Reigen

Das Paar geht Hand in Hand durch den Innenhof und kommt eine Stunde später in der gleichen Verhaftung wieder zurück. Hat es auf dem Hinweg noch ausgesehen, als spielen die beiden das Händchenhalten nur vor, wirkt es auf dem Rückweg so, als imitieren sie sich selbst.

„Ich verlass mich auf dich“, sagt die Frau.

Der Mann nickt, die Frau nickt – beide kurz und hart wie Trapezkünstler vor dem Absprung.

Reigen

Das Paar läuft durch den Hof. Die Frau tippt auf ihrem Smartphone herum, der Mann tippt auf seinem Smartphone herum. Gleichzeitig tauschen sie sich über das gemeinsame Wochenende mit Freunden aus.

Sie gehen in einem Abstand nebeneinander her, der sich weder verringert noch vergrößert. Bestriche man ihre Fußsohlen mit Farbe, wären zwei parallele Linien sichtbar.

Eine Stunde später verabschieden sie sich noch im Hof.

Illustration Ahmad Naffory

Ohne Titel. © Ahmad Naffory

Reigen

Das Paar schreitet geschwisterlich auf das Hinterhaus zu. Sie versuchen nicht, sich voneinander abzusetzen, also sind sie wahrscheinlich keine Geschwister, sondern Mann und Frau. Ihre Unterschiede schimmern nur durch den Einheitslook hindurch, sind aber nicht dazu da, Nischen zu besetzen und Neid zu kanalisieren. Wahrscheinlich haben die beiden anfangs gedacht, das läge alles sehr nahe mit ihnen. Doch jetzt trennt sie gerade das Naheliegende, jetzt nehmen sie sich gerade das so übel. Sie haben sich nur einen einzigen Blick zugeworfen, aber dieser eine hat genügt, um eine solche Gehässigkeit auszudrücken, wie sie nur Menschen in petto haben, die alle Hoffnungen in der Pfanne des anderen verbraten haben.

Nach einer Stunde kommt das Paar zurück, das Geschwisterliche ist ihnen entwichen, jetzt gehen sie so, als kennen sie sich nicht.

Reigen

Der Frau, die mit ihren Schritten den Hinterhof tackert, fehlt die zweite Hälfte. Sie läuft schnell und doch gebremst, so als zöge sie etwas Unsichtbares hinter sich her. Es dauert eine Weile, dann erscheint ein Lahmer mit semmelblondem Haar. Er wirkt blutleer, das Leben rieselt unablässig aus ihm heraus. Ob der Semmelblonde wirklich an der Resoluten hängt, ist nicht auszumachen, vielleicht wäre er sofort gelöst, drosselte sie das Tempo.

Auf dem Rückweg spricht die Tack-Tack-Tack-Führerin von dem gemeinsamen Haus und weist ihm den Weg. Er nennt sie Schnecke, kriecht noch eine ganze Weile durch den Hof und hinterlässt einen trägen Film. Da ist sie schon längst verschwunden – mit dem Haus, das sie ihm voranträgt.

Diese Texte sind ein Auszug aus dem Roman Die Nächte auf ihrer Seite von Annika Reich. Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

© 2015 Carl Hanser Verlag München GmbH & Co. KG

Im Rahmen der 2. Deutsch-arabischen Übersetzungswerkstatt unter Leitung von Youssef Hijazi wurde dieser Romanauszug von Ahmed Abdelhamid, Haroun Ahmed, Mahadi Ahmed, Raied Al Darwish, Lama Al Haddad, Yasmin Al-Iriani, Tarek Mahmoudi, Ava Nojoumi und Souhaib Zammel gemeinsam ins Arabische übersetzt. Gefördert durch den Deutschen Übersetzerfonds.