An heißen Sommertagen kann Ibrahim es kaum erwarten, mit seinen Klamotten im Nil unterzutauchen. Er wäscht seine Galabiya mit Nilschlamm und hängt sie an eine Palme, wo der Wind sie aufplustert, bis sie trocken ist. Seit frühester Kindheit pflegt der nubische Junge eine innige Beziehung mit dem Fluss, an dem er lebt. Dort spielt er mit seinem Papierschiffchen und stellt sich vor, es sei ein echtes. Dort kühlt sein Vater ihn ab, wenn er Fieber hat. Dort ist er furchtlos, obwohl ihn der Vater schon mehrmals aus den Wellen retten musste, wenn plötzlich die Flut kam. Doch nun droht dem ganzen Dorf eine Flut, die das Leben der nubischen Bevölkerung für immer verändern soll.

Cover Hudhud al-Ghusn

Cover Hudhud al-Ghusn. © Twins Cartoon

Die Geschichte des siebenjährigen Ibrahim spielt im Jahr 1961 in einem kleinen Dorf bei Assuan in Oberägypten. 1960 haben die Bauarbeiten am Assuan-Staudamm begonnen, der den Fluss des Nils für die Landwirtschaft regulieren soll. Das angestaute Wasser, der sogenannte Nassersee, flutet die Gebiete der nubischen Bevölkerung. Zehntausende Menschen werden in eine wasserarme Wüstengegend umgesiedelt. Noch heute kämpfen die Nubier für Wiedergutmachung. Ihre Geschichte ist in Ägypten jedoch kaum bekannt. Das wollen die Twins Cartoon mit ihrer Graphic Novel Hudhud al-Ghusn (deutsch: „Der Wiedehopf auf dem Ast“) ändern. Darin haben die ägyptischen Zeichenzwillinge Haitham und Mohamed Elseht das Schicksal der nubischen Bevölkerung in Bilder gefasst.

Eine unbekannte Minderheit

„Die meisten Ägypter wissen über Nubier nur, dass sie dunklere Haut haben, und sonst nichts“, kritisiert Haitham Elseht von den Twins Cartoon. Für ihre Recherche reisten er und sein Bruder Mohamed im April 2018 in ein nubisches Dorf nahe Aswan, wo sie zehn Tage mit den Bewohnerinnen und Bewohnern Zeit verbrachten und Gespräche führten. „Das hat uns sehr inspiriert“, so Elseht. „Die Menschen dort sind ziemlich gelassen und gleichzeitig tragen sie eine große Wut in sich, weil sie aus ihrer Heimat vertrieben wurden.“ Die Geschichten dieser Menschen fließen in der Graphic Novel zu einer Geschichte zusammen.

Die Nubier sind eine Bevölkerungsminderheit von insgesamt etwa 1,6 Millionen Menschen im Sudan und Ägypten. In den 1960er-Jahren wurden sie nicht zum ersten Mal vertrieben. Seit dem Bau des ersten Nilstaudammes 1902 war es immer wieder zu Umsiedlungen gekommen. Für den Nassersee mussten zwischen 1963 und 1965 schließlich mehr als 50.000 Menschen ihre Heimat am Nil verlassen und in Dörfer rund um die Industriestadt Kom Ombo nördlich von Assuan ziehen. Die neue ägyptische Verfassung von 2014 hält zwar fest, dass die Regierung den Nubiern ermöglichen soll, in einige ihrer angestammten Gebiete zurückzukehren, doch bis heute hat sich nichts getan.

Um die Ecke erzählt

Haitham und Mohamed Elseht wollten in ihrer Graphic Novel das Verhältnis der Nubier zu ihrem Land und ihrer Umgebung darstellen. Vielleicht wirkt die Geschichte deswegen anfangs etwas ziellos. Verschiedene Handlungsstränge tun sich auf, werden jedoch nicht weitergeführt: Da ist zum Beispiel Ibrahims Vater, ein Landwirt, der nicht mit seinem akademisch gebildeten Bruder klarkommt; oder der Streit zwischen Ibrahims Opa und einem örtlichen Sheikh, der ihn vor langer Zeit hintergangen hat. Diese Konfliktfelder wirken teilweise willkürlich. Sie füllen die Hälfte des Comicbuchs, bevor es überhaupt zum ersten Mal um den Bau des Staudamms und die Vertreibung geht. Doch vielleicht sind diese Szenen wichtig, um den Alltag in einem nubischen Dorf zu beschreiben, die Werte und Traditionen der Minderheit zu skizzieren, bevor die Katastrophe sie trifft.

Ausschnitt Graphic Novel Hudhud al-Ghusn

Umsetzung des Tempels von Abu Simbel. © Twins Cartoon

„Es geht natürlich um die Vertreibung, doch wir können nicht einfach so darüber schreiben. Wir müssen das Thema in eine Geschichte verpacken“, sagt Haitham Elseht, der hauptsächlich für die Recherche und den inhaltlichen Aufbau zuständig war, während sein Bruder Mohamed vor allem die Zeichnungen anfertigte. „Wir wollten die Gesellschaft und Politik, die Tradition und Religion der Nubier zeigen.“ Dass politisch brisante Geschichten in Ägypten meist um ein paar Ecken erzählt werden, liegt wohl auch an der eingeschränkten Meinungsfreiheit im Land. Doch allzu viele Gedanken machen sich die Brüder deswegen nicht. „Ein Kollege hat uns gesagt, es sei gefährlich, über die Vertreibung der Nubier zu recherchieren“, sagt Haitham Elseht. „Doch wir haben die Freiheit einer Szene, von der niemand etwas weiß.“

Planet der Zeichner

Comics haben in Ägypten zwar eine lange Tradition und sind sehr beliebt, jedoch stellt man sich darunter eher Kinderbücher vor oder politische Karikaturen in der Zeitung. Wer Graphic Novels für Erwachsene zeichnet, kann in der Regel nicht davon leben. Auch die arabische Graphic Novel Hudhud al-Ghusn ist von den Elseht-Zwillingen und ihrem Netzwerk selbst finanziert worden. Derzeit suchen sie nach einem Verlag für eine englische Übersetzung.

Die Twins Cartoon versuchen dennoch, die Szene weiter auszubauen und mehr Menschen zu erreichen. Sie sind Mitbegründer des CairoComix Festival und veranstalten regelmäßig Workshops für Nachwuchszeichnerinnen und -zeichner. „Wir wollen verhindern, dass die Verbindung zwischen Amateuren und Professionellen abreißt“, so Haitham Elseht. „Darum haben wir 2014 Kawkab al-Rasameen (deutsch: „Planet der Zeichner“) gegründet, wo wir regelmäßig junge Menschen zusammenbringen, ihnen etwas beibringen und sie mit unserer Leidenschaft anstecken.“