Jedes Mal, wenn ein militärischer Konflikt in einem Nachbarland Jordaniens ausbricht, wird ein neues Kulturfestival in Amman geboren. Theater und Konzertsäle werden von unterschiedlichen arabischen Dialekten erfüllt, neben Jordanisch hört man auch Palästinensisch, Irakisch und Syrisch. Jordanien bietet vielen arabischen Intellektuellen, die vor den Ereignissen in ihren Heimatländern fliehen mussten, eine Zuflucht. Wie verändert das die Kulturszene vor Ort?

Die politischen Ereignisse in der arabischen Welt beeinflussen zuerst einmal die Institutionen, wie z.B. den Jordanischen Schriftstellerverband. Zu Beginn der syrischen Revolution brach unter dessen Mitgliedern ein Streit aus, der zur Spaltung des Verbands führte. Anschließend mussten die Anhängerinnen und Anhänger des syrischen Regimes 2015 bei den Vorstandswahlen zum ersten Mal eine massive Niederlage einstecken. Nachdem sie den Verband über lange Zeit kontrolliert hatten, erhielten sie nun keinen einzigen Vorstandsposten mehr.

„Ich wollte einfach weiterleben“

Nach 2011 wurden in Amman viele neue Buchclubs gegründet, teilweise auch von jungen Erwachsenen. Syrische Lyriker tauchten häufiger im Literaturprogramm auf, so z.B. Mohammed Tako oder Ramy Al-Asheq, der in Amman seinen ersten Gedichtband vorstellte. Daneben führte Ahmad Katlish seine literarische Radiosendung fort, dessen Beiträge ursprünglich von dem Damaszener Radiosender Al-Quds gesendet worden waren. „Ich wollte einfach weiterleben, so wie ein Jordanier, der seinen Platz in einer wirren und instabilen Kulturszene sucht“, meint Katlish. „Die Buchclubs zum Beispiel stellen manchmal eher unwichtige Bücher vor, regen aber trotzdem tiefgründige Diskussionen an.“ Laut Katlish gebe es in Jordanien zwar viele Künstlerinnen und Künstler, aber wenige Institutionen, die Grundlagenarbeit leisten könnten. „Wahrscheinlich ist das in vielen arabischen Ländern so, aber in Jordanien ist es besonders schwierig.“

Ahmad Katlish’ Beiträge wurden auf seinem Soundcloud-Kanal Tiklam schon mehr als vier Millionen Mal gehört, durchschnittlich werden seine Podcasts mit Lyrik, Geschichten, Theater und Philosophie 5000 Mal am Tag abgerufen. Katlish wollte seine preisgekrönte Sendung eigentlich ausweiten, doch nachdem er eine Förderung erhalten hatte, wurde sein Projekt aufgelöst. Kurz zuvor war in Jordanien ein neues Gesetz erlassen worden, dass die Finanzierung syrischer Kulturprojekte untersagt. Katlish lebt mittlerweile in Deutschland.

Noch künstlerisch oder schon wohltätig?

Die Rolle syrischer Intellektueller wird vom jordanischen Staat kritisch beäugt. So bezeichnete die ehemalige Kultusministerin Lana Mamkegh den Einfluss syrischer Geflüchteter als ausschließlich negativ. Eine Begründung lieferte sie nicht. Später schob der Kultusminister der Region Mafraq, Faisal al-Ajyan, ein Argument nach: „Unsere Kultureinrichtungen haben nach Ausbruch der Krise in Syrien gute Arbeit geleistet. Jetzt konzentrieren sie sich aber vor allem auf Wohltätigkeitsprojekte, um Förderungen zu erhalten. Das hat der Kulturszene geschadet.“ Ein weiterer Kritikpunkt ist die Veränderung des jordanischen Dialekts durch den wachsenden Einfluss syrischer Fernsehsendungen. Derartige Debatten lassen oft weniger über die Auswirkungen syrischer Kultur als über die Selbstwahrnehmung jordanischer Kulturpolitikerinnen und –politiker erkennen.

Nach dem Zweiten und Dritten Golfkrieg (1991 bzw. 2003) sowie in der Zwischenkriegszeit kam es immer wieder zu massiven Fluchtbewegungen von Irak nach Jordanien. Die Irakerinnen und Iraker stellen wohl die größte Gruppe unter den eingewanderten Intellektuellen dar. Mittlerweile haben sogar einige Cafés in Amman durch sie Berühmtheit erlangt. In seinem Buch Leben in einer römischen Festung erzählt Hady al-Husseini von irakischen Exilanten in Amman. Er beginnt sein Buch mit der Geschichte, wie er selbst mit 5 Dinar, einer Zigarettenschachtel und den Namen von ein paar Cafés seine Flucht antritt. Als er schließlich an einem dieser Orte ankommt, trifft er innerhalb von Minuten die Lyriker Abd Al-Azim Finjan und Mohamed Turki al-Nassar und den Schriftsteller Ali al-Sudani. Es folgt eine ganze Phalanx bekannter irakischer Autoren, denen Amman zur zweiten Heimat geworden ist.

„Die Iraker haben die ganze Szene bereichert“

Auch an den Universitäten macht sich die Präsenz irakischer Akademiker bemerkbar. Hinzu kommen regelmäßige Beiträge für jordanische Zeitungen, ein eigenes „Irakisches Haus“ innerhalb des Schriftstellerverbands und Filmvorführungen mit dem bekannten irakischen Regisseur Mohamed Shukri Jameel. „Die Iraker haben unsere Diskussionen, Veranstaltungen, Ausstellungen, ja die ganze Szene bereichert“, meint der jordanische Filmkritiker Najeh Hasan. „Ihr Einfluss war viel größer als der der Syrer, denn die Iraker haben sich in Jordanien niedergelassen. Viele Syrer haben hier nur Station gemacht auf ihren Weg nach Europa.“

Was die palästinensische Kulturszene angeht, so hat sie sich schon immer mit der jordanischen überlappt. Palästinensische Schriftstellerinnen und Schriftsteller sind regelmäßig in Jordanien anzutreffen. Zahlreiche Verlage und Kinos wurden von palästinensische Flüchtlingen aufgebaut, ganz so als wären die Länder östlich und westlich des Jordans ein einziges. Der palästinensische Lyriker Omar Zeyadeh, der kürzlich einen Gedichtband mit dem Titel Blinde Hunde in Amman veröffentlicht hat, meint dazu: „In Amman gibt es mehr Raum, die Arbeit hier ist professioneller und der Vertrieb funktioniert besser. Ich meine damit nicht, dass das Verlagswesen in Palästina schlecht ist, aber die Gegebenheiten vor Ort machen die Arbeit doch viel schwerer.“

Jordanische Bücher über die syrische Revolution

In Jordanien, so Zeyadeh, sei es einfach, Kulturveranstaltungen zu organisieren und deren Erfolg zu garantieren. In Palästina müsse man auf viel mehr Faktoren achten. Letztlich gebe es aber auch dort ein großes Interesse an Ausstellungen, Theateraufführungen und anderen Kulturveranstaltungen. „Vielleicht sind die Festivals nicht so groß wie das Jerash Festival und die Theateraufführungen nicht so bombastisch wie am Ammon Theater, aber auch in Palästina findet wichtige Arbeit statt.“

Besonders prägend für die jordanische Kulturszene war in den letzten Jahren zweifellos der Krieg in Syrien. Nicht nur syrische Autorinnen und Autoren, sondern auch jordanische haben Bücher über die Revolution, Terrorismus und Flucht veröffentlicht. Eines davon ist der Roman Roter Schimmel der jordanischen Schriftstellerin und Künstlerin Tabarak Yassin, der im Al-Aliah Verlag erschienen ist. „Mein Roman verhandelt unterschiedliche Themen und widersprüchliche Meinungen zu Revolution, Terrorismus und Haft in Syrien.“ Die Anwesenheit von Geflüchteten sieht die Autorin überall auf der Welt als kulturelle Bereicherung. In Jordanien, so Yassin, seien syrische Schriftstellerinnen und Schriftsteller sogar mutiger, wenn es darum gehe, politische und religiöse Tabus zu brechen.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz

Ammar Alshuqairi

Jordanischer Schriftsteller.

2018-03-15T20:46:15+00:00