Im April 2017 feierte das Kreuzberger Café Bulbul Berlin sein einjähriges Jubiläum. Alle, die aus einem arabischen Land nach Berlin gekommen sind, suchen das Café irgendwann einmal auf. Mittlerweile ist es zu einem der vielen Symbole dieser Stadt geworden, in der sich vor Jahren auch Nidal Bulbul, der Besitzer des Cafés, niedergelassen hat.

Ursprünglich kommt Bulbul aus dem Viertel Shejaiya in Gaza-Stadt, wo er jahrelang als Journalist arbeitete. Im Dezember 2007 verlor er einen Fuß bei dem israelischen Angriff auf das Flüchtlingslager Burj al-Bureij, über den er berichtete. Seine journalistische Arbeit führte Bulbul 2010 nach Deutschland, wo er in Berlin eine Fortbildung bei einem Fernsehsender absolvierte. Damals dachte er, dass er anschließend über Ägypten nach Gaza zurückkehren würde. Doch die enge Verbindung, die er sofort mit der Stadt verspürte, veranlasste ihn, seine Zukunftspläne zu ändern: Nach vielen Jahren als Journalist entschied sich Bulbul, ein Kulturprojekt samt Café zu gründen.

Dessen Name, Bulbul Berlin, bezieht sich sowohl auf den Familiennamen seines Besitzers als auch auf das arabische Wort für Nachtigall. „Da das Café direkt neben dem Görlitzer Park liegt, kann man von hier aus den Gesang der Nachtigallen hören“, meint Nidal Bulbul.

nidal bulbul

Innerhalb kürzester Zeit wurde sein Café zu einem bekannten Treffpunkt für Araberinnen und Araber. All jene, die freiwillig oder gezwungenermaßen nach Berlin gekommen sind, haben nun einen Ort, der den Lieblingscafés und -bars ihrer Heimatstädte ähnelt. Diese Vertrautheit schlägt sich auch auf der Speisekarte nieder. „Wenn man einen solchen Ort schaffen will,“, meint Nidal Bulbul, „muss man ein Bild seiner Persönlichkeit und Herkunft entwerfen. Ich könnte beispielsweise kein italienisches Restaurant eröffnen oder Croissants anbieten.“ Er wolle lieber seine eigene Geschichte – und damit auch die Geschichte aller Araberinnen und Araber – durch Musik, Kultur und Essen erzählen.

Ein Trip in die Heimat mit Schakriya

Jeden Sonntag gibt es daher ein Büffet mit arabischen Spezialitäten. Dazu gehören Hummus, Tabouleh und Fattoush. Außerdem gibt es jeden Tag ein wechselndes arabisches Mittagsgericht. Arabisches Essen, wie z.B. Falafel oder Tabouleh könne man zwar auch in deutschen Restaurants finden. „Die bereiten das aber anders zu“, meint Nidal Bulbul. „Essen verbreitet immer ein heimeliges Gefühl, das gilt besonders für hausgemachte Gerichte wie Maqluba, Schakriya oder Mansaf. Die entführen einen an einen anderen Ort, man reist quasi zurück in die Heimat.“

Auch die Musik, die im Bulbul Berlin gespielt wird, und die Bücher, die seinem Besitzer aus verschiedenen arabischen Ländern zugeschickt werden, sind Ausdruck der Seele des Cafés. „Es überrascht mich immer wieder, wenn Gäste zu mir kommen und sich als Palästinenser aus Malmö oder als Iraker aus Frankreich vorstellen“, erzählt Bulbul. „Sie alle haben von meinem Café gehört und sind deshalb gekommen. Oder sie sind zufällig vorbeigelaufen, haben den arabischen Namen gelesen und kommen einfach rein. Es gibt aber natürlich auch viele Europäer, die hierherkommen, um einen Kaffee zu trinken oder das Essen zu probieren.“

Wer das Bulbul Berlin seit seiner Eröffnung kennt, dem wird schnell auffallen, dass es sich im Laufe eines Jahres gewandelt hat. Mittlerweile erzählt jede Ecke des Cafés ihre eigene Geschichte. „Es gibt Menschen, die sich hier kennengelernt haben, und andere, die sich hier getrennt haben“, meint Nidal Bulbul. „Menschen sind der Kern aller Geschichten über dieses Café, deshalb soll es für sie wie ein zweites Zuhause sein.“ Das gelte besonders für all jene Araberinnen und Araber, die hier nicht zuhause seien. „Wer seine Heimat verlässt, für den ist es wichtig, einen Ort zu finden, an dem man die eigene Sprache spricht und der die erste Heimat ersetzen könnte.“

Als Cafébesitzer trägt Nidal Bulbul Verantwortung

In krassem Gegensatz dazu stehen die täglichen Herausforderungen finanzieller und bürokratischer Art, mit denen Nidal Bulbul konfrontiert sieht. „Mit der Zeit muss das Café rentabel werden, damit es weitergehen kann. Ich habe momentan viele Fragezeichen im Kopf“, gibt Bulbul zu. „Trotzdem glaube ich fest daran, dass ich mein Café zu dem machen kann, was ich mir erträume.“ Alle Probleme würden aber von den schönen Erlebnissen im Café überstrahlt: „Manchmal besuchen unterschiedliche Gruppen das Café und jede sitzt in einer anderen Ecke“, meint Bulbul. „Nach einiger Zeit kommen sie miteinander in Kontakt und reden über alles Mögliche, ungeachtet ihrer unterschiedlichen Nationalitäten und Überzeugungen. Wenn ich eine Frau und einen Mann sehe, die sich irgendwo auf der Welt kennengelernt haben und sich hier zufällig wiedertreffen, oder wenn jemand ins Café kommt und zufällig auf einen alten Freund sieht, den er seit Jahren nicht gesehen hat, berührt mich das.“ Dann spüre er die Verantwortung, die er als Cafébesitzer trage. „Allein deswegen kann ich kaum die Hoffnung verlieren. Wenn ich mich an diese Geschichten erinnere, lösen sich Fragezeichen in meinem Kopf in Luft auf.“

Was Nidal Bulbul zu schaffen macht, ist der wachsende Rassismus auf der ganzen Welt. Er tritt ihm entgegen, indem er ausnahmslos alle Menschen im Bulbul Berlin willkommen heißt: „Die Tür des Cafés ist offen für alle, ungeachtet von ihrer Nationalität oder Ethnie, ihrem Geschlecht, ihrer Religion oder ihrem kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Hintergrund. Wenn ein Rassist dieses authentische und ungekünstelte Zusammensein sieht, muss er sich selbst und seine Überzeugungen überdenken.“

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz

Rasha Hilwi

Palästinensische Journalistin.

2018-04-12T11:51:30+00:00