Auf dem Index der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen belegt Syrien aktuell den 177. Platz von 180. Auch vor der Revolution 2011 und dem anschließenden Kriegsausbruch schnitt das Land nicht viel besser ab. Umso überraschender ist es, wie viele großartige politische Karikaturistinnen und Karikaturisten das Land in den letzten Jahrzehnten hervorgebracht hat. Eine repräsentative Auswahl zeigt die Ausstellung „Cartooning Syria“, die von dem niederländischen Dokumentarfilmer Ronald Bos kuratiert wurde und ab dem 24. September 2018 in den Räumen der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin zu sehen ist.

Die meisten der mehr als 30 syrischen Karikaturistinnen und Karikaturisten, die Ronald Bos in seiner Ausstellung und der gleichnamigen Printpublikation versammelt hat, leben mittlerweile im Ausland – viele von ihnen in Europa und Nordamerika, andere im Nahen Osten. „Es ist ein grausamer Fakt“, meint Bos, „dass es für syrische Karikaturisten Meinungsfreiheit nur in Zusammenhang mit Krieg, Opfern und Exil gibt.“

Einer von ihnen ist Fares Garabet, der bei der Vernissage in Berlin über die Unmöglichkeit sprechen wird, in seinem von Assad-Regime beherrschten Heimatland die Obrigkeit zu kritisieren. Also genau das zu tun, was eigentlich die Aufgabe von Karikaturistinnen und Karikaturisten weltweit ist.

Die Ausstellung „Cartooning Syria“ wurde zum ersten Mal im April 2017 in der Galerie der Künstlervereinigung Arti & Amicitiae in Amsterdam gezeigt. Anschließend reiste sie nach Lillehammer in Norwegen, nach Edam, den arabischen Buchladen Pages in Amsterdam und nach Middelburg. Berlin ist die sechste Station der Ausstellung, die nicht nur Kunstwerke zeigen, sondern auch ein größeres politisches Bewusstsein für die in Syrien vom Assad-Regime begangenen Verbrechen schaffen will.

Porträt Ronald Bos

© Kamiran Shemdin

FANN: Herr Bos, Sie sind von Beruf aus Dokumentarfilmer und haben lange Jahre für den Niederländischen Literaturfonds gearbeitet. Wie sind Sie dazu gekommen, eine Ausstellung mit Karikaturen über Syrien zu machen?

 Ronald Bos: Karikaturen sind total neu für mich. Ich habe zwar schon immer ein normales Interesse an dem Medium gehabt, aber nicht unbedingt ein spezielles. Für Syrien hingegen interessiere ich mich seit den 1990er-Jahren. 1999 war ich zum ersten Mal in Syrien wegen des Dichters Faraj Bayrakdar. Er war damals noch im Knast und ich habe seine Familie interviewt, weil ich einen Dokumentarfilm über ihn drehen wollte. Das hat leider nicht geklappt. Meine Kontakte nach Syrien hatten trotzdem Bestand und ich habe immer wieder versucht, diesen Film zu machen. Es gab damals kein Interesse an Syrien in den Niederlanden. Überhaupt keins! In Frankreich habe ich es bei ARTE versucht. Die haben mich an dem Tag angerufen, als Faraj Bayrakdar freigelassen worden ist, und haben gesagt: „Jetzt brauchen wir keinen Dokumentarfilm mehr zu machen.“ Ich habe das natürlich anders gesehen… Dann bin ich auf die Spur von Karikaturisten gestoßen und dachte mir sofort, dass für einen Dokumentarfilm Bilder interessanter sind als Worte. Zuerst habe ich einen Karikaturisten kennengelernt, dann zwei und schließlich hat sich die Zahl vergrößert. So bin ich auf die Idee für die Ausstellung gekommen, auch weil ich seit Langem mehr Interesse an Syrien und der Diktatur im Land wecken wollte.

FANN: Wie viele Karikaturistinnen und Karikaturisten sind in der Ausstellung vertreten und warum haben Sie genau diese ausgewählt?

Ronald Bos: Es sind jetzt 38, wenn ich Akram Raslam mitzähle, der ermordet worden ist (Raslam wurde 2012 vom syrischen Geheimdienst verhaftet und zu Tode gefoltert, AdR). Ich habe alle Karikaturisten durch Mund-zu-Mund-Propaganda gefunden. Der eine hat mir gesagt: „Es gibt noch den“, und der meinte dann: „… und den auch noch“. Außerdem leite ich die Stiftung Syrian Dreams, in deren Vorstand eine Syrerin ist, die sich in dem Bereich gut auskennt. Ich habe die Karikaturisten dann kontaktiert und gebeten, mir Zeichnungen zu schicken, die sie in letzter Zeit gemacht haben. Alle Karikaturen in der jetzigen Ausstellung behandeln Syrien ab 2011. Frühere Arbeiten hatte ich auch angefragt, aber viele der Künstler – vor allem der jüngeren – waren vorher gar keine Karikaturisten. Sie sind erst durch die Revolution dazu geworden.

FANN: Wie haben Sie aus all dem Material die Karikaturen ausgewählt, die Sie ausstellen wollten?

Ronald Bos: Zu Beginn habe ich das zusammen mit Mwafaq Katt gemacht, aber das war eher theoretisch, weil er nicht in Amsterdam, sondern in Toronto lebt. Katt macht sehr schöne Karikaturen und ist auch Trickfilm-Animator. Er war meine Verbindung zu den anderen Karikaturisten. Ich habe dann auch viel alleine gemacht, habe alle gebeten, mir fünf Karikaturen zu schicken, aber die haben mir 20 geschickt! Ich denke, ich besitze jetzt um die 500 Karikaturen. In Amsterdam habe ich die mit einem Zeichnerfreund selektiert. Bei den erfahrenen Karikaturisten ist das nicht so kompliziert, da muss man nur das Thema auswählen.

FANN: Im Buch zur Ausstellung sind auch niederländische und belgische Karikaturisten vertreten. Wie kam es dazu?

Ronald Bos: Meine Absicht war, die Ausstellung in Belgien und Holland zu zeigen. Belgien ist leider gescheitert, aber da waren die schon im Buch. Bis eine Woche vor der ersten Ausstellung im April 2017 in Amsterdam hatte ich noch kein Geld. Ich habe dann ein Crowdfunding gemacht, das ungefähr 3.000 Euro gebracht hat. Am letzten Tag vor der Eröffnung lief das aus. In der gleichen Woche hat außerdem der „Amsterdamer Fonds für Kunst“ zugesagt.

FANN: „Cartooning Syria“ reist seitdem durch die Niederlande und Europa. Kann diese Ausstellung Ihrer Meinung nach politisch Einfluss auf die Position Europas im Syrienkrieg nehmen?

Ronald Bos: Vielleicht. Das weiß man nie. Ein Buch, eine Ausstellung, ein Film – welchen Einfluss hat sowas? Das kann man nur im großen Ganzen sehen. Alles trägt etwas dazu bei, ein Bewusstsein zu schaffen. Nicht unbedingt in der Politik, aber in der Bevölkerung sieht man in den Niederlanden und Deutschland immer wieder Initiativen, z.B. um Flüchtlinge zu unterstützen…

FANN: Wie sieht es mit Karikaturen allgemein aus? Haben die heutzutage noch einen politischen Einfluss?

Ronald Bos: Ja, das glaube ich ganz sicher. Wenn es um die Freiheit von Meinungsäußerungen geht, dann sieht man an Karikaturen sehr genau, wie weit man gehen kann. Nehmen Sie z.B. die Türkei: Karikaturisten gibt es da, glaube ich, keine mehr im freien Raum. Das war in Syrien schon immer so. Man durfte nur über Amerika und Israel Karikaturen machen – im negativen Sinne. Im positiven Sinne vielleicht über Palästina. Bei uns ist es auch so: Karikaturisten suchen immer nach Grenzen. Ein Artikel ist natürlich viel nuancierter, aber bei einer Karikatur sieht man auf einen Blick, was gemeint ist. Da braucht man nicht sehr viel nachzudenken – wenn man denn denken kann (lacht). Deswegen sind Karikaturen ein Gradmesser für die Freiheit von Meinungsäußerungen. Wenn etwas nicht in der Zeitung veröffentlicht werden kann, dann weiß man schon, was los ist.

Die Ausstellung „Cartooning Syria“ ist vom 24.09. bis zum 09.11.2018 in der Heinrich-Böll-Stiftung (Schumannstr. 8, 10117 Berlin) zu sehen. Der Eintritt ist frei.