Die Lyrikerin Ebaa Alkateeb wurde 1986 im syrischen Salamiyya geboren. Sie hat bereits mehrere Preise gewonnen und verfasst neben Lyrik auch Geschichten und Theaterstücke. In diesem Jahr ist ihr Gedichtband „In welcher Wunde spüre ich dich…?!“ im Verlag der Akademie für Dichtung in Abu Dhabi erschienen. Anders als viele zeitgenössische Lyrikerinnen entschied sich Alkateeb, die Gedichte für ihr erstes Buch in gebundener Sprache zu verfassen – also keine Prosagedichte zu schreiben, wie es im Arabischen und in andere Sprachen momentan sehr in Mode ist.

FANN hat mit Ebaa Alkateeb über ihre Auffassung von Lyrik und Modernität gesprochen.

Ebaa Alkateeb

Gerade ist das erste Buch der Lyrikerin Ebba Alkateeb erschienen. © privat

FANN: Einem breiteren Publikum sind Sie durch Ihre Teilnahme an der Fernsehsendung Prince of Poets bekannt geworden. Normalerweise bietet diese vor allem Männern eine Plattform. Warum haben Sie teilgenommen und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Ebaa Alkateeb: Meinen ersten „Gedichtvers“ habe ich von mir gegeben, als man mein Alter noch an einer Hand abzählen konnte. Mein Vater hat mich auf den Tisch gehoben und mich aufgefordert, eben diesen Vers – er nannte ihn „Lyrik“ – vor allen Anwesenden zu wiederholen. Ich habe stürmischen Beifall geerntet und die Freude in den Augen meiner Familie gesehen. Diese Freude war es, die mich dazu gebracht hat, an der Sendung „Prince of Poets“ teilzunehmen. Ich wollte sie in den Augen meiner Kinder sehen, inmitten in der tiefen Dunkelheit, die uns so erschüttert.

In den vorherigen Staffeln, die ich natürlich verfolgt habe, hatten mehrere tolle Lyrikerinnen mitgemacht. Deshalb erschien mir die Teilnahme als Frau nicht abwegig. Mir persönlich hat es viel bedeutet, bei „Prince of Poets“ mitzumachen. Aber der Zeitpunkt der Teilnahme war eine Herausforderung für mich, da ich nach mehr als zwei Jahren zur Lyrik zurückgefunden hatte. Aus verschiedenen Gründen hatte ich sie mehrere Jahre lang ignoriert. Ich bin also „durch das breiteste aller Tore“ zur Lyrik zurückgekehrt.

Der schönste Erfolg ist der von Erschöpfung gekrönte – und ja, ich war völlig erschöpft. Ich musste meine vier Monate alte Tochter in Syrien zurücklassen, weil ich sie wegen der Einreisebestimmungen der Vereinigten Arabischen Emirate nicht mitnehmen konnte. Das hat mir schwer zugesetzt. Als ich mit Verspätung angekommen bin, war das Hotel schon von Lyrikern überflutet. Da habe ich mich natürlich gefragt, ob ich unter all diesen Leuten überhaupt auffallen würde? Deshalb habe ich mich sehr gefreut, als ich unter die 20 besten Lyriker gewählt wurde und mein Land im Wettbewerb vertreten konnte.

FANN: War der Name der Sendung für Sie ein Problem? Der „Prinz“ hat ja eine sehr patriarchalische Komponente.

Ebaa Alkateeb: Überhaupt nicht. So beurteile ich die Dinge nicht. Der Name der Show ist relativ allgemein und aus der ständig wachsenden Zahl weiblicher Teilnehmerinnen spricht für mich die Begeisterung der Macher. Sie waren sehr glücklich darüber und haben großes Interesse gezeigt. Was mich selbst betrifft, so interessiert mich die Aufteilung in „männliche“ und „weibliche“ Lyrik nicht. Lyrik drückt einen inneren Geisteszustand aus, unabhängig von der Quelle dieses Geistes. Wenn es in der Vergangenheit weniger Lyrikerinnen gab, dann sind die Gründe in den jeweiligen Gesellschaften und Traditionen zu suchen – nicht in der Lyrik selbst.

Cover Ebaa Alkateeb

Buchercover von „In welcher Wunde spüre ich dich…?!“ © FANN Magazin

FANN: Warum haben Sie sich entschieden, Gedichte in gebundener Sprache zu verfassen? Ist diese Form nicht längst veraltet?

Ebaa Alkateeb: Das tut der Sprache großes Unrecht. Sie ist doch ein endloses Meer! Und ich meine damit nicht etwa die unendliche Anzahl an Synonymen. Ich will Ihnen ein einfaches Beispiel geben:  Wenn Sie jemanden grüßen wollen, wie viele mögliche Ausdrucksformen gibt es dann? Sehr viele. Genauso verhält es sich mit der Lyrik. Ein guter Lyriker kann den Horizont eines sprachlichen Bildes sogar dann noch weiten, wenn der Leser denkt, das ginge nicht mehr. Ob ein Text modern ist, hängt meiner Meinung nach vom Geist des Lyrikers ab und von seiner Fähigkeit, in die Tiefen der Sprache, der Bilder und Gefühle vorzudringen. Ein guter Lyriker macht sich die Form unterwürfig, in der er sich selbst wohlfühlt. Die Schönheit wird sich dann von selbst zeigen.

FANN: Einer Ihrer Verse lautet: „Ich kehrte betend ins Exil zurück.“ Leben Sie in Syrien im Exil?

Ebaa Alkateeb: Ja, sehr. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ebaa Alkateeb

„Die Sprache ist ein endloses Meer“, meint die Lyrikerin Ebaa Alkateeb. © privat

FANN: Die Mehrheit der syrischen Schriftstellerinnen und Schriftsteller lebt mittlerweile außerhalb Syriens. Wie schreiben diejenigen, die noch dort sind?

Ebaa Alkateeb: Das Schicksal wollte es, dass ich in Syrien bleibe. Allerdings quält mich der Schmerz und der Verlust jedes Syrers – egal ob er gegangen ist oder nicht. Es ist schön, wenn die Lyrik Fragen stellt, aber ich mache das momentan nicht. Ich befürchte, dass ich den Willen dazu verloren habe – und auch zur Beantwortung dieser Fragen, die ja doch zu nichts führt. Meine einzige poetische Frage ist im Moment: „In welcher Wunde spüre ich dich…?!“

FANN: Über die syrische Literatur seit 2011 wird oft gesagt, dass sie sehr emotional und laut sei. Glauben Sie, dass Sie davor bewahrt geblieben sind?

Ebaa Alkateeb: Das überlasse ich dem Leser. Wer mein Buch gelesen hat oder es noch tut, wird vielleicht mein inneres Klagen über unser Land in den Texten hören. Er wird aber keinen emotionalen Aufschrei hören. Die Lyrik hat das meiner Meinung nach nicht nötig. Es gibt sehr viele Lyriker, die nur herumplappern. Sie sind verantwortlich für den Eindruck, dass die Lyrik die schmerzhafte Realität nicht erfasst und ihr nicht das Recht verschafft, das ihr zusteht.

Übersetzung: Benedikt Römer

Ramy Al-Asheq

Lyriker, Journalist und Chefredakteur des FANN Magazins.

2018-12-13T17:31:38+00:00