Es würde nicht sofort beginnen.

Die Sporen würden ihre Zeit brauchen, um zu reagieren, eine Stunde oder zwei, bevor sie begriffen hätten und das Fressen beginnen würde. Das Fressen und das Wachsen.

Sie würden, das vermutet Ruth, mit den Zellen anfangen, die ohnehin schon tot gewesen wären: mit den gewellten Gelb der Hornhäute. Dem seifigen Weiß der Schuppenflocken. Mit allem, was schon kleine und achtlose Tode an ihr gestorben war, bevor sie dann den ganz großen, den einen richtigen Tod gestorben wäre, der mit allen Zellen, HautHaareHerz. Das Fressen und das Wachsen würde ein Schlingen und ein Wuchern werden, je größer und hungriger die Pilzsporen werden würden. Die magermilchige Blässe ihrer Fäden, kühl und weich um Ruths eigenen magermilchigen Nacken und in den weißen Kräuselhärchen am Dreieck ihres Haaransatzes. Wann immer Ruth ein Unwohlsein fühlt, drückt sie jetzt die Nase tief in einen frisch aufgerissenen Karton Pilze vom Markt, und der Geruch hängt sich wie Mehltau von innen an ihre Nasenhärchen, Kartoffelkeller im Spätherbst und Erdmuff, und auf ihre geschlossenen Augenlider malen sich leuchtende Sporengeflechte, die sanft blau flackern.

Noch lebt Ruth aber, vorerst, und was danach ist, weiß sie nicht, zumindest noch nicht genau, sie hätte so gern eine zweite Meinung. Sie denkt über eine Abstimmung nach, man kann sie gut in ihre Videos integrieren, eine automatische Funktion, die mit ein paar Klicks einen Balken über Ruths sprechenden Kopf setzt: links über Ruths Scheitel wird das Nein stehen und rechts das Ja. Ruth hat darüber nachgedacht an ihren Abenden diesseits des großen Panoramafensters, auf ihrer Hälfte der Fensterseite, in ihrem salbeigrünen Chintzsessel, ein Teetablett davor, von dem sie die papierdünne Tasse nimmt, trinkt, absetzt, zwischendurch atmet, überdeutlich atmet in diesem geräumigen Wohnzimmer; der Sessel, der ihrem gegenübersteht auf der anderen Fensterseite, ist rot. Und er ist leer.

Illustration Hamid Sulaiman

© Hamid Sulaiman

Ruth hat lange darüber nachgedacht und dabei Musik gehört, die alten Sachen, und dazu nackte Füße vor dem roten Sessel gesehen, wie sie mit losen Pantoffeln den Rhythmus dazu klappern, tick-tack-tack, und sie hat dazu gesungen, ba-da-da. Wie sie der Tonspur des Lieds immer voraus gewesen ist, wie ihr Mund die Worte aus der Erinnerung gegriffen und geformt und in die Raumluft geschickt hat, unsichtbare Rauchringe, durch die der nachschleifende Text des Sängers aus den Boxen seine Rauchringe vom Band hat schweben lassen. Der Balken für die Abstimmung ist schnell gemacht, klick-klick-klick, und Ruth lässt den Mauszeiger eine Weile suchend über das Standbild ihres Videos schwirren, der Balken folgt ihr. Über den Augen gefällt es ihr gar nicht, bei einer solchen Abstimmung will man doch, dass die, die einem folgen, einem beim Entscheiden gefälligst in die Augen sehen. Über dem Mund? Sie zögert. Sie hat diesen Alptraum, seit sie den Kanal hat. Seit der rote Sessel leer, das Panoramafenster für die Passanten auf der Straße nur halb besetzt und alles um sie herum asymmetrisch geworden ist – die Geschirrsets, die Bettwäsche. Sie träumt, dass man ihr in den Mund guckt. Wenn sie tot ist. Und wenn ein Abonnent auf die Pausentaste drückt und sie in einer Sprechbewegung einfriert.

Offene Münder sind den Liebenden vorbehalten und den Staunenden und denen, die über die Liebe staunen. In offene Münder sieht man bei der Lust, wenn man schon im Fleisch des anderen ist, und der Mund sich vor einem auftut und das von einem verschlingen möchte, was noch übrig, was noch manifest und nicht flüssig oder dampfig ist in dieser Welt, die aus Laken besteht, in Lakenfalten sich auftut und hinter Lakenenden aufhört. In offene Münder sieht man, wenn etwas von den Lebensereignissen passiert ist, die zu groß sind, um sie nur mit den Ohren und den Augen aufnehmen zu können: die allzu guten Dinge, die man schlucken will, um sie für sich zu haben in der Mundhöhle und der Wärme des eigenen Magens, nur für sich allein und geschützt vor Zugriffen, und die grausamen Dinge, die aus dem Sehen und dem Hören verschwinden sollen und man schnappt sie weg und versucht, sie zwischen Lippen und Zahnreihen zu zermalmen, und später bekommt man doch das Bauchdrücken davon.

Ruth hat aus all diesen Gründen unzählbar oft den Mund geöffnet, sieben Jahrzehnte lang hat sie aufgerissen, aufgeklappt, und jetzt ist es genug: Man sieht genug von ihr, im halben Panoramafenster ihres halben Hauses, mit halbiertem Tischgedeck beim Abendessen und einer einzigen Zahnbürste, die in beinahe unerträglicher Asymmetrie aus dem Becher in die kalten Spiegellampen ragt. Und im Internet, wo sie den Rahmen ihrer Videos so groß oder klein stellen kann, wie es für einen einzigen, ihren Kopf passend ist: kein leerer Raum um einen roten Sessel auf dem Bildschirm, kein freier Platz auf dem Bildausschnittsviereck um ihren sprechenden Kopf, der ungefüllt bliebe, ungenutzt, verlassen gar.

Die Cafés und Restaurants in der Stadt um Ruths Haus sind voll, die Wohnungen leer: zu Hause sind ihre Nachbarn, wenn Ruth schläft. Sie kommen und öffnen quietschend die Türen ihrer Briefkästen. Sie nehmen Zettelchen heraus und klingeln bei Ruth, Ruth öffnet im Nachthemd und reicht das Päckchen vom Stapel, dann gehen die Nachbarn wieder und schlagen die Türen ihrer Briefkästen quietschend und die Türen ihrer Wohnungen krachend zu und drücken kalte Zugluft unter Ruths Türspalt hindurch.

Ruth ist immer zu Hause und oft im Panoramafenster. Die Briefträger sehen sie dort sitzen im salbeigrünen Sessel und klingeln mit den Paketen der Nachbarn, und seit einer Weile schon haben sie auch Pakete für Ruth und manchmal kommt ein Lieferant mit einer schwarzen Styroporkiste, aus der es nach Gewürzen oder Käse duftet. Das erste Mal hat Ruth eine Pizza bestellt von einem Flugblatt aus ihrem Briefkasten, eine Margarita, sie war nicht mehr warm als sie ankam, aber Ruth hat sie in den Backofen geschoben: Sie hat ihr gut geschmeckt, sie hat sie ganz gegessen. Später hat sie auch auf die Anzeigen neben ihren Videos geklickt, die sie auf Seiten geführt haben mit  Fotos von indigoblauen Küsten und Sand, weiß wie Bleiche und glatt wie das Lächeln auf den glänzenden Gesichter ihrer Nachbarn, wenn sie ihr die Pakete aus der Hand nehmen, und Ruth hat geklickt und bestellt: nicht der Sand und das Meer sind gekommen, aber Flugtickets und Buchungsbestätigungen für Hotelzimmer. Geflogen ist sie nie. Ruth hat am Monatsende vor dem Bildschirm gesessen und auf die schwarzen und roten Zahlenreihen auf ihrem Konto geguckt, und die Zahlen haben sich anstelle von Ruth bewegt, hin und her, das hat ihr gereicht, die Reise ihrer Kontozahlen vom Plus ins Minus und wieder zurück, wenn ein neuer Monat angefangen hat und die Rente da war. Ruth fand Gefallen an der Symmetrie dieser Wellen aus kleinen flimmernden Zahlen, die sie nur mit ihrem Zeigefinger auf der Maus dirigieren konnte: ein Gegeneinander von Rot und Schwarz in einem offenen Fenster, sie hat so oft schon den roten Sessel auf die Straße stellen wollen, dann hat sie es aufgegeben, das Gegeneinander von Rot und Grün, leer und besetzt, hält sie Abend für Abend im Panoramafenster, vielleicht säße sie sonst auf dem Sofa, das schon lange verwaist ist, seit die Kinder aus dem Haus sind, aber sie mag es lieber so, der Sessel und sein Gegenüber, den Tee vor sich und Musik dazu, ihre Reisebroschüren im Schoß. Neulich ist sie darüber eingeschlafen, mitten im Panoramafenster, sie ist erschrocken hochgefahren, als das herabsinkende Kinn ihre Brust berührte, der Mund offen. Sie musste schnell aufstehen, so schnell, dass ihr schwarz vor den Augen wurde, was, wenn ihr einer in den Mund gesehen hatte von außen, manche Passanten blieben stehen und starren minutenlang auf den Blauregen, nicht auszudenken, wenn einer von denen den Blick von der Fassade hat abrutschen und in ihren Mund hat fallen lassen, in der Küche hatte Ruth erst einmal tief eingeatmet über der Packung mit Marktpilzen, Erde, Zersetzung, der Sporenanzug, es würde nichts bleiben von Ruth, und im Anzug würde man den Mund nicht sehen. Ruths Schlaf in dieser Nacht war tief, und am nächsten Morgen erzählte sie in einem neuen Video auf ihrem Kanal davon, von dem Anzug, den sie im Internet gefunden hatte, ein Foto war es gewesen von einer Frau mit langem schwarzen Haar, die einen schwarzen Sack trug mit weißen Leuchtfäden darauf, das waren die Pilzsporen, die sie eingenäht hatte, die sie nach ihrem Tod umweltfreundlich und schnell zersetzen würden, man konnte den Sack oben zuziehen und sah den Mund nicht mehr, das ganze Gesicht nicht,  über dem Scheitel verlief der Reißverschluss, der das einzige war an diesem Modell, das später von Ruth übrig bleiben würde, aber es war ja auch noch ein Prototyp. Wenn Ruth neben dem Bild klickte, schrieb die Frau, könnte sie Geld spenden, und wenn sie viel spenden würde, würde die Frau mit den schwarzen Haaren ihr einen Anzug zuschicken. Ruth klickte.

Ruth blickt auf den Abstimmungsergebnis über ihrem Scheitel, wo später der Reißverschluss über ihrem Kopf sein wird und noch später, am Ende, nur noch der Reißverschluss und viele Pilze und ihr Kopf nicht mehr. Soll sie den Pilzanzug tragen, wenn man sie beisetzt? Die Ergebnisse sind knapp, zu knapp, findet Ruth: 49% sind dafür, 51% dagegen. Ein Ergebnis, das so knapp an der Symmetrie einer Gleichverteilung vorbeischrammt, dass Ruth sich darüber ärgert: Da sitzt sie in einem halben Haus mit unsymmetrisch besetzten Sesseln im Panoramafenster und guckt auf ein Fenster mit unsymmetrischen Abstimmungszahlen. Sie klappt den Computer zu, sie geht in die Küche zu den Pilzen, wickelt geduldig das feuchte Cellophan von der Packung, bis ihr der Duft entgegenschlägt. Ruth schiebt den roten Sessel vor ihren eigenen und legt die ausgestreckten Beine darauf ab, zwei Sessel und ein Mensch auf einer Seite des Panoramafensters. Bald einmal wird wohl einer klingeln, einen Pilzanzug im Gepäck oder eine Reisebroschüre oder eine Pizza.