Als Kuratorin von zwei Lesereihen beschäftigt sich Lara Sielmann (fast) täglich mit deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Über Autorinnen und Autorinnen, die sie trifft, und Bücher, die sie liest, schreibt sie ab jetzt bei uns im Magazin.

Die lange Nacht junger Literatur und Musik– kurz HAM.LIT – bringt einmal im Jahr 15 Autorinnen und Autoren der jüngeren deutschsprachigen Literaturszene zusammen. Im Interview erzählt die Autorin und Veranstalterin Lucy Fricke über zehn Jahre HAM.LIT und den Zustand der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur.

FANN: Liebe Lucy Fricke, zehn Jahre HAM.LIT – herzlichen Glückwunsch! Wo hat die lange Nacht junger Literatur und Musik ihren Ursprung?

Lucy Fricke: Als wir vor zehn Jahren angefangen haben, herrschte, zumindest in Hamburg, gerade so eine Leere. Einige Lesereihen hatten gerade aufgehört und für junge Literatur gab es kaum eine Bühne. Ich hatte kurz zuvor meinen Debütroman veröffentlicht und die ersten, meist ziemlich frustrierenden Lesungen hinter mir: kaum Publikum, trostlose Büchereien, labbrige Brötchen, warmes Bier. Ich dachte damals, es sei allein meine Schuld, wenn niemand zu meiner Lesung kommt. Aber das stimmt eben nicht. Es ist auch Sache der Veranstalter. Ich wollte eine Veranstaltung machen, bei der ich selbst gern lesen würde, zu der ich aber auch gerne hingehen würde. Letztlich war es nicht besonders schwierig: Wenn man sich erstmal traut, nicht so klein zu denken, ergibt sich der Rest fast von selbst.

FANN: Im Laufe der Jahre waren viele bekannte deutschsprachige Jungliteratinnen und -literaten bei HAM.LIT zu Gast, von denen einige mittlerweile etabliert sind. Was ist Ihr kuratorisches Geheimnis?

Lucy Fricke: Gefühl. Und möglicherweise ist unser Gefühl kein schlechtes. Es muss eine Begeisterung geben für die Bücher, für die Autorinnen und Autoren. Wichtig ist weniger das Thema oder die Geschichte, sondern der Ton, das Eigene. Dazu kommt der kuratorische Gedanke, dass es eine Mischung geben soll an dem Abend: Wir wollen ein breites Spektrum zeigen, was Inhalte, aber vor allem auch was Stilarten angeht.

FANN: Dazu gehört auch eine Mischung aus Prosa und Lyrik.

Lucy Fricke: Wir haben jedes Jahr 15 Autorinnen und Autoren, davon zwei bis drei Lyrikerinnen und Lyriker. Das ist nicht viel. Aber es ist uns wichtig, auch Lyrik zu zeigen, und wenn möglich auch Dramatik. In diesen Genres geht es wilder, experimenteller und mutiger zu.

Lucy Fricke

Lucy Fricke hat das Literaturfestival HAM.LIT 2010 gegründet. © Dagmar Morath

FANN: Dieses Jahr hatten Sie besonders viele weibliche Stimmen im Programm.

Lucy Fricke: Wir laden ein, was wir gut finden und das waren in diesem Jahr einfach viele Bücher von Frauen. Es werden ja auch glücklicherweise immer mehr Bücher von Frauen veröffentlicht. Ich weiß noch, als ich 2010 zum Rowohlt-Verlag ging und alle sagten: Endlich eine Frau! Ich war da echt die einzige Autorin in der deutschsprachigen Belletristik. Unvorstellbar.

FANN: Seit Jahren wird der deutschsprachigen Nachwuchsliteratur vorgeworfen, langweilig zu sein – zu technisch, zu belanglos.

Lucy Fricke: Ich kann diesen Vorwurf sogar nachvollziehen. Vieles ist auf eine Art mutlos und angepasst, als gebe es eine große Angst davor, etwas falsch zu machen. Ob diese Angst bei den Autorinnen und Autoren zu suchen ist oder doch eher in den Verlagen und Lektoraten, kann ich gar nicht sagen, aber es ist eine auffällige Entwicklung. Eine fast reibungslose Literatur. Positiv ausgedrückt: professionell. Außerdem fällt auf, dass die Texte weniger um das eigene Ich kreisen, sondern Geschichten erzählen. Es gibt mehr historische (Debüt-)Romane, mehr Bücher, die sich mit der deutschen Gegenwart auseinandersetzen, gesellschaftlich und politisch, und mehr internationale Geschichten. Für uns war es dieses Jahr besonders schwer, nur 15 Schriftstellerinnen und Schriftsteller einzuladen, die Auswahl war riesig. Ich würde sagen, die deutsche Gegenwartsliteratur ist ungemein vielfältig geworden.

FANN: Aktuell wird auch diskutiert, wer was aus wessen Perspektive erzählen darf.

Lucy Fricke: Ich glaube, man darf alles, man muss es nur können. Zu diesem Können gehört eine Menge: Es braucht eine emotionale Intelligenz, eine menschliche Reife, ein hohes Maß an Empathie und dazu die literarischen Fähigkeiten. Je weniger man sich auskennt, desto besser muss man sein, desto härter muss man arbeiten. Das ist nicht nur das Recherchieren, das ist vor allem das Nachempfinden-Können, das Reinfühlen. Ich muss es nicht bloß wissen, ich muss es verstehen. Ich muss verstehen, was meine Figuren antreibt, ich sollte jede Figur in mir selbst finden können, sei es auch im hintersten, verdreckten Winkel, aber da muss ich hin. Kann ich das nicht, ende ich todsicher im Klischee. Und das ist dann Verrat, Verrat an der Literatur.

FANN: Woran können sich Nachwuchsautorinnen und -autoren orientieren, die noch keine gefestigte Erzählstimme haben?

Lucy Fricke: „Schreib über das, was du kennst“ ist wohl für den Anfang kein schlechter Ratschlag. Damit meine ich nicht, dass man 1:1 seine eigene Jugend erzählen sollte, sondern dass man über Milieus schreibt, die man kennt, über Gefühle und Umstände, die einem vertraut sind, über das, was einen umtreibt, was einen nachts nicht schlafen lässt. Und schließlich beim Schreiben die Oberfläche durchbricht. Vielleicht sollte ich diesen alten Ratschlag ein wenig erweitern: „Schreib über das, was nur du kennst auf eine Art, die nur deine sein kann“.

FANN: Sie sind beruflich viel im Ausland unterwegs. Wie nehmen Sie die heimische Literaturszene mit Distanz wahr?

Lucy Fricke: Jetzt gerade bin ich für vier Monate in Istanbul und es ist, wie so oft, wenn ich im Ausland bin, eine Lektion in Demut. Also nicht literarisch, sondern existentiell. Die Situation für die Schriftstellerinnen und Schriftsteller hier ist höllisch. Als wäre der politische Druck nicht schon schwierig genug, gibt es jetzt auch noch die Papierkrise. Es gibt kaum noch Papier, die Türkei produziert schon seit Jahren keines mehr, es muss alles importiert und in Euro oder US-Dollar bezahlt werden. Mit dem Wertverfall der Lira sind die Kosten explodiert und aufgrund der Währungsschwankungen zudem schwer kalkulierbar. Magazine werden eingestellt, kleinere Verlage geben auf, größere Verlage schrumpfen ihre Programme. Das ist in höchstem Maße existenzbedrohend. Dagegen herrscht in Deutschland der reine Luxus. Wir dürfen schreiben, was wir wollen, wir können veröffentlicht werden, wir bekommen Honorare für Bücher, Lesungen, Artikel, Seminare. Es gibt Stipendien und Preise, und doch sind so viele nur am Jammern. Und hat man mal Erfolg, redet man nur noch von dem Druck, unter dem man jetzt steht. Das ist so eine Wehleidigkeit, die mir zunehmend auf die Nerven geht.

Lucy Fricke

© Dagmar Morath

Lucy Fricke wurde 1974 in Hamburg geboren. Über zehn Jahre hat sie in verschiedensten Jobs verbracht, bis sie schließlich am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studierte. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet, sie war „writer in residence“ in Kyoto, Olevano Romano, Krakau, Iowa und New York. Im Frühjahr 2018 erschien im Rowohlt Verlag ihr vierter Roman Töchter, für den sie den Bayerischen Buchpreis erhielt. Derzeit hat Fricke ein Stipendium des Auswärtigen Amts für die Kulturakademie Tarabya in Istanbul. 2010 hat sie das Hamburger Literaturfestival HAM.LIT gegründet, das sie seitdem kuratiert. Sie lebt in Berlin.