Endlich ist der Roman Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge von Rainer Maria Rilke (1875-1926) auf Arabisch, in der Übersetzung des Palästinensers Ibrahim Abu Hashhash, erschienen. „Endlich“ muss man wohl sagen, weil das Original schon vor über einem Jahrhundert veröffentlicht und seither nicht ins Arabische übersetzt wurde. Gruß an Malte Laurids Brigge also, auch wenn das ein Jahrhundert zu spät kommt!

Rilkes Roman in Tagebuchform erschien 1910 im Insel Verlag in Leipzig; noch im selben Jahr wurden fünf weitere Auflagen gedruckt. Der Erfolg des Buches motivierte den französischen Schriftsteller André Gide, einen Teil des Malte Laurids Brigge bereits 1911 ins Französische zu übersetzen. 1926 wurde der ganze Roman von Maurice Betz übertragen. 1927 erschien er auf Polnisch, in der Übersetzung des Schriftstellers Witold Hulewicz; ins Englische wurde das Buch 1930 von John Linton in London und M.D. Herter Norton in New York übertragen. Die arabische ist somit die vorerst letzte Übersetzung von Rilkes Roman.

Tendenz zur Romantisierung alles Deutschen

Diese Verspätung ist wohl mit der allgemein schleppenden Rezeption der deutschen Literatur im arabischen Raum verbunden. Abdo Abboud, Professor für Vergleichende Literaturwissenschaft und Lehrbeauftragter für arabische Literatur an der Universität Münster, bestätigt diese These: „Während die Rezeption der englischen und französischen Literatur Mitte des 19 Jh. erblühte, fing die Rezeption der deutschen Literatur erst zu Beginn des 20 Jh. an.“ Und das trotz einer gewissen „arabischen Tendenz zur Romantisierung alles Deutschen“. Diese Romantisierung gründe in der „Abwesenheit einer kolonialen Präsenz Deutschlands in der arabischen Welt – auch wenn sehr wohl Bestrebungen gab“; deshalb seien die Deutschen „in den Augen der Araber ein Volk ohne Kolonialvergangenheit“.

Ibrahim Abu Hashhash

Ibrahim Abu Hashhash

Bei der Buchvorstellung in Amman meinte Übersetzer Abu Hashhash, Professor für arabische Literatur an der Birzeit Universität im Westjordanland: „Weil der Roman so schwierig ist, habe ich 25 Jahre lang gezögert, ihn zu übersetzen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund, warum er insgesamt hundert Jahre von allen Übersetzern ins Arabische gemieden wurde.“ Worin genau liegen die Schwierigkeiten der Übersetzung? „Zum einen lassen sich die Personalpronomen auf Deutsch nur schwer unterscheiden“, erklärt Abu Hashhash. „Außerdem sind die Bilder und Vergleiche, die Rilke zieht, manchmal sehr seltsam. Auf der einen Seite wird so das poetische Element des Werks verstärkt; auf der anderen Seite wird die Übersetzung ins Arabische erschwert.“

Die größte Herausforderung, so Abu Hashhash, sei es aber gewesen, Rilke zu verstehen: „Rilke ist einer der vagsten Dichter der Welt. Er verwendet die deutsche Sprache, als wäre er der allererste, die sie benutzt. Deshalb kann ein Wort ganz unterschiedliche Konnotationen haben. Jedes Mal, wenn ich das Geheimnis eines Satzes gelüftet hatte, war das ein echtes Erfolgserlebnis – vor allem, weil Rilke sechs Jahre brauchte, um den Malte Laurids Brigge zu verfassen. Das zeigt, dass er sein Schreiben sehr ernst nahm.“

Der tunesische Übersetzer Fathi Meskini schreibt im Vorwort zu seiner Übertragung von Martin Heideggers Sein und Zeit: „Was übersetzt wurde, ist das, was als linguistische und begriffliche Entsprechung in einer anderen Sprache gefunden wurde.“ Hat Abu Hashhash diese Entsprechung gefunden? Er selbst meint dazu: „Es gibt alternative Übersetzungen und entsprechende Übersetzungen. Ich glaube, dass es die Rolle eines literarischen Übersetzers ist, die Wirkung eines Satzes aus einer fremden Sprache ins Arabische zu übertragen. Er muss also den entsprechenden Satz auf Arabisch finden. Der Übersetzer kann dabei Erfolg haben oder versagen, das ist sehr relativ. Mehrere Personen, die sowohl Deutsch als auch Arabisch können, haben diese Übersetzung des Malte Laurids Brigge sehr gelobt. Das vergrößert mein Vertrauen in mich selbst und in diese Übersetzung.“

Paris als moderne Entsprechung des biblischen Babylon

Sowohl der ganze Roman als auch die Hauptfigur enthalten viel von Paris, genauer gesagt: von den Übeln der Stadt. Gerald Stieg, Germanist und Herausgeber von Rilkes Gesamtwerk in Frankreich, beschreibt das folgendermaßen: „Rilke lebte in vielen Großstädten, darunter Prag, München und Berlin. Paris aber war für ihn die Hauptstadt aller Übel und eine moderne Entsprechung des biblischen Babylon.“ Mit diesen Übeln beginnt auch der Roman: „So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier.“ Anschließend folgt keine Haupthandlung, es werden keine Ereignisse erzählt. Abu Hashhash schreibt dazu in seinem Vorwort: „Die 71 Teile, aus denen das Buch besteht, könnte man auch isoliert voneinander lesen. Jeder Text ist ein unabhängiges Prosagedicht.“

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„Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ in der Übersetzung von Ibrahim Abu Hashhash, erschienen im Dar Al-Shorok Verlag.

Rilkes Lyrik wurde bei weitem häufiger ins Arabische übertragen als seine Prosa. In der 1980er- Jahren übersetzte der Iraker Kazim Jihad die Duineser Elegien und veröffentlichte sie im Magazin Al-Karmel. Anschließend widmete er sich den Sonetten an Orpheus. Doch das war nur der Anfang. Rilke ist dem arabischen Leser seither gut bekannt. Vielleicht weil er „das deutsche Gedicht zum ersten Mal vollkommen gemacht hat“, wie Robert Musil es ausdrückte.

Am 29. Dezember 2017 wurde Rilkes 91. Todestag begangen. Wahrscheinlich war das der Anlass für die Übersetzung des Malte Laurids Brigge, die bei der Buchvorstellung in Amman von vielen Übersetzerinnen und Übersetzern gelobt wurde. Einige von ihnen hatten Abu Hashhash bei der Übertragung des Romans geholfen. So beteiligten sich Noha und Walid al-Suerki an der Übertragung der französischen Passagen, Tahsin al-Khateeb bei Übersetzungen aus dem Englischen. Viele mehr waren zur Feier des Tages bei der Buchvorstellung anwesend, die – wenn auch ein Jahrhundert zu spät – so doch endlich stattgefunden hat.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz

Ammar Alshuqairi

Jordanischer Schriftsteller.

2018-02-16T11:23:34+00:00