Adania Shibli, geboren 1974 in Palästina, ist Autorin fiktionaler, journalistischer und wissenschaftlicher Texte. Sie lebt in Berlin und Jerusalem. Für ihre beiden Romane Touch (2002) und We are all equally far from love (2004) wurde sie jeweils mit dem „Young Writers Award“ der A.M. Qattan Stiftung in Ramallah ausgezeichnet. Seit 2013 ist Shibli Gastprofessorin am Seminar für Philosophie und Kulturwissenschaften an der Birzeit University. Im Rahmen der Edward Said Days, die vom 14. bis 16. März an der Barenboim-Said Akademie in Berlin stattfanden, hat Adania Shibli „kontrapunktische Erfahrungen der arabischen Sprache“ reflektiert.

FANN: In Ihrem Vortrag „Counterpoints in the Adorable“ erzählen Sie die Geschichte des palästinensischen Schriftstellers Khalil as-Sakakini, der 1917 in Jerusalem – damals Teil des osmanischen Reichs – einen befreundeten amerikanischen Juden in seinem Haus versteckt, obwohl er sich dadurch selbst in Gefahr begibt. Ihn nicht aufzunehmen, schreibt Sakakini, wäre ein Verrat an der arabischen Literatur gewesen. Wo sehen Sie den Zusammenhang zwischen Gastfreundschaft und arabischer Literatur?

Adania Shibli: Sakakini weist auf den Zusammenhang zwischen Literatur und moralischem Verhalten hin – beides heißt auf Arabisch „adab“. Tatsächlich sind viele unserer Verhaltensweisen durch die arabische Literatur inspiriert. Wir alle sind mit den Geschichten über Hatem al-Tai aufgewachsen, einem Dichter, der so großzügig gewesen sein soll, dass er sogar eine Hyäne in seinem Zelt aufnahm, als sie von Jägern verfolgt wurde. Dabei ist die Hyäne das meist gehasste und gefürchtete Tier, ein Symbol alles Schlechten. Hatem al-Tai aber heißt das Gefürchtete und Ungeliebte willkommen. Es gibt noch viele andere Beispiele für Großzügigkeit in der arabischen Literatur, wo man zuerst an den Anderen denkt, und dann an sich selbst. Wir lesen sie nicht als Handlungsanweisungen, sondern identifizieren uns automatisch damit. In Europa heute und in der Zeit des Kolonialismus war es ganz anders: Da war der Andere eine Quelle der Angst. Man grenzte sich von ihm ab, um sich selbst zu definieren.

Als ich mich entschieden habe auszuwandern, war mir klar: Die Vorstellung, eine eigene Bibliothek zu haben, kann ich vergessen.

FANN: Sie haben auch Sakakinis riesige Bibliothek erwähnt, die er nach seiner Flucht aus Jerusalem 1948 verloren hat. Können Sie uns mehr über Ihre eigene Bibliothek erzählen?

Adania Shibli: Im Jahr 2000 habe ich mich entschieden, Palästina zu verlassen. So ganz kann man es eigentlich nicht verlassen, denn es verfolgt einen. Es ist nicht nur ein Staat, sondern ein Zustand, eine moralische und existenzielle Frage… Jedenfalls habe ich beschlossen, das Land zu verlassen. Bis dahin hatte ich versucht, meine eigene Bibliothek aufzubauen. Begonnen habe ich damit schon mit zehn Jahren. Wir hatten zuhause schon eine Bibliothek, aber ich wollte meine eigene haben. Mein Vater musste mich zum Buchladen fahren, um mein erstes Buch zu kaufen: ein Buch über die Reisen von Marco Polo. Von da an habe ich Bücher gesammelt, bis ich ungefähr 25 war. Als ich mich entschieden habe auszuwandern, war mir klar: Die Vorstellung, eine eigene Bibliothek zu haben, kann ich vergessen. Damals habe ich beschlossen, nie wieder eine Bibliothek aufzubauen, und das ist bis heute so. Jetzt gefällt es mir, Bücher weiterzugeben, wenn ich sie gelesen habe. Inzwischen finde ich ohnehin, dass man Bücher nicht behalten sollte. Sie sollten geteilt werden und ständig in Bewegung sein. Die einzigen, die ich zuhause habe, sind die, die ich noch nicht gelesen habe. Das über Marco Polo, das habe ich allerdings aufgehoben.

FANN: Sie schreiben und sprechen häufig über Stille. Warum fasziniert sie Sie so?

Adania Shibli: Ich vertraue der Stille, weil ich Menschen misstraue, die sich klar artikulieren. Sprache ist für mich zerbrechlich: Wir alle verstehen Sachen falsch oder drücken sie falsch aus. Ich finde es spannender, an der Sprache zu scheitern als in ihr Erfolg zu haben. Mein Interesse an der Stille ist eine Gegenbewegung zur dominanten Sprache.

Mich interessiert, was wir jenseits des Dominanten entdecken können. Ich hasse das Dominante von ganzem Herzen.

FANN: Gibt es dann überhaupt Stille oder kommen in ihr nur die weniger dominanten Stimmen zu Wort?

Adania Shibli: Für mich ist Stille keine Abwesenheit, sondern eine Vielzahl an Möglichkeiten. Es gibt ganz viele Stimmen und Geräusche, die je nach Lautstärke unter mehreren Schichten begraben sind. Mich interessiert, was wir jenseits des Dominanten entdecken können. Ich hasse das Dominante von ganzem Herzen. Ich konnte noch nie verstehen, wie man andere Menschen dominieren kann, indem man in ihrem Namen spricht, anstatt mit ihnen zu sprechen oder einfach nur zuzuhören.

Adania Shibli

Adania Shibli in der Barenboim-Said Akademie, März 2019. © Peter Adamik

FANN: Wie stellt man Stille beim Schreiben dar?

Adania Shibli: Das ist die große Frage. Ich weiß nur, dass ich durch die Stille Zugang zum Schreiben gefunden habe. Das Schreiben ist etwas, das nicht gesagt wird, nicht laut ist, aber existiert. Ich fühle mich im Raum der Stille und des Schreibens aufgehoben. Wenn ich nicht schreibe, werde ich unerträglich. Leute fragen, für wen ich schreibe, aber ich schreibe für niemanden. Es ist vielmehr eine Art zu leben. Ich schreibe, und dadurch werde ich zum Menschen.

Ich schreibe mit Papier und Stift, weil ich den Schreibprozess sichtbar machen will: Pfeile, Durchgestrichenes, Querverweise. Am Computer bleiben keine Spuren.

FANN: Können Sie uns etwas über Ihre Schreibroutine erzählen?

Adania Shibli: Ich brauche dafür auf jeden Fall Stille. Ich schreibe am Morgen: Wenn ich aufwache, muss ich sofort in die Stille eintauchen. Wenn jemand diese Stille unterbricht, dann kann ich nicht schreiben. Es ist wie eine nebelige Landschaft: Man geht los, ohne etwas zu sehen, und je weiter man geht, desto mehr entdeckt man. Doch wenn der Blick zu klar ist, dann stört das den Prozess. Ich könnte niemals in einem Café arbeiten, wo viele Menschen und Geräusche sind. Ich schreibe sogar im Bett, um direkt nach dem Aufwachen damit anfangen zu können. Und ich schreibe mit Papier und Stift, weil ich den Schreibprozess sichtbar machen will: Pfeile, Durchgestrichenes, Querverweise. Am Computer bleiben keine Spuren.

FANN: Die arabische Sprache liegt Ihnen sehr am Herzen. In der aktuellen politischen Atmosphäre nehmen viele Menschen in Europa Arabisch als Bedrohung wahr. Bekommen Sie davon als Palästinenserin in Deutschland etwas mit?

Adania Shibli: Das stört mich nicht wirklich. Jeder soll selbst entscheiden, wie er eine Sprache wahrnimmt. Klar können Sprachen auch gefährlich sein, wenn sie zum Beispiel Ausdruck von Nationalismus sind. In der Geschichte des Nationalismus sind sie von Anfang an dabei, als erste Form der Abgrenzung zwischen Gruppen. Doch wenn ich eines sicher weiß, dann ist das, dass ich sehr dankbar bin, im Arabischen geboren zu sein. Es ist so eine wunderschöne, verrückte, mathematische Sprache mit so vielen Dimensionen. Ich werde nicht versuchen, jemanden davon zu überzeugen, aber wenn jemand Interesse hat, dann heiße ich ihn willkommen.

Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich meine Texte am liebsten gar nicht übersetzen lassen, aber das wäre egoistisch.

FANN: Wenn Sie diese Sprache so lieben, wie fühlt es sich dann an, wenn Ihre Texte übersetzt werden?

Adania Shibli: Es ist extrem schmerzhaft. Ich habe ja eine Beziehung zu den arabischen Worten, auch zu ihrem Klang. Ich versuche mit Übersetzern zu arbeiten, die nicht nur auf Inhalt, sondern auf Form und Rhythmus achten. Wenn ich ganz ehrlich bin, würde ich meine Texte am liebsten gar nicht übersetzen lassen, aber das wäre egoistisch. Denn als Kind und Jugendliche war es für mich unglaublich wichtig, europäische Literatur in arabischer Übersetzung zu lesen.

FANN: Was hat Sie zuletzt inspiriert?

Adania Shibli: Ich werde die ganze Zeit von jedem Quatsch inspiriert. Doch was mich gerade wirklich beschäftigt, ist Verlust – der Wandel von Dingen weg von ihrem Ursprung. Man fängt etwas an und will, dass es in eine bestimmte Richtung geht, aber es entwickelt sich in die entgegengesetzte – wie zum Beispiel Revolutionen.