Als ich ein kleines Mädchen war, las ich eine Geschichte über eine Frau, die jeden Morgen ihr Haus verließ und einen weiten Weg zurücklegte, um zwei Tonkrüge mit Wasser zu füllen. Anschließend trug sie beide nach Hause zurück. Eines Tages bekam einer der Krüge einen Sprung, durch den das geschöpfte Wasser herausströmte. So kam es, dass die Frau mit der Hälfte der üblichen Wassermenge zurückkehrte.

Ich bin älter geworden und meine Wahrnehmung von Geschichten hat sich verändert. Ich habe nach der „Perle“ gesucht und zu verstehen versucht, „wem die Stunde schlägt“. Ich stach in den „Osten des Mittelmeers“, stieß aber nicht auf „Den Mast“. Da „Tausend strahlende Sonnen“ nicht genug waren, erleuchtete ich „blaue Laternen” und versuchte, den „Deception Point“ zu erkennen. Ich wünschte, ich wäre „Der Bambusstiel“ ohne Wurzeln, liefe mit dem „Drachenläufer“ und klopfte an „Das Tor zur Sonne“, um die „Kinder des Ghettos“ kennenzulernen, das „Spindelspiel“ zu spielen und zu verstehen, was geschah, „als die Welt schlief“.

Wir Menschen sind eine Sammlung von Geschichten

Geschichten haben mich schon immer begleitet. Ihre Fähigkeit, uns nachzuahmen, begeistert mich, schließlich sind wir Menschen eine Sammlung von Geschichten. Die Literatur nimmt von uns und gibt uns zurück. Geschichten versetzen uns von einem Land ins andere, ohne dass wir unseren Standort verlassen. Sie motivieren uns nachzufragen und schaffen Situationen, in denen wir uns in die Rolle der Heldin oder des Helden hineinversetzen können. Das Leben wird uns vielleicht keine Möglichkeit geben, all das zu erproben, was wir uns an Erfahrungen erträumen. Hast du dich noch nie selbst in die Rolle der Heldin oder des Helden versetzt? Oder dir gewünscht, einer Geschichte einige Worte hinzuzufügen oder zu entfernen, um das Schicksal ihrer Heldinnen und Helden zu verändern?

Familienfoto Nour Flayhan

Nour Flayhan mit ihren Eltern. © privat

Oft wünschte ich, Hänsel und Gretel zuzuflüstern, dass ein Vogel ihre Brotkrumen gefressen habe. Oder der bösen Stiefmutter von Schneewittchen mitzuteilen, dass wir alle eine ganz eigene Schönheit haben. Warum ermüdest du dich und den Spiegel?

Da sie mich von jeher treu begleiten, machte ich Geschichten zu meinem Werkzeug in der psychosozialen Arbeit mit Kindern. Jedes Mal habe ich eine Geschichte dabei und erzähle Kindern, die viel zu früh erwachsen wurden, über „Shamsiyya Baba al-Kabira“ oder über Lulu, die einen Spielgefährten sucht. Es ist nicht leicht, jemand anderen zu bitten, seine Erfahrungen und Gefühle mit uns zu teilen. So ist es zum Beispiel inakzeptabel, ein Kind nach den Gefühlen zu fragen, die es überkamen, als Bomben fielen oder es einen geliebten Menschen verlor. Dafür gibt es Geschichten!

Ein Wettbewerb um die beste Geschichte

Geschichten sind ein gutes Mittel, um über unsere Gefühle zu sprechen; über Momente der Angst, des Glückes und der Wut; über die Schwierigkeit, soziale Beziehungen aufzubauen; über eine neue Sprache und andere Kulturen. Beim Erzählen wird die Fantasie der Kinder angeregt, das Zuhören und Erfinden eigener Geschichten ist ihnen eine reine Freude. Vielleicht entdecken sie Überschneidungen zwischen der erzählten Geschichte und ihren eigenen Erlebnissen und Erfahrungen. Oft erzählen sie mir Geschichten, die denen gleichen, die ich ihnen vorher erzählt habe. Sie wetteifern sogar miteinander, um dem Thema verwandte Situationen zu benennen. Das ist der erste Schritt beim Aufbau einer Beziehung, sowohl zwischen mir und den Kindern als auch zwischen den Kindern und sich selbst. Er geschieht durch ihre Bereitschaft, Erfahrungen und Geschichten mit anderen zu teilen.

Bild Yaser Safi

Ein ängstliches Kind wird sich auf das mutige Verhalten eines Helden konzentrieren. © Yaser Safi

Bitte ein Kind, eine Geschichte wiederzugeben, die du ihm bereits erzählt hast, und höre aufmerksam zu, auf welche Punkte es sich konzentriert. Das sagt viel über seine Gefühle aus. Es ist ihm vielleicht wegen seines jungen Alters oder seiner Erfahrungen nicht möglich, Gefühle verbal auszudrücken oder festzustellen, ob es sich bei seinen Empfindungen um Angst, Eifersucht oder Wut handelt. Ein ängstliches Kind wird sich beispielsweise auf das mutige Verhalten eines Helden konzentrieren. Demgegenüber kann die Beschreibung einer Dialogszene zwischen der Heldin und ihrer Mutter sehr lange dauern, wenn ein Kind seine Mutter verloren hat oder diese aus irgendeinem Grund weit entfernt von ihm lebt.

Geschichten als Gedächtnisstütze

Wenn wir über unsere eigenen Erfahrungen nachdenken, bemerken wir vielleicht, dass wir uns leichter an eine Geschichte erinnern, die uns unsere Großmutter erzählt hat, als an eine langweilige Lektion, die uns direkt klar machen will, dass Ehrlichkeit eine Tugend ist, die wir uns alle zu eigen machen sollten. Es liegt eine Schönheit in der Struktur der Geschichte: Sie spricht die Fantasie an, zeichnet Szenen und Bilder, die im Geist der Lesenden vollendet werden. Die Überraschung, die von den Verwirrungen des Plots hervorgerufen wird, und die Euphorie, wenn sie sich endlich lösen, machen das Geschichten Erzählen zu einem nützlichen Werkzeug. Eine Botschaft kann so nicht nur vermittelt werden, sondern hallt auch nach.

Um zur Geschichte über den Sprung im Tonkrug zurückzukommen: Die Frau bemerkte auf dem Rückweg, dass der Boden auf der Seite, auf der sie den gesprungen Krug trug, mit Blumen bedeckt war. Durch den Sprung hindurch konnte das Wasser der Erde und den Blumen erzählen, dass sie wachsen dürfen. Deswegen tauschte die alte Frau ihren Krug nicht aus, sondern verwandelte ihre Trauer in Freude.

Eines Tages entschied ich mich, trotz meiner Schwäche neu anzufangen. Da rettete mich ein Sprung im Tonkrug, durch den nun vielleicht eine Blume wächst. Wenn wir im Kreis sitzen, versuchen wir – meine Kinder und ich – an jedem Anfang einer Geschichte gemeinsam zu sagen: „Es war einmal…“

Übersetzung: Anna Steffen

Nour Flayhan

Syrische Lyrikerin.

2018-05-10T15:52:40+00:00