Ohne Social Media, insbesondere Facebook, wäre der letztjährige Tag der arabischen Sprache wie jeder andere im Leben vieler Araberinnen und Araber vorübergegangen. Die meisten der Autorinnen und Autoren, Journalistinnen und Journalisten, die in den sozialen Netzwerken über ihre Gefühle für die arabische Sprache schrieben, leben mittlerweile im Exil. Deswegen klangen ihre Statements ein bisschen wie sehnsuchtsvolle Grabgesänge auf eine Sprache, die sie verloren haben. Dass der Tag der arabischen Sprache auf den 18. Dezember fällt, beruht auf der UN-Resolution Nr. 3190 vom 18. Dezember 1973, durch die Arabisch als eine der offiziellen Sprachen der Staatengemeinschaft anerkannt wurde.

Bei der Tour über die Social-Media-Profile arabischsprachiger Autorinnen und Autoren sind zahlreiche Einträge zu entdecken. Auch einige kurdische Autorinnen und Autoren meldeten sich zu Wort, unter ihnen die syrisch-kurdische Dichterin Maha Becker: „Mond-L/Sonnen-L/Oh, wie schön und anziehend bist du, /du großartige arabische Sprache.“ Becker bezieht sich hier auf die wechselnde Aussprache des Artikels „al“, was ein wichtiges Merkmal der arabischen Sprache darstellt. Der syrische Autor und Journalist Ali Safar hingegen schreibt: „Die Lage der arabischen Sprache entspricht genau der ihrer Eigentümer. Werden sie erniedrigt, dann wird auch sie erniedrigt; schwingen sie sich auf, dann wird auch sie sich aufschwingen.“ Safar bezieht sich hier auf die Unterwicklung, Armut und Unfreiheit, unter der die Menschen in den arabischen Ländern leiden.

Die Liebe zum Arabischen kennt kein Alter

Aus Nordafrika schreibt der Dichter und Übersetzer Najib Mubarak: „Es ist sehr selten in Marokko, dass man zwei Personen trifft, die bei einer Tasse Tee zusammensitzen und Hocharabisch sprechen. Es ist normal, Dialekt, Französisch oder Tamazight zu sprechen. Hocharabisch in einem öffentlichen Café zu hören, ist fast unmöglich. Doch etwas, das ich vorhin erlebt habe, bestätigt das Gegenteil: Neben mir im Café saßen zwei alte Männer. Nachdem die beiden ihre Getränke bestellt hatten, schlug der eine ein altes Heft auf und fing an, dem anderen die Grammatik der arabischen Sprache zu erklären. Diese Szene erregte bei mir Bewunderung für den alten Schüler. Sie sollte den Jüngeren als Beispiel dienen, wie man Arabisch selbst im hohen Alter noch lieben, lernen und beherrschen kann. So wie Fairuz einst sang: Es gibt Hoffnung, ja es gibt Hoffnung.“

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Das Arabische ist nichts, wenn nicht eine Heimat. © Mouneer Al Shaarani

Dass die Sprache, die man als erste von seinen Eltern lernt, „Muttersprache“ genannt wird, erweckt den Eindruck, man solle davon abgehalten werden, einen lieben Menschen zu vergessen. Leider sieht es so aus, als ob sich das Problem des Vergessens nicht nur in Nordafrika verschlimmert, sondern im gesamten Nahen Osten und sogar in nicht arabischen Ländern. In Deutschland beispielsweise leiden viele Geflüchtete darunter, ihre Muttersprache im Alltag nicht sprechen zu können. Flüchtlingskinder fühlen sich im Kindergarten fremd und isoliert, weil sie sich nicht in ihrer Muttersprache mit den anderen Kindern verständigen können.

Es fehlt sowohl an Kursen als auch an Büchern

Auf der anderen Seite schicken deutsche Schulleitungen Briefe, in denen steht, wie wichtig es sei, dass Kinder zu Hause ihre Muttersprache sprechen. Neue Studien belegten, dass dies es Kindern erleichtere, andere Sprachen zu erlernen. Doch was sollen Eltern tun, wenn es in ihrer Stadt keine guten Arabischkurse mit einem modernen Lehrplan gibt? Hassan sah sich gezwungen, arabische Fernsehsender zu abonnieren, damit seine achtjährige Tochter ihre und seine Muttersprache lernt. In den Kindersendungen wird aber nur Hocharabisch verwendet, was sich stark vom im Alltag gesprochenen Dialekt unterscheidet. Deswegen, so Hassan, würden viele Araberinnen und Araber seine Tochter für eine Ausländerin halten, wenn sie Arabisch spreche.

Ibrahim hingegen meldete sein Kind zum Arabischkurs an einer Hamburger Moschee an. Jetzt sieht er sich mit dem Problem konfrontiert, komplizierte Fragen über den Unterschied zwischen Islam und Christentum, über religiöse Gebote und Verbote oder die Kleidervorschriften der islamischen Scharia beantworten zu müssen. Faten hatte ihre Freundinnen und Freunde in Schweden und dem Vereinigten Königreich angeschrieben und sie um Arabischbücher für ihre beiden Kinder gebeten. Sie war jedoch schockiert angesichts der islamistischen Inhalte einiger dieser Bücher, denen sie ihre beiden Kinder nicht aussetzen wollte.

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Wer die Schönheit der Sprache schuf, legte sie und ihr Geheimnis ins Arabische. © Mouneer Al Shaarani

Viele arabische Familien im Exil nehmen absichtlich Kontakt miteinander auf, um ihre Muttersprache zu sprechen. Oft stellen Eltern dabei fest, dass ihre Kinder sich besser auf Deutsch verständigen und kaum Arabisch miteinander sprechen. Über die Wichtigkeit, Arabisch als Wahlsprache an deutschen Schulen einzuführen, besteht für viele Eltern daher kein Zweifel. Sie wundern sich vielmehr über die ungleiche Behandlung von Fremdsprachen. Warum werden Englisch, Französisch und Spanisch bevorzugt? Warum hat das Arabische nicht den gleichen Stand, selbst wenn hunderttausende Neuankömmlinge und Alteingesessene aus dem arabischen Raum in Deutschland leben?

Nicht nur die Menschen leben im Exil, sondern auch ihre Muttersprache. Für letztere ist es aber nicht so wichtig, irgendwann einmal in ihre Heimat zurückzukehren. Wichtiger ist, dass sie von ihren kleinen Töchtern und Söhnen nicht vergessen wird oder gar ausstirbt.

Übersetzung: Rashad Alhindi

Aref Hamza

Syrischer Lyriker.

2018-01-05T13:43:53+00:00