Al Baydaa‘ t’aroufuni, die Wüste kennt mich,

Die Nacht, die Ritter, die Kämpfe, sowie Schwert, Papier und Stift. 

Nachts bin ich häufig im Delirium.

Ich blicke in den Spiegel und sehe nicht recht.

Erscheinungen treten aus meinem Kopf, meinem Sammelsurium.

Ihr alle da, ihr alle wieder echt.

Heute Nacht werde ich von euch berichten und ihr werdet mir von damals erzählen.

Vor mir, neben mir, ganz nah an mir werdet ihr mir Sachen ins Ohr flüstern.

„Aleppiner sind mir lieber als Damaszener. Sind zynisch, haben schwarzen Humor, sind aber leider nicht so umgänglich wie die Leute aus Damaskus oder Homs.“

„Erzähl mir mehr.“

Vergessene Gesichter,

Zigarettenkippen auf Tellern und in Tassen,

Auf den Tischen stehen die halbleeren Gläser vergangener Sommernächte.

Die Fenster sind aufgerissen, wir schauen raus:

Da im Sha’ar laufen die Verschleierten an den Ständen der Gemüsehändler entlang.

Das Freitagsgebet sirent durch die Straßen.

Hier scheiden sich Mann und Frau.

Ya Haji, ich höre dich schon wieder sagen:

„So ist der Brauch, so war es schon immer.

Dies ist unsere Natur, dies ist Gottes Wille.“

Doch guck, eine junge Frau biegt vom schwarzen Strom ab und macht in einer stillen Gasse halt.

Ihr Liebhaber öffnet ihr die Tür, sie tritt ein, der Schleier fällt zu Boden.

Nackt stehen sie im dunklen Zimmer da.

„Frühstück bei Abu Abdo? Was machst du später? Wir wollten in Sulemania was essen. Danach ziehen wir nach Azizia weiter. Bei der Sahha möchten wir schauen, was die Leute so treiben. Komm später einfach dahin.“

Du gehörtest zu den Schulmädchen in rosa Uniformen.

Wir warteten vor der Mädchenschule und trafen dich mit deinen Freundinnen.

„Im Juni schenktest du mir Blumen. Die Stadt nannte mich das Blumenmädchen.“

Ich erinnere mich noch, wie deine nackten Beine aus dem schwarzen Rock hervorschauten,

Und du schautest mich an, dann war noch feuchtes Gras unter uns, hinter mir Barada.

So legten wir unsere Füße in den Fluss,

Da löste sich mein Herz wieder

Und ich wusste nichts mehr.

Mein Ohr hört nachts Sonatenklänge,

Alte sehr, sehr lustige Klänge,

Sharaftna ya Nixon Baba bi ibda el watargäät, amalulak ima ou sima salatin el foul ou el zäät.

Dieses Gedicht ist der erste Teil des Zyklus „Fünf Blicke – Berichte aus einem neuen öden Land“. Bildnachweis: © Yaser Safi

Mounir Zahran

Deutscher Lyriker mit syrischen Wurzeln.

2018-03-18T21:11:15+00:00