dabei: der „Hakawati“, der in der arabischen Vorstellungswelt tief verwurzelte Geschichtenerzähler, der bei Rima unterschiedliche Gestalten annimmt. Mal ist er der letzte Jude von Beirut, mal die ägyptische Diva Umm Kulthum, mal ein alternder Kaffeehausbesucher in osmanischem Gewand.

Nichts als die Wahrheit

Am häufigsten aber tritt er als Taxifahrer auf, der seinen Fahrgästen eine Geschichte verspricht, die nicht Science-Fiction, sondern die reine Wahrheit sei: „Furchterregend! Finster und schwarz! Monströs! Postapokalyptisch!“ Wenn anschließend ein Schwarm Frauen in schwarzen Nikabs am Nachthimmel vorüberzieht und auf den Straßen bewaffnete Unruhen ausbrechen, scheint das vom Hakawati angekündigte Ende der Zeiten nahe.

Illustration Barrack Rima

Seite aus Beyrouth bye bye. © Barrack Rima

Als „drei Kapitel eines eklektischen Ensembles“ bezeichnet Rima seine zeichnerische Tour-de-force durch die Vergangenheit und Gegenwart seiner Heimatstadt. Dass er seine Beziehung zu Beirut vorschnell oder unüberlegt zu Papier gebracht hätte, kann man ihm wahrlich nicht vorwerfen: Zwischen dem ersten (Beyrouth, 1995) und dem letzten Band (Beyrouth rewind, 2017) liegen 22 Jahre. Dazwischen stakt Beyrouth bye bye (2015), der wohl unversöhnlichste, defätistischste Band, dessen Müllgebirgszüge und Bücherverbrennungen nichts Gutes für die Zukunft ahnen lassen. „Der erste Band ist total spontan entstanden“, erinnert sich Rima. „Bei der Gestaltung des zweiten war ich wie davon besessen, visuelle und narrative Parallelen zu schaffen.“ Das schlage sich beispielsweise in den einführenden Seiten nieder, die jeweils ähnliche Stadtansichten vor einem schwarzen Hintergrund zeigten.

Auch was die Figuren angeht, lassen sich Verbindungen ziehen: Da ist zum einen der Taxifahrer, der durch das nächtliche Beirut tuckert. Auch der ägyptische Staatsmann Gamal Abdel Nasser taucht wiederholt in Unterhaltungen auf. Mit ihm verknüpft ist die Figur der Mutter, die Ende der 1960er-Jahre politisch aktiv war und nun ihre bewegte Jugend reflektiert. Ein namenloser Verkäufer schiebt in mehreren Sequenzen seinen Karren durch die Stadt, auf dem er wahlweise Müllsäcke oder Bücher sammelt. Und dann sind da noch die Ninja Turtles, die mal als schmierige Immobilienmakler, mal als hemmungslose Profiteure auftreten. „In Wirklichkeit“, so schreibt Rima im Vorwort, „hat der Krieg nie aufgehört und der Gedächtnisverlust verkehrt mittlerweile mit der Ernüchterung und der Verzweiflung.“

Politische Themen und unerwartete Reaktionen

Nicht nur in diesem Comic, sondern auch in seinen übrigen Arbeiten beschäftigt Barrack Rima sich mit politischen und gesellschaftlichen Themen. So zeichnete er mehrere Jahre lang Kolumnen für belgische, französische und libanesische Zeitungen. Seine Serie „Sociologia“ beispielsweise, die von 2014 bis 2015 in der Tageszeitung Al Akhbar erschien, thematisierte Religionskonflikte, Separatismus, übersteigerten Nationalismus und Homosexualität im Nahen Osten. Zu Beginn seiner Karriere war Rima außerdem als Filmemacher tätig und beschäftigte sich intensiv mit der Situation palästinensischer Flüchtlinge in den arabischen Ländern. So in dem Dokumentarfilm Land of 48 (2003), für die er nach Syrien, Jordanien und Israel/Palästina reiste.

Barrack Rima

Selbstporträt. © Barrack Rima

Seine Passion für das Werk des ägyptischen Filmemachers Youssef Chahine führte ihn schließlich nach Kairo. „Ich habe Chahine damals wirklich getroffen. Die Begegnung hat aber nur knapp 15 Minuten gedauert“, erinnert Rima sich lachend. Diese Episode schlug sich jedoch nicht in einem weiteren Film, sondern in dem Album Le Conteur du Caire (1998, dt. „Der Geschichtenerzähler von Kairo“) nieder. Angesichts der meisterhaften Zeichnungen ist man versucht, Chahine zu danken, dass er Rima zu einem Comic inspiriert hat. In Beyrouth – La Trilogie breitet der Autor seine ganze Kunst vor seinen Leserinnen und Lesern aus: Mal zeichnet er mit Tusche, mal setzt er Collagetechniken ein. Vieles ist bei Rima Handarbeit, nur gelegentlich koloriert er am Computer oder legt Effekte über einzelne Bildausschnitte. Wirklich den Atem verschlägt es einem in Beyrouth bye bye, wenn Rima mit seiner Familie in einem gekaperten Taxi ziellos durch die Straßen Beiruts fährt, auf denen kriegerische Zustände herrschen. Plötzlich unterbricht ein großformatiges Doppelbild die Panelsequenz: In den pechschwarzen Nachthimmel schlagen die Flammen eines Scheiterhaufens, auf dem Bücher verbrannt werden. Daneben steht eine Gestalt in Ku-Klux-Klan-ähnlicher Kapuze.

Nicht irgendwelche Bücher werden hier vernichtet: Es sind die Alben des libanesischen Comicmagazins Samandal, das 2007 lanciert wurde und schnell Kultstatus erreichte. Knapp drei Jahre nach der Gründung jedoch wurde die Redaktion verklagt. Christliche Gruppierungen warfen ihr unter anderem vor, religiöse Unruhen zu schüren. Der Gerichtsprozess endete 2015 mit hohen Geldstrafen. Barrack Rima, der Teil des Samandal-Kollektivs ist und mehrere Comics im Magazin veröffentlicht hat, war wie viele seiner Mitstreiterinnen und Mitstreiter geschockt. Dass der libanesische Staat ihre Arbeiten derart drastisch zensieren würde, hätten sie nicht erwartet. Das Ende des Prozesses fällt nicht durch Zufall auf dasselbe Jahr wie die Veröffentlichung von Beyrouth bye bye. Im Comic braust das Taxi direkt neben dem Scheiterhaufen und den Ku-Klux-Männern vorbei. Auf seinem Nummernschild die eindeutige Botschaft: „Zeit der Ignoranz“.

Ganz so apokalyptisch wollte Rima seine Beirut-Trilogie aber doch nicht enden lassen. Im dritten Band gibt er sich versöhnlich: Nicht alles in Beirut stinkt. Aktuelle Protestbewegungen, z.B. für mehr Gleichberechtigung und gegen den Ausverkauf des städtebaulichen Erbes, sind der Silberstreif am Horizont, der ein Weiterleben möglich macht. Auch Samandal hat sicher mittlerweile wieder erholt. Beim diesjährigen Internationalen Comicfestival in Angoulême, dem wichtigsten seiner Art in Europa, wurde das Magazin sogar mit dem Preis für den besten alternativen Comic ausgezeichnet.

Und am Ende siegt die Liebe

In Beirut rewind ist es schließlich ist ein Kind, das die Erwachsenen, die sich zu einer traditionellen „Ziyara“ versammelt haben, auf eine simple Wahrheit aufmerksam macht: Nur die Liebe zählt. Oder, in den Worten des Erzählers: „Über den Konflikt entdeckt man, dass die Liebe der einzige Ausweg ist aus Krieg und Machtstreben.“ Das Weiblich-Mütterliche wandelt sich und nimmt die Gestalt der reinen Liebe an. „Diese Verwandlung beschäftigt mich ganz besonders“, meint Rima dazu. „Ich interessiere mich mittlerweile für das Private, für Spiritualität, Sexualität und die Verwandlung unseres Erbes.“ In seinen neuen Arbeiten, so viel könne er jetzt schon verraten, gehe es nicht um Beirut. „Die Story von La Sieste du matin (dt. „Mittagsschlaf“) habe ich aus meinen eigenen Träumen entwickelt und Dans le taxi (dt. „Im Taxi“) spielt in Tripoli. Aber natürlich kommt in der Geschichte wieder ein Taxifahrer vor.“ Der Hakawati bleibt uns in Rimas Comics also erhalten.

Am 25. April um 20h stellt Barrack Rima Beirut – La Trilogie im Berliner Comicladen Modern Graphics (Kastanienallee 79, 10435 Berlin) vor. Der Eintritt ist frei.