Vielleicht war er erschöpft oder erschrocken, als er sich die fünfzig Jahre vor Augen hielt, die er nicht so verbracht hatte, wie er es gewollt oder ersehnt hätte. Vielleicht packte ihn die Angst, als er die ihm verbleibenden Jahre zählte und nicht fand, was er heute sagte. Vielleicht – ich sage vielleicht – wünscht er sich nicht, vergessen zu werden. Doch war er sich bewusst, nicht das getan zu haben, wozu man ihn bestimmt hatte.

In letzter Zeit hatte er begonnen, sich selbst zu tadeln, während er langsam zur abendlichen Arbeit ging, wenn er all die verlorenen Gelegenheiten Revue passieren ließ und wieder einmal seine Entscheidungen bereute. Dann befiel ihn eine ungekannte Art von Frustration. Er schritt den Weg entlang, als sei er nicht da, konsterniert und verloren inmitten der Straßen, obwohl er doch alle Ecken des Viertels kannte. In diesen Gassen waren 35 Jahre an ihm vorübergegangen, womöglich war er selbst älter als manche der neueren Gebäude. Und doch erfasste das Gefühl der Fremde sein ganzes Sein. Er fühlte sich fern und versank immer mehr in sich selbst.

Plötzlich sieht er ein kleines Kind auf dem Gehsteig, das mit einem gelblichen Ball spielt. Er wendet seine Augen von ihm ab, das treuherzige Kind aber richtet seinen Blick auf ihn, durchbohrt ihn. Schwerfällig geht er zur Arbeit, das Kind läuft hinter ihm her. Er zündet sich eine Zigarette an, das Kind tut es ihm gleich. Er grüßt irgendwen, das Kind springt akrobatisch auf seine Schultern, wuschelt durch sein weißes Haar und zählt in aller Ruhe die verbleibenden Haarbüschel, die ihn noch vor der Glatzköpfigkeit bewahren. Er erreicht seine Arbeitsstelle und setzt das Kind weit entfernt von sich ab. Es weint. Er setzt es in sein Zimmer. Wahllos nimmt das Kind ein Blatt Papier und malt sein Gesicht, das Gesicht eines Mannes Mitte fünfzig. Es schmückt seine Lippen mit einem großen, schelmischen Lächeln.

Illustration Kareem Sadoon

© Kareem Sadoon

Abends betrachtet er sich flüchtig im Spiegel über dem Waschbecken, seine kleinen, stolzen Augen, die herabhängenden Brauen. Er erschrickt, als sei dies völlig unerwartet. Sein ganzes Leben ist nicht seins, doch tut er, als ob er es nicht bemerkte. Er geht ins Wohnzimmer und beginnt ein belangloses Gespräch über die Universität, die seine Tochter besucht. Seine Frau führt mit ihr eine hitzige Debatte. Er lässt alles aus sich heraus, all die Anspannung, brüllt herum, verflucht den Allmächtigen mit zügelloser Schärfe. Seine verbitterte Frau sagt, es gebe doch keinen Grund für einen derartigen Zorn. Er entzündet den Kelch seines Jähzorns und stößt Flüche aus mit angsteinflößender Geschwindigkeit. Alle verlassen das Zimmer, er ist allein mit dem Zorn, der Einsamkeit, doch noch ist er nicht fertig. Er folgt ihnen in die Küche, ist zornig, traurig, bemerkt, wie Spuren des Alters sein Herz befallen. Da trinkt er ein großes Glas Wasser und ist mit einem Male ruhig. Schweigend zieht er sich ins Zimmer zurück und schaltet den Fernseher ein.

Im Fernsehen schießen sie auf die Zornigen. Er ist zornig, hat jedoch Angst, im Kugelhagel zu sterben. Das Kind schießt den Ball gegen die Wand, es blickt ihn verstohlen an. Dem Kind sind der Zorn, die Kugeln, die Kinder und die Universität egal, es malt ein schönes Auto an die Wand. Er spuckt vor allen Leuten aus – keiner weiß, warum der Zorn plötzlich zurückgekommen ist. Zornig macht er den Fernseher aus, schreit nach dem Abendessen, isst mit dem Heißhunger eines Fastenden, alle im Haus meiden ihn und auch er will nichts von niemandem. Seine Frau fragt etwas, aber er antwortet nicht, er sieht sie an, ohne sie zu sehen. Das Kind macht ein Nickerchen auf dem Boden, zu seinen Füßen, und scheint einen schönen Traum zu haben. Da stupst er es mit seinem Fuß an und es erwacht. Seine Frau fragt, was er da tue, da fängt er an zu schreien. Er geht aus dem Haus, hat sein Handy dabei, und entflieht in das Leben anderer Menschen, weit weg.

Vielleicht – ich sage vielleicht – erschrak er, als er fünfzig Jahre alt wurde, weil er diese gar nicht erlebt hatte, da alles im Nichts verschwunden war. Er hatte Angst vor dem Tod und davor, dass er völlig unbemerkt blieb. Er hatte Angst, dass er sich in einen jähzornigen Menschen verwandelt haben könnte. In das, was er verabscheute.

Übersetzung: Benedikt Römer