Meine letzte Widmung an ihn war: „Wir schreiben, um dir zu danken.“ Ich ließ das Buch ganz bewusst auf dem Sitz seines Autos zurück und sorgte mich doch etwas, übertrieben zu haben. Das war am Anfang des Sommers. Wir gingen über den Flur des Cafés „Fatschi“, in das er mich eingeführt hatte. Unser Stammtisch war ganz hinten in der Ecke, versteckt hinter Hecken und einem Flammenbaum. Drei Stufen weiter unten stand ein Baum, dessen Zweige wie Tränen zu Boden hingen. Ich hatte einen ähnlichen Baum vor Jahren an einem der Orte Mittelamerikas gesehen. Er war uralt und stand inmitten eines Flusses, als sei er im Wasser gesprossen oder hätte schon vor dem Fluss existiert. Ein Freund sagte mir, dass dieser Baum „Weinende Witwe“ heiße. Manche nennen den Baum auch „Weinende Indianerin“, meinte eine amerikanische Freundin. Als ich den Besitzer des Gartens in Ramallah danach fragte, sagte er, dass der Baum nicht von hier sei. In Israel nenne man ihn umgangssprachlich „Weinende Araberin“ und sprach seinen Namen in gebrochenem Hebräisch aus. Wir gingen weiter zu unserem Tisch und saßen vor der weinenden Araberin. Ich überließ ihm die Platzwahl und er wählte wie immer den gleichen Stuhl.

Ghassan Zaqtan Mahmud Darwisch

Ghassan Zaqtan (links) und Mahmud Darwisch in ihrem Stammcafé. © Bashir Shalash

In der Nacht teile ich einen kleinen Korb Feigen auf und bitte Nehad, ihm seinen Anteil zu überbringen. Feigen verzaubern ihn völlig. Später im Gespräch ignorieren wir das Buch mitsamt der Widmung und sprechen stattdessen über Feigen, über die Gebrechlichkeit des Baumes und die Einfachheit der Frucht. Er geht weiter und vergleicht die Aggressivität und Sturheit des Kaktus mit der Freundlichkeit und Toleranz des Feigenbaums. Beide seien Nachbarn, so sagte er, und seien die Grundlage der palästinensischen Landwirtschaft.

Als ich ihn fragte, welchen Baum er in meinem Garten in Kobar pflanzen wollte, sagte er: „Einen Granatapfelbaum. Und fuhr fort: „Seine Blüte ist erstaunlich. Hast du sie einmal betrachtet?“ Später, als der Baum das erste Mal blühte, rief er mich aus Paris an. Er fragte, ob die Granatäpfel süß oder sauer seien. Ich sagte, ich wisse es noch nicht. Er sagte: „Lass sie reifen. Ich will, dass sie süß werden.“ Auf meinem Tisch zuhause liegt nun ein Haufen verwöhnter Granatäpfel, die ich noch nicht aufzuschneiden und zu kosten gewagt habe.

Der Besitzer reservierte immer jenen Tisch für uns und die freundlichen jungen Kellner gingen ihrer Arbeit nach. Als ich an jenem Abend, an dem wir die anderen auf dem Hügel im Süden der Stadt zurückgelassen hatten, mit Faten das Café betrat, vielleicht um ihn zu suchen, stand auf seinem Stuhl ein großes Porträt und auf dem Tisch ein Glas. Überall am Zaun waren Kerzen aufgestellt. Außerdem lag dort ein kleiner Strauß gelbweißer Blumen, den jemand ohne Karte abgelegt hatte. Die weinende Araberin stand drei Stufen weiter und starrte endlos auf den feuchten Boden.

Der Schöpfer von Erinnerungen

In seinen letzten Monaten war er völlig vertieft in die Vorbereitung seines Todes und Abgangs. Mit Inbrunst plante er unseren letzten Gang vor seinem Entschlafen. Er begann mehr als zuvor auf Details zu achten. So gab er mir ein Buch zurück, das ich ihm ausgeliehen hatte: „Schiffbruch mit Tiger“. Ich weiß nicht mehr, wer es geschrieben hat, die Übersetzung jedenfalls war von Samer Abu Hawash. Er rief die meisten seiner Freunde an und erinnerte sich an jeden einzelnen, mit dem er an jenem Tisch gesessen hatte. Er ging zum Kulturpalast im Süden Ramallahs und veranstaltete dort seine letzte Lyriklesung in der Heimat. Er las Der Würfelspieler, stand vor seinem Publikum und strahlte die Weisheit des Dichters aus. Er hatte die Organisatoren dazu aufgefordert, Eintrittskarten an ganz normale Menschen zu verteilen und möglichst wenige Würdenträger und VIP-Gäste hineinzulassen. Dann ging er in das Haus seiner Familie in Al-Jadida und schlief dort. Er rasierte sich vor seinen Brüdern, rief einen Freund in Haifa an und bat ihn weiterzuschreiben.

Namen, Gesichter und Gelächter, das durch alle Zimmer scholl, Abenteuer in weit entfernten Städten, kleine Abenteuer, die sein Leben bestückten, Städte, denen er ihre Namen und Gerüche gab, Tote und Lebendige, Freunde, die zu Gegnern wurden, und die Bitterkeit, die von Eiligen an den Rändern der Geschichte zurückgelassen worden war… All das versuchte er zu sammeln, zu bündeln und zu verwahren.

In seiner Stimme lag Genugtuung, als ich ihn fragte: „Wer wird mit dir nach Houston gehen?“ Er antwortete: „Akram und ein alter Freund, den du nicht kennst. Er heißt Ali.“ Ich fragte: „Haben die Ärzte eine Entscheidung getroffen wegen der Operation?“ Er antwortete: „Sie haben es mir überlassen.“ Ich fragte: „Und was hast du entschieden?“ Er lachte und sagte: „Ich will sie machen lassen… aber Elias Khoury will nicht, dass ich das mache.“

Bei seinem letzten Besuch in Ramallah ging es ihm nicht um große Ideen und wichtige Themen. Er war überraschenderweise damit beschäftigt, Details zu bewundern, als versuche er seine Schüchternheit zu erklären oder sich an Fehler zu erinnern, die ihm nie passiert waren, die er nicht wirklich gemacht hatte. Er verteilte Entschuldigungen, damit andere ohne Reue weiterleben konnten.

Es schien, als hätten wir die Rollen getauscht. Ich kümmerte mich ein paar Stunden um ihn und nahm an diesem Abend die Last von seinen Schultern, die er für uns alle trug. „Habe ich dir erzählt, dass Akram mich nach Houston begleitet?” Erneut vermittelte mir der Klang seiner Stimme Zufriedenheit, als lehne er sich an eine Schulter. Ich antwortete: „Nein.“ Er freute sich über den Rhythmus eines Gedichtes, das er in den letzten Tagen geschrieben hatte. Anders als sonst begann er, es vorzulesen. Wir waren zu dritt: er, Ziyad und ich. Die vierte im Bunde war eine Frau, die ohne erkennbaren Grund allein unter der „Weinenden Araberin“ saß. Er hob an mit einer Stimme, die sich seit fünfzig Jahren in unsere Seele sammelt wie das beständige Abflauen von Dunkelheit.

Die Luft war von Lilien erfüllt

Als ob Musik erklänge

Es ist kein Geheimnis mehr

Er saß auf dem Vordersitz, vertieft in die Lektüre einer Zeitung. Durch das Fenster konnte man ihn beobachten. Das schwarze Auto war stehengeblieben, um eine laute Hochzeitsgesellschaft aus dem Umland Ramallahs vorbeiziehen zu lassen. Das hätten einem die verstaubten, gelben, immer schnellen Ford-Busse sagen können, die kleinen Transporter und der Bus, hinter dessen Scheiben Kinderaugen leuchteten und Frauen erkennbar waren, in ihren Gesang vertieft als sei er ihre einzige Zuflucht. Ich blieb stehen und sah vom Gehsteig unweit des Fensters aus den Titel des Artikels, den er las, den Kragen seines dunkelblauen Mantels und sein Profil. Auf dem Rücksitz lag ein Bündel gelber Rosen. An jenem Tag Anfang März vor zwei Jahren, kurz vor seinem Geburtstag, war er in die Lektüre einer Zeitung vertieft, während Hochzeitsgäste in ihre Hörner bliesen, bevor sie sich in Richtung der Al-Sahl-Straße entfernten.

Ich klopfte nicht ans Fenster und er bemerkte mich nicht. Dieser Moment blieb mein persönliches Geheimnis, als würde die Entdeckung des Beobachters die ganze Szene ruinieren. Doch für mich war dieser Moment wichtig, denn mir wurde plötzlich klar, dass wir alle in einer Stadt lebten, in der man Mahmud Darwisch zufällig begegnen konnte, wenn er schnell nach Hause ging, gemächlich die Stufen zur Bücherei im zweiten Stock des Sakakini-Zentrums hinaufschritt oder zögernd auf seinen Tisch im Café zuging, als würde er sich selbst dort überraschen. Oder wie er sich erschöpft und fröhlich an das Rednerpult im Kulturpalast von Ramallah lehnte, während auf dem Hügel hinter seinem Rücken die Dunkelheit wuchst, in der er nach ein paar Tagen, getragen und unsäglich schüchtern, ankommen würde.

Ein leichter Regen befeuchtete den Asphalt, die Passanten, die Autos der Hochzeitsgesellschaft und den Mann, der auf dem Gehsteig stand. Er wusch alles fort, bis auf das versunkene Profil hinter der Autoscheibe, das seine außergewöhnliche Fahrt an diesem Morgen fortführte. Wie als um zu beweisen, dass es wirklich existierte, während ihm in der regenfrischen Luft ein Strauß nasser, gelbweißer Rosen folgte.

Ghassan Zaqtan verfasste diesen Text 2008, im Todesjahr Mahmud Darwischs. Übersetzung: Hannah El-Hitami. 

Ghassan Zaqtan

Palästinensischer Lyriker und Romancier.

2018-11-15T12:17:33+00:00