An diesem Samstag kommt die palästinensische Lyrikerin Asmaa Azaizeh zu den Arabisch-deutschen Literaturtagen, die vom FANN Magazin in Kooperation mit Baynatna. The Arabic Library in Berlin veranstaltet werden. Asmaa Azaizeh wurde 1985 in Daborieh in Galiläa geboren und hat bisher zwei Gedichtbände veröffentlicht. Liwa erhielt 2010 den Young Author Award der A.M. Qattan Stiftung, Wie die Frau aus Lod mich gebar ist 2015 im Al-Ahlieah Verlag in Amman erschienen. Neben ihrem literarischen Schaffen arbeitet Azaizeh als Journalistin und Kulturmanagerin im Fattoush Café in Haifa.

FANN: Gibt es eine bestimmte Sache oder Obsession, die Sie als Lyrikerin antreibt? 

Asmaa Azaizeh: Auf jeden Fall ist es keine Obsession oder rein äußerliche Sache. Es ist eher meine persönliche Anlage. Wenn ich eine Weile nichts schreibe, werde ich sehr gereizt. Das ist ein körperlicher Zustand, so als hätte ich vergessen, meine Medikamente zu nehmen. Ich fühle mich selbst dann nicht wohl, wenn ich schöne Dinge tue, so als hätte ich mich in eine Maschine verwandelt. Wenn ich zum Schreiben zurückkehre, erfrischt mich das total. Meine Beziehung zur Lyrik ist ganz einfach, sie baut auf keiner komplexen Philosophie à la „die Lyrik ist das Gegenteil des Todes und deswegen bleibe ich durch sie lebendig“ auf. Es fühlt sich eher so an, als ob man morgens aufwacht und schlechte Laune hat, weil man keinen Kaffee getrunken hat, oder als ob man ohne seine Geliebte oder seinen Geliebten nicht leben kann. Dieses Gefühl ist sehr physisch und menschlich. Ich habe eine freundschaftliche Beziehung zur Lyrik. Es gefällt mir, Zeit mit dem Schreiben und mit meinen Gedichten zu verbringen. Wenn ich zu schreiben anfange, zittere ich regelmäßig und bin so nervös, als würde ich jemanden zum ersten Mal treffen oder als hätte ich einen Arbeitstermin. Diese Nervosität macht meine Beziehung zum Schreiben lebendig und aufregend. Es ist also nicht so, dass ich einen Zwang verspürte oder das Bedürfnis hätte, mich auszudrücken, oder dass ich glaubte, eine besonders gute Schriftstellerin zu sein. Meine Beziehung zur Lyrik ist wechselseitig – so wie meine Beziehung zu Menschen auch.

FANN: Liwa unterscheidet sich deutlich von Wie mich die Frau aus Lod gebar. Gilt das auch für Ihr neues Buch?  

Asmaa Azaizeh: Mein nächstes Buch unterscheidet sich von den beiden anderen. Gleichzeitig ähnelt es Liwa in einigen – aber nicht allen – Punkten. Zwischen meinem ersten und meinem neuen Buch liegen acht Jahre meines Lebens, die sehr wichtig für mich waren. Diese Zeit war geprägt von harten Ereignissen, wachsender Reife, Leben und Lektüre. Natürlich sind meine lyrischen Texte reifer geworden. Ihre Symbolik ist tiefer, ihre Bedeutung präziser und sie sind dahingehend stärker, dass ich versuche, direkter zu sein. Hinter den Texten steht eine Frau und kein junges Mädchen. Ich bin zwar noch jung, betrachte mich aber als Frau. Das Buch, an dem ich momentan arbeite, ähnelt Liwa dahingehend, dass der Fokus auf mir selbst liegt. Viele der Gedichte kommen vielleicht als politisch rüber, für mich sind sie aber sehr persönlich, weil ich in ihnen über mich selbst nachdenke, über meine Vorstellungen und verrückten Einfälle. Meine Lyrik wurzelt immer in einer persönlichen Erfahrung. Das sollte eigentlich normal sein, aber eine Zeitlang hatte ich mich trotzdem von mir selbst entfernt. Anschließend hatte ich das existentielle und geistige Bedürfnis zurückzukehren. Ich wollte wieder über meine persönlichen Erfahrungen und Gedanken schreiben, in Bezug auf sehr private Dinge in meinem Leben. Natürlich geht es in meinem neuen Buch aber auch um Themen des öffentlichen Lebens, wie z.B. Politik.

asmaa azaizeh

© Dirk Skiba

FANN: Sie leben seit vielen Jahren in Haifa. Wie beeinflusst die Stadt Ihre Lyrik?

Asmaa Azaizeh: Das ist schwer zu sagen… Sie beeinflusst meine Lyrik als Lagerhalle meiner Erinnerungen, aber sie erneuert sie nicht. Die Erneuerung, die ich in verschiedenen Bereichen meines Lebens erfahre, kommt aus Büchern, dem Internet und durch die Menschen, denen ich im Internet oder auf Reisen begegne. Was in der Kulturszene in Haifa passiert, ist wichtig. So gibt es zum Beispiel viele Plattformen, die arabische und internationale Kulturproduktionen anziehen, besonders im Theater- und Musikbereich. Wenn man sich aber die Literatur anschaut, findet man so etwas nicht. Wer behauptet, es gäbe eine arabische Literaturszene in den 48 Ländern, der lügt. Es gibt kein einziges größeres Literaturprojekt zum Ausbau des Verlagswesens, zur Förderung von Schriftstellern, zur Schaffung einer echten Schriftstellergemeinschaft oder zur Entwicklung von schriftstellerischen Talenten. Ja, es gibt einzelne Personen, die schreiben, aber keine Literaturzeitschrift und keinen Verlag. Damit eine Szene existieren kann, braucht sie einen Raum, in dem Lyrik an ihr Publikum gebracht werden kann. In den 48 Ländern gibt es aber keine Literaturkritiker, die wirklich lesen, verfolgen und rezensieren, was hier passiert. Sie schreiben einfach nur ihre persönlichen Eindrücke auf und das hinterlässt bei mir ein Gefühl von Hunger oder Langweile. Ich will an einem Ort leben, an dem ich meine eigene lebendige Szene habe. Für mich ist das die Literatur und die lebe ich nicht hier. Ich treffe keine anderen Schriftsteller, um über Literatur und Kultur zu diskutieren. Haifa ist friedlich, mein Leben geht seinen gewohnten Gang, meine Arbeitsstelle liegt in der Nähe meiner Wohnung. Ich habe hier ein paar Freunde und eine gewisse Freiheit. Auf dieser einfachen Ebene ist mein Leben in Haifa also wunderbar; eben das macht die Stadt zu einer Lagerhalle meiner Erinnerungen. Ich will aber lieber in einem Haus wohnen, in dem es Wohn- und Schlafzimmer gibt, und das finde ich hier nicht. Wenn ich durch Haifa gehe, tue ich das mit den Erinnerungen eines Mädchens im Kopf, das hier aufgewachsen ist und seine Jugend in dieser Stadt verbracht hat. Das gefällt mir zwar, für meine Lyrik brauche ich aber einen anderen Ort.

FANN: Wie sehen Sie die palästinensische Kulturszene in Haifa?

Asmaa Azaizeh: Auf einer professionellen Ebene habe ich das Gefühl, dass ich dieser Stadt sehr viel gebe und noch viel mehr zu geben habe. Die junge Generation aber ist sehr schwer zu erreichen. Das ist ein Fakt und stellt meiner Ansicht nach eine große Herausforderung dar. Sie ist launisch, kritisch, radikal – sie macht mir ebenso Angst wie ich sie liebe. Ich habe das Gefühl, dass diese Generation mutiger und schnelllebiger ist. Es gefällt mir zu denken, dass sie in einem reichen Haifa lebt, dass ich und meine Generation so nicht kannten. Ich glaube, das Fattoush Café ist die beste Verkörperung dieses Zustands. Es zeigt, was wir in dieser kleinen Stadt alles schaffen können. Das Fattoush Café mit seinen Büchern entschädigt mich für einen Verlust, der auf die Zeit meines Großvaters zurückgeht. Ich meine damit den Mangel an arabischen Büchern. Als ich angefangen habe, im Fattoush Café mit Büchern zu arbeiten, wollte ich an jeder Person Rache nehmen, die dazu beigetragen hat, dass wir in diesem Teil der Welt so zurückgeblieben sind. Während die Welt in eine Richtung fortgeschritten ist, sind wir einfach an unserem Platz stehengeblieben, weil uns keine Bücher erreicht haben. Genau diese Lücke wollen wir im Fattoush Café schließen.

FANN: Abhängig von der politischen Lage gab es immer wieder sich ähnelnde Stimmen innerhalb der palästinensischen Lyrik. Wie ist es aktuell um die palästinensische Lyrikszene bestellt?

Asmaa Azaizeh: In letzter Zeit finde ich Begriffe wie „Literatur“ oder „palästinensische Lyrikszene“ immer schwieriger. Ich empfinde sie als ungemütlich, nicht weil sie nicht präzise genug wären, sondern weil mir nicht klar ist, was das überhaupt sein soll: die „palästinensische Literaturszene“. Worauf basiert diese Klassifizierung? Auf Geografie, Ethnie, Sprache. Von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus oder in Bezug auf politische Ereignisse ist diese Klassifizierung sicher nützlich, wenn man z.B. die palästinensische Lyrik analysieren wollte, die 1982 in Beirut geschrieben wurde. Vielleicht haben diese Gedichte ja ähnliche Merkmale. Gleiches gilt, wenn man die Lyrik des Arabischen Frühlings 50 Jahren später analysieren wollte. Wenn wir diese Texte heute aber „palästinensisch“ oder „syrisch“ nennen, hat das überhaupt keinen Sinn. Manchmal habe ich den Eindruck, dass ein Gedicht von mir dem einer Ägypterin ähnelt. Ich sehe Gemeinsamkeiten mit Schriftstellern oder Lyrikern, die keine Palästinenser sind und nicht in meiner Region leben. Andererseits habe ich nicht das Gefühl, dass es ein politisches Zentrum gibt, mit dem alle Gedichte verbunden sind. Es gibt keine große Idee, die uns alle einen könnte. Die Palästinenser leben nicht mehr mit derselben Bedrohung wie früher, es gibt keinen existentiellen Ausnahmezustand mehr. Auch wenn es in Einzelfällen natürlich sehr wohl um Leben oder Tod geht, sind die Palästinenser als Volk nicht länger in ihrer Existenz bedroht. Die Abwesenheit dieser Bedrohung einer kollektiven Identität ändert auch den politischen Einfluss auf die Lyrik. Es kann sie im Ton ruhiger, aber auch lauter werden lassen.

FANN: Ihre Beziehung zu Berlin und seiner Lyrikszene ist sehr eng. Was wollen Sie der Stadt mitgeben?  

Asmaa Azaizeh: Das weiß ich nicht genau… einfacher wäre es zu sagen, was ich ihr nicht mitgeben will. Meiner Ansicht nach ist diese ganze Situation zu einem Klischee geworden, über das ja auch viele andere arabische Schriftsteller sprechen. Uns langweilen die Erwartungen des Westens an unsere Lyrik. Die Aufmerksamkeit, die ich als Einzelne bekomme, ist nur politisch. Sie bezieht sich auf meine Herkunft. Natürlich ist es verständlich, dass man so fühlt, wenn man einer Person aus einem Krisengebiet begegnet. Mich würde deren Geschichte auch interessieren. Als ich vor Kurzem Kroatien besucht habe, habe ich mit den Menschen dort über Krieg, Politik und Geschichte geredet. Wenn sich dieses Interesse aber in konkrete Erwartungen an ein Gedicht verwandelt, ist das eine Katastrophe. Leider gibt es viele europäische Lyriker, Verleger und Literaturpreise, die genau diese Erwartungen verstärken. Sie sind Teil einer Agenda geworden. Auf der anderen Seite gibt es arabischsprachige Lyriker, die ein sehr menschliches Verlangen bedienen, das Blut der anderen zu sehen, sie zu trösten und Mitgefühl mit ihnen zu empfinden. Das geschieht aus dem Bedürfnis heraus zu glauben, dass es ein Opfer gibt, das noch weniger wert ist als man selbst. Dass man selbst also kein Opfer ist. Historisch sieht der Westen die ganze Welt als Opfer – außer sich selbst. Diesen Durst nach Blut und Opfern an die Lyrik heranzutragen, sind furchtbar. Natürlich kommen wir aus einer blutrünstigen Weltregion und erzählen davon. Gleichzeitig wird vergessen, dass wir auch über andere Dinge schreiben, z.B. über Liebe, Blumen oder Natur. Nur weil wir in Konfliktregionen leben, bedeutet das nicht, dass wir kein anderes Leben haben. Diese Erwartungshaltung ist nicht normal.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz