Der Grat zwischen tolerierter Kritik am politischen System und vermeintlich staatsfeindlicher Gesinnung war in der arabischen Welt schon immer ein schmaler. Besonders Karikaturistinnen und Karikaturisten müssen zwischen diesen Linien zu manövrieren wissen. Im besten Fall findet niemand das Gezeichnete lustig, im schlimmsten Fall landen sie im Gefängnis. So geschehen 2016 in Ägypten, wo der 26-jährige Islam Gawish inhaftiert wurde, weil er seine Karikaturen, die sich auch gegen Präsident Abdel Fattah el-Sisi richten, auf einer angeblich nicht „zugelassenen“ Website veröffentlicht hatte. 2015 wurde der algerische Karikaturist Tahar Djehiche zu sechs Monaten Gefängnis und einer Geldstrafe verurteilt, weil eine seiner Zeichnungen Präsident Abdelaziz Bouteflika sauer aufgestoßen war. Die Liste der Bedrohten ist lang.

Auch Fares Garabet kann ein Lied von diesen Gefahren singen, schließlich hat er seine Karikaturen mehr als 30 Jahre in Syrien veröffentlicht. 2016 verließ er das Land, weil er sich nicht mehr sicher fühlte. Studiert hat Garabet Bildende Kunst, Aktzeichnung und Animation, unter anderem in Damaskus, Kairo und Rom. Er lehrte lange Jahre an der Damaszener Universität der Künste und war zuletzt Dekan der International University of Science and Technology (IUST). Seine erste Karikatur veröffentlichte Garabet 1986, seither hat er für unterschiedliche Zeitungen in Syrien, Libanon, Ägypten, Kuwait, Katar und England gearbeitet. 2005 ernannte ihn der Dubai Press Club zum besten politischen Karikaturisten der arabischen Welt.

Fares Garabet Porträt

© Fares Garabet

Garabets Zeichnungen, meist in Schwarz und Weiß, selten mit roten Einsprengseln, kommen häufig ohne Worte aus. „Es war mir immer wichtig, dass man meine Karikaturen auf der ganzen Welt versteht. Worte können ein Hindernis sein.“ Fares Garabet blickt ernst über die Ränder seiner Brille hinweg. Seit heute werden einzelne seiner Karikaturen in der Berliner Galerie Hilaneh von Kories gezeigt, deren zwei kleine Ausstellungsräume sich am Abend der Vernissage schnell mit Besucherinnen und Besuchern füllen. Neben Garabets Zeichnungen hängen Schwarzweiß-Fotos des syrischen Fotografen Jacques Toffi. „Souria habibti“, wie die Ausstellung heißt, kontrastiert pittoreske Ansichten der Damaszener Altstadt mit Karikaturen blutrünstiger Staatschefs, instrumentalisierter Islamisten und getöteter Zivilisten.

Eine Bedeutung, die gewisse Personen nicht verstehen dürfen

Wie schwierig war es für Garabet, in Syrien politische Karikaturen zu machen? „Man muss clever genug sein, durch ein Minenfeld zu gehen. Denn man will auf der einen Seite eine Bedeutung transportieren, die jeder verstehen kann. Auf der anderen Seite sollen gewisse Personen sie auch nicht verstehen können. Es geht immer um die Balance.“ Fünf Jahre lang habe er versucht, mit seinen Karikaturen den Krieg in Syrien anzuprangern: „Ich kritisiere die Denkweise des militärischen Gehirns. Sie ist der Hauptgrund für die Tragödie in Syrien. Wenn man so denkt, muss das in einem Desaster enden.“ Syrien sei für ihn als Karikaturist, aber auch als Mensch schließlich zu gefährlich geworden. Seit 2016 lebt Garabet in Dresden.

Aus europäischer Sicht mag es kaum vorstellbar sein, wie man in Ländern, in denen es weder Meinungs- noch Pressefreiheit gibt, überhaupt Karikaturen veröffentlichen kann. Trotzdem herrscht in der arabischen Welt kein Mangel an talentierten Zeichnerinnen und Zeichnern. In Deutschland, das doch ein freies Land sei, habe er sich gewundert, so Garabet, wie wenige Karikaturen es in den Zeitungen gebe. Ob das früher nicht einmal anders gewesen sei? Altmeister wie Horst Haitzinger hat Garabet schon vor seiner Ankunft in Deutschland gekannt und bewundert. „In der arabischen Welt haben wir überall das gleiche Problem“, setzt er hinzu. „Man braucht ein freies Land, so wie Deutschland, um sich auch frei genug zu fühlen, das zu zeichnen, was man will. Der Nahe Osten ist ein Desaster für Karikaturisten.“

Internationalisierung statt Selbstzensur

Ein Ausweg, den viele wählen, ist die Internationalisierung ihrer Karikaturen. So hat auch Fares Garabet nicht nur Themen aus den arabischen Ländern bearbeitet. „Ich sehe mich als Teil dieser Welt und kann daher die Probleme anderer Menschen nachvollziehen.“ Seiner Meinung nach seien bestimmte Zustände nicht nur in Syrien anzutreffen, sondern auch in Myanmar, Iran und Venezuela. „All diese Länder werden von der gleichen Denkweise beherrscht. Ich sehe es als meine Aufgabe an, dagegen anzuzeichnen.“ Besonders viel Hoffnung für die Welt habe er aber nicht. „Ich denke oft darüber nach, wie viel Leid und Traurigkeit es in dieser Welt gibt. Dass es Gerechtigkeit gibt, glaube ich nicht.“ Auch Karikaturen könnten da nicht weiterhelfen, schließlich schafften sie keine Lösungen für die Probleme dieser Welt.

Mit dem Zeichnen aufzuhören würde Fares Garabet aber nie in den Sinn kommen. Seine neuen Karikaturen veröffentlicht er mittlerweile online. Außerdem macht er schon seit vielen Jahren Aktzeichnungen. Ausgestellt hat er sie das erste Mal vor zwei Jahren in Dresden. „Wenn man in den arabischen Ländern Akte zeichnen will, muss man sie verhüllen. Das will mir einfach nicht in den Kopf: Ich zeichne nackte Menschen, klar? Wenn ich sie verhülle, dann zeichne ich im Endeffekt doch etwas ganz Anderes!“ Seine Galeristin Hilaneh von Kories hat er von seinen Akten schon überzeugt. Warum nicht eine zweite Ausstellung machen, mit Aktfotos und –zeichnungen? An diesem Abend scheint alles möglich. Nur das Minenfeld, das erstreckt sich weiter über die arabische Welt.

Die Ausstellung „Souria habibti“ mit ausgewählten Karikaturen von Fares Garabet und Fotografien von Jacques Toffi läuft noch bis zum 25. Mai in der Galerie Hilaneh von Kories in Berlin.

Lilian Pithan

Journalistin, Übersetzerin und deutsche Redakteurin des FANN Magazins.

2018-09-12T17:52:28+00:00