Ich habe Syrien vor fünf Jahren verlassen. Seitdem kämpfe ich gegen das Vergessen, das sich langsam in meine Erinnerungen schleicht. Ich habe das Gefühl, sie seien so zerbrechlich wie die Kristallgläser im Geschirrschrank meiner Großmutter in Mayadin. Das syrische Regime macht es mir nicht leichter, da es die Orte meiner Erinnerung ausgelöscht und ihre Eigenheiten verändert hat. All das vernebelt mein Gedächtnis und lässt mich allein zurück zwischen Bildern einer Realität, die ich mir nie hätte vorstellen können. Die Bilder meiner Vergangenheit rieseln mir wie Sandkörner durch die Finger.

Niemand von uns könnte meiner Großmutter erzählen, dass ihr Haus in Mayadin samt seinen Geschirrschränken vom IS beschlagnahmt und von der internationalen Koalition bombardiert worden ist und dass wir nicht wissen, was davon übriggeblieben ist. Ich versuche, mich an die alten Zeiten in Mayadin zu erinnern: Vor seinem Tod sahen mein Großvater und ich oft Fotoalben aus seiner Zeit als Diplomat an. Wir lachten über ein Foto mit König Hussein von Jordanien, auf dem mein Großvater wie ein Riese aussieht, der einem Zwerg die Hand schüttelt. Wie erstaunt war ich, als ich Fotos von Partys in der syrischen Botschaft in Rom sah, auf denen meine Großmutter ein kurzes Kleid und eine Frisur wie ein Filmstar trug! Wo sind diese Bilder heute?

Im Wohnzimmer meines Großvaters

Ich erinnere mich, wie stolz mein Großvater auf sein Wohnzimmer war, das er gebaut hatte, um alle Stämme aus der Umgegend empfangen zu können. Zu Beginn der Revolution machte es mich oft traurig, dass er nicht miterleben durfte, wie die Menschen gegen ein Regime rebellierten, das auch er gehasst hatte. Als ich hörte, dass sein Wohnzimmer zerstört worden war, war ich jedoch erleichtert, dass er das nicht mehr erfahren musste.

Dann ist da meine andere Großmutter, die ihr ganzes Leben in Aleppo verbracht hat. Meine Erinnerungen an die Stadt kann ich nicht so einfach zusammenfassen, doch es gibt zwei Bilder, die mir immer vor Augen stehen: Meine Cousins, meine Tante Sausan und ich sitzen in einem Café gegenüber der Zitadelle von Aleppo und trinken Kaffee. Oder wir sind in der Konditorei Sallora und essen gemeinsam Hetilia. Meine Großmutter drehte immer eine Runde mit uns, die beim Uhrenturm von Bab al-Faraj begann, wo sie ihre Besorgungen machte und sich der Geruch von Keksen und Süßigkeiten mit dem von Molokhiya und Gemüse mischte. Sie ist vor Beginn der Revolution gestorben. Meine Tante Sausan hingegen wurde vom Regime bei einem Massaker an der Universität von Aleppo getötet. Die gesamte Umgebung der Zitadelle wurde zertrümmert und die Besonderheit dieses Ortes so sehr zerstört, dass ich ihn nicht mehr wiedererkenne.

Illustration Hamid Sulaiman

© Hamid Sulaiman

Vielleicht habe ich mit Damaskus mehr Glück, weil es nicht so stark zerstört wurde. Ich habe dort mein gesamtes Leben verbracht bis zu dem Zeitpunkt, als ich ins Exil gehen musste. Doch wenn ich heute versuche, mir die Stadt vorzustellen, scheitere ich kläglich. Alles, woran ich mich erinnern kann, sind die Fahrt nach al-Zabadani, die Spaziergänge in Ghouta und der Markt in Yarmouk. All diese Orte existieren nicht mehr. Je mehr ich darüber nachdenke, desto stärker glaube ich, dass die Umgebung von Damaskus der Stadt ihr Leben gab. Der Herzschlag der Stadt kam nicht aus ihrem Zentrum, denn das Leben fand an ihren Rändern statt.

Mein Gedächtnis führt mich hinters Licht

Wenn ich versuche, mich an Damaskus zu erinnern, führt mich mein Gedächtnis hinters Licht. Es ist starrköpfig und spuckt nur angstvolle Erinnerungen aus: Erinnerungen an einen Jungen, der vor meinen Augen festgenommen wurde, während ich ihm nicht helfen konnte. Erinnerungen an die Polizei, die eine Demonstration vor dem Parlament angriff. Erinnerungen an den Geheimdienstmitarbeiter, der bei unseren Gesprächen im Café Roda zuhörte. Erinnerungen an den Tag, als ich die Uniform der Baath-Partei tragen und einen Blumenstrauß in der Hand halten musste, weil meine Schule von „Institut der Freiheit“ in „Institut des Märtyrers Basel Al-Assad“ umbenannt wurde. Erinnerungen an den Moment, als ich vom Geheimdienst wegen meines Films über die Golan-Höhen vorgeladen wurde, der schlussendlich von Baschar Jaaffari höchstpersönlich zensiert wurde.

Ich schaue mich um, sehe meine Freunde, die die Sehnsucht umbringt, und schäme mich, weil meine eigenen Erinnerungen nicht voller Liebe, sondern voller Wut sind. Ich frage mich: Schütze ich mich so selbst vor der Sehnsucht? Bekämpfe ich meinen Schmerz mit Vergesslichkeit? Ich fürchte die Vergesslichkeit. Ich fürchte, dass ich eines Tages nach Syrien zurückkehren und das Land nicht mehr erkennen werde. Ebenso fürchte ich, dass mich das Land nicht mehr erkennen wird. Ich bin verwirrt und versuche, mich zu trösten, indem ich mir sage, dass das freie Syrien, das eines Tages entstehen wird und in das ich zurückkehren werde, anders sein wird als das Syrien von heute. Doch ich fürchte, die Welt wird uns beweisen, dass es keine Gerechtigkeit gibt. Ich fürchte, unser aller Traum von Freiheit war so nah und realistisch, dass er heute nur umso weiter entfernt scheint.

Das Land eines Autokraten wird nie mein Land sein

Jedes Mal, wenn ich versuche, meine Erinnerungen zu sammeln, bricht Syrien in meinem Kopf auseinander. Ganz so als ob mein Gedächtnis mir die Sehnsucht verbieten und mir sagen wolle, dass das Land eines Autokraten nie mein Land sein wird.

Vielleicht ist Syrien etwas, das wir in der Hand trugen, als wir loszogen, um dem Tod zu begegnen, und „Freiheit“ skandierten. Vielleicht reicht dieses eine Bild, um dem Vergessen zu widerstehen. Es ist genug, sich an die Stimmen der Menschen zu erinnern: „Die Menschen fordern die Abschaffung des Regimes!“ Ich schließe die Augen und kann mich nur an die Revolution und ihre Schönheit, an unsere Träume und Hoffnungen erinnern. Und an unsere Überzeugung, dass sie den Sieg davontragen wird – wenn auch erst später.

Übersetzung: Ibrahim Mahfouz