Als Kuratorin von zwei Lesereihen beschäftigt sich Lara Sielmann (fast) täglich mit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Über Autorinnen und Autorinnen, die sie trifft, und Bücher, die sie liest, schreibt sie bei uns im Magazin.

In einer nicht allzu fernen Zukunft steht die Welt still. Besser gesagt, die Server unserer Welt: Denn das Internet und die dazugehörigen Devices wie Computer, Laptops, Smartphones gibt es nicht mehr. Dafür große Serverhallen, die ruhen. Das ist die Ausgangsbasis von Josefine Rieks‘ Debütoman Serverland, der 2018 im Hanser Verlag erschienen ist. „Diese Bilder der stillgelegten Ruinen waren vor dem Gedanken da, dass es das Internet nicht mehr gibt“, erzählt die Autorin. „Das war die notwendige Bedingung dafür, diese Geschichte überhaupt zu erzählen.“

Aus der Zukunft heraus auf die Gegenwart blicken

Schmal ist das Buch mit knapp 180 Seiten und verfolgt mehr ein Gedankenexperiment einer Welt ohne Internet als eine epische, dystopische Geschichte über unsere vergangene Moderne zu erzählen. „Aus der Zukunft heraus auf unsere Gegenwart, also die Vergangenheit zu blicken, war eigentlich ein einfacher literarischer Trick, da ich dadurch alles machen konnte, was ich wollte.“ Immerhin einen Satz zu dem, warum es das Internet nicht mehr gibt, hat uns die 30-jährige Autorin geschenkt: Die Menschen haben sich in einem Referendum dagegen entschieden. Und wie es mit Referenden manchmal so ist, nachvollziehbar sind sie nicht immer (siehe Brexit).

Zurück zu Serverland: Einer, der mit Sicherheit gegen diese Entscheidung gewesen wäre, heißt Reiner und ist Rieks‘ Protagonist. Er ist schätzungsweise Anfang 20, arbeitet für die Post, ist ein Computerfreak und sammelt Elektroschrott wie MacBooks oder Computerspiele. Auch wie Server funktionieren, weiß Reiner und ist deshalb der perfekte Ansprechpartner einer Gruppe von Jugendlichen, die das Internet zurückwollen oder zumindest das, was sie sich darunter vorstellen. So reist er kurzerhand an die holländische Grenze, wo ein paar Teenies in einer ehemaligen Google-Serverhalle auf der Suche nach den Datenspuren unserer Jetztzeit sind, und hilft ihnen als Experte die Server zu reanimieren.

„So viel älter als diese jungen Menschen ist er eigentlich nicht. Der Eindruck entsteht, weil er gewisse Schwierigkeiten hat, seinen Stand in der Gruppe zu finden. Er fühlt sich als Anführer, schließlich hat er das technische Wissen. Gleichzeitig ist er aber kein Charismatiker, der so eine Gruppe anführen kann. Er empfindet eine Ungerechtigkeit und muss das kompensieren, indem er die anderen ‚die Jugendlichen‘ nennt“, skizziert Rieks ihren Protagonisten. Ein Einsiedler ist er, der alleine vor seinen Rechnern sitzt, ab und zu mit sich ein Bier trinken geht. So ist er vielleicht weniger auf der Suche nach dem Internet als nach Anerkennung oder menschlicher Wärme – beides Raritäten in Reiners Leben.

„Es gibt nicht das eine repräsentative Youtube-Video“

Fortan besteht der Alltag der jungen Revoluzzer aus YouTube-Videos schauen und Plenen abhalten, die mehr oder weniger funktionieren. Denn so richtig wissen sie nicht, was sie sich vom Internet erhoffen. Das führt immerhin zu ein paar amüsanten Beschreibungen von Youtube-Videos, wie dem 2000er Megahit „Rock DJ“ von Robbie Williams, in dem der Sänger sich bis auf die Knochen auszieht. „Die Idee, aus den YouTube-Videos einen repräsentativen Querschnitt unserer Gesellschaft zu bilden, habe ich relativ schnell aufgegeben, weil es nicht das eine repräsentative YouTube-Video gibt. Deshalb ist die Auswahl eher Zufall. Rock DJ hat zum Beispiel viel in der damaligen Zeit bedeutet, es war ja auch zensiert auf MTV. Allerdings erinnern wir uns schon wieder kaum daran.“

Josefine Rieks

Josefine Rieks erster Roman ist im Hanser Verlag erschienen. © Tim Bruening

Von der Gesellschaft außerhalb der Serverhallen bekommt man als Leserin wenig mit, zu sehr beschränkt sich die Erzählung auf das, was an der holländischen Grenze passiert: Junge Menschen erobern sich etwas, verklären die digitale Vergangenheit, die ihnen wie eine gerechtere und solidarischere Welt erscheint. „Wenn ich mit Menschen rede, die in den 68er-Jahren Teenager waren, sind sie durchaus stolz, Teil jener Zeit gewesen zu sein. Wobei die wenigsten von ihnen vorne an der Bewegung standen. Viel mehr besinnen sie sich auf eine Stimmung. Ähnlich ist es bei den Jugendlichen in Serverland: Sie haben eine verschwommenen Vorstellung davon, was das mal für eine Zeit gewesen sein muss – was das Internet für gesellschaftliche Möglichkeiten in sich trug oder für sie auch trägt. Sie haben allerdings weniger eine gemeinsame Utopie oder eine Vision. Dafür teilen sie das unbestimmte Gefühl, dass es wichtig ist, was sie machen, und es etwas Besonderes ist, das nur jetzt stattfinden kann.“

Ob mit oder ohne Internet – Jugendliche sein ist tough

In präzisen, klaren Worten ist Serverland verfasst. Die kurzen Einblicke in die Gedanken, Wünsche, Hoffnungen der jungen Menschen kommen einem vertraut vor: Denn ob mit oder ohne Internet – Jugendliche sein ist tough, bedeutet Reibung und die Anstrengung, sich und die Welt zu verorten. Die große Erzählung einer Welt ohne Internet ist Serverland nicht. Dafür hat die Autorin zu wenig Interesse daran, jene Welt und ihre Parameter durchzuerzählen. Als Gedankenexperiment funktioniert die Geschichte um den Computerfan Reiner aber allemal und regt an weiterzudenken: Wie sähe eine Welt ohne Internet aus? So lange ist es noch nicht her, dass wir offline gelebt haben.

Und doch kommt einem diese Zeit so vergangen vor wie die Welt der Jugendlichen in Serverland. Die Digitalität ist integraler Bestandteil des öffentlichen wie des privaten Lebens. Weltweite Protestbewegungen wie #MeToo, Occupy oder Climate Strike sind direkte Folgen des Internets, genauso wie Cybermobbing, Fake-News-Kampagnen oder Bots, die Wahlen manipulieren können. An dieser Stelle überlasse ich es der Leser- und Leserinnenschaft, über eine Welt ohne Internet nachzudenken, und schalte nach diesem Satz meinen Computer aus, um ganz analog Freunde auf einen Kaffee zu treffen, mein Smartphone in der Tasche – nicht, dass ich noch etwas Bewegendes verpasse!

Josefine Rieks wurde 1988 in Höxter in Nordrhein-Westfalen geboren. Sie studierte Philosophie in Berlin und lebt seit fünf Jahren eben dort. Rieks schrieb unter anderem das Drehbuch für den Film U3000 – Tod einer Indieband. 2017 war sie Alfred-Döblin-Stipendiatin. Serverland ist ihr erster Roman.