Abgewandt von allen um mich herum laufe ich dahin. Ich bin etwas blass nach dem, was mir Schreckliches passiert ist. Ich beeile mich, um nur schnell nach Hause zu kommen, in mein Zimmer, meinen Zufluchtsort, zu meinen nächtlichen Geheimnissen, aber der Weg zieht sich in die Länge, als würde er vor mir wegrennen. Man könnte sagen, ich befinde mich auf der Flucht vor jedem menschlichen Wesen. Mein Gott, da kommt jemand auf mich zu! Ich blicke um mich, wo ich mich verstecken könnte, aber ich finde nichts. Er kommt näher und näher, und ich laufe so schnell, dass wir uns keinesfalls begegnen. Warum? Dazu muss ich Ihnen berichten, was in den letzten zwei Stunden passiert ist.

Ich kam gerade aus der Arbeit, da lächelte mir ein niedliches Kind mit schwarzen Augen von den Armen seiner Mutter aus zu, die mit einem Gemüseverkäufer sprach. Ich dachte, ich scherze ein wenig mit dem Kleinen, und schnitt Grimassen, um ihn zum Lachen zu bringen, und es gelang mir auch. Ich sah zwar albern dabei aus, aber ein heiteres Kinderlächeln erfreut das Herz, und das ermutigte mich, noch etwas näher an das Kind heranzugehen und ihm durch die Haare zu wuscheln. Und hier wurde mein Tag zu einem Alptraum, denn kaum hatte ich meine Hand zurückgezogen, entdeckte ich, dass ein Haarbüschel des Jungen daran klebte! Ich war etwas durcheinander – nein, verdammt, ich war komplett verwirrt! Denn jetzt begann der Junge auch noch zu wimmern, so wie ein Kind wimmert, wenn es gleich in Tränen ausbricht. Ich sah auf seinen Kopf und war nun auch drauf und dran zu schreien, beherrschte mich aber und floh stattdessen so schnell ich konnte, bevor die Mutter entdecken konnte, dass ich es war, der die schreckliche kahle Stelle auf dem Kopf des Kindes verursacht hatte. Ich machte mich aus dem Staub und fühlte, wie auch um mich herum eine immer größere Leere entstand. Als ich mir sicher war, dass ich den beiden entkommen war, blieb ich stehen und holte Luft. Ich versuchte, die Kinderhaare aus meinem Kopf zu bekommen, aber jetzt klebten sie daran fest. Jetzt wurde mir klar, dass ich aus dieser Bedrängnis nicht mehr so leicht herauskäme. Ich versteckte das Kinderhaarbüschel so gut ich konnte vor den Leuten; zum Glück habe ich eine sehr ähnliche Haarfarbe.

Eine halbe Stunde später lief ich über einen Platz in der Altstadt, und dort fiel mir eine Statue auf, deren Original auf das mittlere 15. Jahrhundert zurückgeht. Es war eine Nachbildung der Lupa Capitolina, jener nach Gefahren ausspähenden Wölfin, unter der zwei Kinder Hände und Mund nach oben strecken, um an ihr zu saugen – die Zwillinge, die Rom gegründet haben sollen. Das alles spielt hier keine Rolle, aber plötzlich spürte ich in mir den verhängnisvollen Drang, Romulus die Hand zu geben.

Illustration Yaser Safi

© Yaser Safi

Ich weiß, was Sie als Nächstes erwarten, und so kam es auch: Ich hielt nun die Hand der Statue in meiner Hand. Ich erschrak etwas weniger als noch am Anfang, aber ich hatte Sorge, dass ein Tourist oder ein Polizist mich gesehen haben könnte. Ich verkrümelte mich von dem Platz und tauchte im Passantenstrom unter, da schrie mir eine Frau hinterher. Unwillkürlich floh ich und stieß dabei mit einer alten Frau zusammen, die mir im Weg stand, ich wollte das nicht, aber ich musste da einfach schnell weg. Das Schlimme jedoch war, dass mir die Stimme weiter folgte. Ich war außer Atem, winkte ein Taxi heran und stieg ein. Sie können sich vielleicht vorstellen, dass es gar nicht so einfach war, die Autotür mit der linken Hand zu öffnen, während ich mit meiner rechten noch immer der Statue die Hand gab.

Und die Stimme! Die Stimme war noch immer da, sie holte mich ein. Ich bat den Fahrer, Gas zu geben, aber die Stimme blieb so vernehmlich wie zuvor, bis sie plötzlich ohne Vorwarnung verstummte. Ich war erleichtert und sagte zum Fahrer: „Lassen Sie mich hier raus.“ Er starrte mich an, und auch ich schwieg. Er sagte: „Sprechen Sie noch einmal.“ Mir brach der Schweiß aus, ich schluckte und sagte: „Hallo“, und schrie vor Schreck. Mein Gott, es war die Stimme, die mich verfolgt hatte, sie war jetzt meine, ich hatte eine Frauenstimme! Der Fahrer zuckte zusammen, und seine Adern traten hervor, als er auch noch sah, dass ich eine Statuenhand in der Hand hielt. Panik stieg in mir auf, ich stieg aus dem Taxi und flüchtete zu Fuß weiter.

Ich weiche dem Mann aus, der auf mich zugekommen war, als ich begonnen hatte, Ihnen meine Geschichte zu erzählen. Ich komme auf einem Bein zu Hause an, stelle mich vor den Spiegel, und wie ich schon befürchtet hatte, hatten meine Augen das Grün der Augen des Taxifahrers angenommen, von der alten Frau hatte ich einen Goldzahn im Mund und von dem Mann, der auf mich zugekommen war, hatte ich ein Hinkebein bekommen, das ich erst bemerkt hatte, als er schon zehn Meter hinter mir war.

Lieber Gott! Ich nehme meinen Wunsch von gestern Nacht zurück, bitte erhöre meine Gebete nicht mehr! Ich halte das alles für einen üblen Scherz von dir. Bitte mach mich wieder so, wie ich war, ich will bleiben, wer ich bin, mit allem, was mich ausmacht, mich, den Vollkommenen im Auge des Schöpfers und der Schöpfung, auch wenn die eine oder andere Frau zu mir sagt: „Du bist nicht genug.“

Dieser Text wurde im Rahmen der 1. Arabisch-deutschen Übersetzungswerkstatt unter Leitung von Dr. Günther Orth von Mahadi Ahmed, Lama Al-Haddad, Yasmin Al-Iriani, Hannah El-Hitami, Isabelle Felenda, Tim Friedrich, Katrin Köster, Ibrahim Mahfouz, Anna Steffen und Souhaib Zammel gemeinsam ins Deutsche übersetzt. Gefördert durch den Deutschen Übersetzerfonds.