Die Grenze zwischen Albtraum und Komik kann verschwimmen. Im September 2015 wurde der ägyptische Autor und Journalist Ahmed Naji inhaftiert, weil ein Bürger nach Lektüre seines Romans unter Herzrasen und niedrigem Blutdruck gelitten haben will. Grund soll die ­sexuell anstößige Sprache in Najis dystopischem Werk Using Life (in der englischen Übersetzung von Benjamin Koerber 2017 bei University of Texas Press erschienen) gewesen sein. Die Anklage, wegen der Naji zehn Monate im Gefängnis verbrachte und eine Geldstrafe von rund 1.000 Euro zahlen muss, klingt so absurd, dass sie selbst einer gesellschaftskritischen Dystopie entstammen könnte.

Der Begriff Dystopie stammt aus dem Griechischen und ­bedeutet wörtlich Orte, die es nicht geben kann, Orte, an denen alles schlecht ist. Doch wenn man Ahmed Naji sprechen hört, so sind diese Unorte in vielen arabischen Ländern bereits Realität geworden: „Ich habe gar nicht gemerkt, dass ich eine Dystopie schreibe“, sagt der 30-Jährige im Skype-Gespräch. „Plötzlich haben mich alle zu Dystopien befragt und mir ist aufgefallen, dass es in letzter Zeit viele solcher Romane auf Arabisch gegeben hat. Das liegt nahe, denn wir leben in einer dystopischen Gegenwart. Worüber sollst du als irakischer, syrischer oder ägyptischer Autor denn sonst schreiben?“

Ahmed Naji

© Yasmin Hossam El Din

In den vergangenen Jahren hat die arabische Literatur auffallend viele dystopische Romane hervorgebracht. Einige kommen aus Ägypten, wo die Menschen nicht erst seit der Machtübernahme des Ex-Militärs Abdel Fattah al-Sisi mit sozialer Spaltung, behördlicher Willkür und staatlicher Überwachung konfrontiert sind – typische Themen der schwarzmalerischen Fiktion. Doch während Klassiker des Genres, wie George Orwells 1984 oder Ray Bradburys Fahrenheit 451, noch fürchterliche Zukunftsvisionen waren, so erscheinen die zeitgenössischen arabischen Romane dieser Gattung mehr wie verzerrte Darstellungen einer finsteren Gegenwart.

Wie lebt es sich in der Warteschlange?

„Ja, mein Roman ist eine Karikatur der Realität“, sagt die ägyptische Autorin Basma Abdel Aziz. „Er ist voller Sarkasmus, Überspitzungen und schwarzem Humor, doch im Kern habe ich mich an die Realität gehalten.“ Im September 2012 kehrte Abdel Aziz, die in Frankreich studierte, für einen Sommer nach Ägypten zurück. Im Kairoer Stadtzentrum passierte sie eine Schlange von Menschen, die vor einer Behörde warteten. Als sie zwei Stunden später erneut vorbeikam, war dort immer noch eine Schlange. Zum Erstaunen der Autorin erkannte sie die Gesichter der Wartenden wieder. Dieselben Menschen standen ohne Fortschritt seit mehreren Stunden vor verschlossenen Türen.

Basma Abdel Aziz

© privat

Zu Hause angekommen begann sie zu schreiben. Anstatt wie geplant nach Frankreich zurückzukehren, schrieb sie immer weiter, bis der Roman fertig war. In The Queue (in der englischen Übersetzung von Elisabeth Jaquette 2016 bei Melville House erschienen) ist jedes kleinste Detail der Kontrolle eines autoritären Regimes unterworfen. Ob Schaufenstergucken oder lebenswichtige Medikamente – für alles brauchen die Bürgerinnen und Bürger eine Genehmigung. Und die gibt es nur hinter einem ­riesigen Tor, das geschlossen ist, seit es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Protestierenden und dem Regime ­gekommen ist. So steht Tag für Tag eine kilometerlange Schlange von Wartenden vor dem Tor. Je länger die Menschen warten, desto mehr spielt sich ihr Leben in der Schlange ab. Eine Wartende eröffnet ein kleines Teegeschäft für die Umstehenden, Minibusse verkehren zwischen Anfang und Ende der Schlange, junge Frauen sehen sich nach geeigneten Ehemännern um. Die Autorin Basma Abdel Aziz arbeitet als Psychiaterin für das Nadeem-Zentrum, das im April den Menschenrechtspreis von Amnesty International in Deutschland erhalten hat. Das Zentrum betreibt die einzige Spezialklinik zur Behandlung von Überlebenden von Folter im Land. Weil der Staat den Einsatz von Folter leugnet, wurde die Klinik vor etwa einem Jahr von Sicherheitskräften versiegelt und ihre Arbeit verboten. The Queue erzählt die Geschichte von Yehya, in dessen Unterleib seit den Ausschreitungen eine Patrone der staatlichen Sicherheitskräfte steckt. Weil das Regime jedoch leugnet, auf Demonstranten geschossen zu haben, kann er sich die Patrone nicht entfernen lassen. Er wartet wie viele Tausend andere vor dem verschlossenen Tor, um eine Genehmigung für die Operation zu erhalten. In der Zwischenzeit verbietet der Staat jedoch Röntgengeräte. Yehyas Chancen, die Existenz der Patrone zu beweisen und eine Genehmigung für die notwendige Operation zu bekommen, werden immer schlechter, sein Gesundheitszustand ebenfalls.

„Ein totalitäres Regime, das gleichzeitig bürokratisch versagt“

Als das Buch 2013 auf Arabisch erschien, war die Klinik des Nadeem-Zentrums noch geöffnet und al-Sisi noch nicht Präsident. Heute gleicht der Alltag in Ägypten immer mehr dem ­dystopischen Szenario in Abdel Aziz’ Roman. „Wie ich in The Queue vorhergesagt habe, regiert ein totalitäres Regime, das gleichzeitig bürokratisch versagt“, sagt Abdel Aziz. „Es gibt immer mehr Fälle von staatlicher Gewalt, Folter und Verschwindenlassen. Zehntausende werden ohne gerechte Verfahren eingesperrt, und die Todesstrafe wird routinemäßig angewendet.“

Cover The Queue

© Melville House

Cover Using Life

© University of Texas Press

Während Basma Abdel Aziz staatliche Gewalt und Willkür in Ägypten kritisiert, setzt sich Ahmed Naji mit sozialen Fragen auseinander. Sein Roman Using Life spielt zwanzig Jahre nachdem ein riesiger Tsunami aus Sand Kairo und die Hälfte seiner Einwohner verschluckt hat. Der Protagonist Bassem ­Bahgat erinnert sich an sein Leben als junger Mensch vor der Katastrophe in einem Kairo, das er als „miserabel, abscheulich, schmutzig, verfault, düster, beklemmend, belagert, leblos, entnervend, verpestet, überfüllt, verarmt, wütend, verraucht, fiebernd, feucht, geschmacklos, beschissen, cholerisch und blass“ beschreibt. Demgegenüber steht das sterile Kairo der Zukunft, wo der ältere Bassem „keinen Platz zum Rebellieren, keinen Raum zum Schreien“ mehr findet. Die Natur ist glatt designed, das Wetter wird reguliert und jegliche Kreativität in die Passform eines globalen Marktes gepresst. Ein verschwörerischer ­Architektenbund regiert die Welt.

Dystopien sind auch Unorte, die Realität werden können

Im realen Ägypten 2018 existieren beide Zeitebenen aus dem Roman nebeneinander. Die Regierung baut seit 2016 tatsächlich eine neue administrative Hauptstadt außerhalb von Kairo. Anfang 2018 eröffnete das erste Luxushotel in der prunkvollen Wüstenanlage. Die moderne Großstadt teilt sich entlang der Machtstrukturen, ein Thema, das schon andere Autoren ­aufgegriffen haben. In Utopia beschrieb der ägyptische ­Science-Fiction-Autor Ahmed Khaled Towfik schon 2011 eine Welt, in der sich die reichen Kairener in einer glanzvollen, neuen Hauptstadt isolieren, während der Rest der Gesellschaft in ­einer entmenschlichten, verfallenen Altstadt haust. In Mohammad Rabies schauerlichem Zukunftsroman Otared hat der Malteserorden Kairo besetzt und liefert sich blutige Kämpfe mit den Milizen des Widerstands, denen die Hauptfigur Ahmed Otared angehört.

Die arabischen Dystopien beschreiben Unorte und warnen zugleich davor, dass diese Orte Realität werden können – auch anderswo. „Die Lügen, die alternativen Fakten, die Manipulation der Gesellschaft: Alles, was in meinem Roman vorkommt, erleben auch Menschen in anderen Ländern wie den USA“, so Abdel Aziz. „In meiner Geschichte gibt es keine Orts- oder Zeitangaben, denn diese Zustände können jede Gesellschaft treffen.“