Unlängst las ich Liebe Ijeawele: Wie unsere Töchter selbstbestimmte Frauen werden der nigerianischen Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie, und das kleine Büchlein hat mich beeindruckt. Eine Freundin hatte Adichie um Rat gebeten: „Wie erziehe ich meine Tochter zu einer Feministin?“ Adichie rührte diese Frage zu Tränen. Sie machte aus ihrer Antwort ein Manifest und formulierte 15 Vorschläge. Feminismus, mithin der Widerstand gegen die „Herrschaft der Väter“ und das Streiten für eine gerechte Gesellschaft, seien immer kontextbezogen, setzt sie an, daher gäbe es keine einfachen Regeln. Wohl aber Prämissen, und deren erste laute: „Ich bin wichtig, ich bin genauso wichtig – I matter, I matter equally“.

Was für ein unscheinbarer Satz. Doch mit seinen nur drei Worten hebelt er das Grundprinzip männlicher Herrschaft aus: Die über Jahrtausende behauptete, herbeigeführte, gelehrte und bis heute global reklamierte Hierarchie zugunsten von Männlichkeit, zumal wenn sie heterosexuell ist. Bereits ein unerschüttertes, irgendwie rundes Selbstwertgefühl bei Frauen, Mädchen und anderen Geschlechtern bedeutet also Widerstand gegen die patriarchale, heteronormative Ordnung. Zügig dehnt Adichie ihr Argument von der Tochter auf die Mutter aus. „Be a full person. Full stop.“ Nur eine Mutter, deren Handlungsradius über das Sorgen hinausreiche, könne der Tochter ein Vorbild sein. Spätestens beim zweiten Blick wird klar, dass weder das Gefühl für die eigene Wertigkeit noch die Verbindung von Mutterschaft mit anderen Interessen und Tätigkeiten westliche Ideen sind.

Warum also muss überhaupt betont werden, dass Feminismus keine „Erfindung von Amerikanerinnen“ ist, wie auch eine der bekanntesten Feministinnen und Schriftstellerinnen der arabischsprachigen Welt, Nawal el-Sadaawi, ein ums andere Mal erklärt? „Feminismus is embedded in the culture and in the struggle of all women around the world“, hält sie der patriarchalen Propaganda entgegen, die auch Walaa Kahrmanda in ihrem Artikel treffend beschreibt. Doch warum ist diese doch recht plumpe Abwehrstrategie so erfolgreich? Weil es ein im Westen systematisch übersehenes Problem gibt, und das heißt Kolonialismus.

Ines Kappert

Dr. Ines Kappert leitet das Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie. © Stephan Röhl

Westliche Länder waren schon immer gut darin, die Invasion und Ausbeutung anderer Länder mit dem vermeintlichen Export von Frauenrechten zu rechtfertigen. Nicht selten halfen ihnen einheimische Eliten bei ihrem fürchterlichen Projekt. Afghanistan ist nur ein katastrophisches Beispiel von vielen. Offensichtlich ist, dass die wenigsten Befürworter*innen westlicher Einmärsche im Namen der Frauenrechte je für Gleichberechtigung im eigenen Land eingetreten sind oder wie es Kharmanda formuliert: „Der Kampf von Frauen wurde geopfert, wann immer es nötig war.“  Wie sehr man auch mit der formal erreichten Gleichberechtigung hausieren geht, feministische Kritik an vergeschlechtlichten Unrechtsverhältnissen ist auch „im Westen“, etwa in Deutschland, mehr als unbeliebt.

Angela Merkel rang unlängst um Fassung, als eine Journalistin vor laufender Kamera wissen wollte, ob sie auch Feministin sei. Sie schmücke sich lieber nicht mit fremden Federn, stammelte die deutsche Kanzlerin, indessen die ebenfalls befragte Ivanka Trump sich nach kurzen Zögern als Feministin outete. Was ist schlimmer – eine verdruckste Kanzlerin, die den Druck der von ihr über 18 Jahre lang geführten antifeministischen Partei scheut, oder die offene Verlogenheit einer der bekanntesten Vertreter*innen des weißen Suprematismus? Wie auch immer: Feminismus als systematische Herrschaftskritik wird „im Westen“ weder von einflussreichen Politiker*innen noch anderen Eliten unterstützt. Umso wichtiger ist die Solidarität und der Wissensaustausch von Feminist*innen weltweit, auch wenn die Kämpfe sich lokal und regional unterscheiden. Doch wieder gibt es dieses Problem.

Allzu oft wird das Prinzip Mann-versus-Frau als die allein entscheidende Achse der Macht benannt. Das aber greift zu kurz.

Nicht nur Entscheidungsträger*innen in den Ländern der ehemaligen Kolonialmächte – Deutschland hatte übrigens auch Kolonien und ist in Namibia für den Genozid an den Herero und Nama verantwortlich – auch der weiße Feminismus sträubt sich bis heute vielfach gegen eine Dekolonialisierung. Allzu oft wird das Prinzip Mann-versus-Frau als die allein entscheidende Achse der Macht benannt. Das aber greift zu kurz. Hautfarbe, Bildung oder finanzieller Hintergrund nehmen großen Einfluss darauf, welche Rolle das Geschlecht für den jeweiligen gesellschaftlichen Status spielt. Obwohl es auf der Hand liegt, dass wir es immer mit Mehrfachdiskriminierungen zu tun haben und auch Privilegien und sexistische Herabwürdigung im Zusammenspiel analysiert werden müssen, übersehen viele weiße Feministinnen in Deutschland das rassistische Prinzip, das unseren Alltag regelt. Unser Wegsehen ist nicht unschuldig. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Rassismus in seiner historischen und gegenwärtigen Form findet sich daher weiterhin vor allem bei Schwarzen Feminist*innen sowie Feministinnen of Color.

Die US-amerikanische Jura-Professorin Kimberlé Crenshaw begann vor 30 Jahren damit, insbesondere Schwarze Frauen in ihren politischen Kämpfen sichtbar zu machen. Sie prägte nicht nur das Konzept der Intersektionalität, sondern verklagte auch General Motors. Der Konzern stellte Schwarze und weiße Arbeiter ein und weiße Frauen im Bereich der Administration. Schwarze Frauen indessen wollte er nicht beschäftigen. Sie beriet das juristische Team von Anita Hill, der ersten Afroamerikanerin, die ihren Chef 1991 wegen sexueller Übergriffe verklagte. Clarence Thomas wurde später zum Richter am Obersten Gerichtshof nominiert und warf Hill „high-tech lynching“ vor. Er sei unschuldig, doch Anita Hill wende sich gegen ihn in einer Zeit, in der Schwarze zusammenhalten müssten – sie lynche ihn, wie Weiße ehemals Schwarze Männer gelyncht hätten. Ein Paradebeispiel für die beliebte Strategie der Schuldumkehr. Und dafür, wie Frauen, die ihre Rechte einklagen, aus der Community geworfen und der Gegenseite, in dem Fall mordenden Weißen zugeordnet werden.  Hill und auch Crenshaw verloren den Fall, nicht aber den Kampf für ein inklusives feministisches Denken und Handeln. Heute zählt Crenshaw gemeinsam mit Adichi zu den meistgelesenen und gehörten Feminist*innen überhaupt.

Es ist an der Zeit, sich von der Idee zu verabschieden, es gäbe „den Westen“ oder  „den westlichen Feminismus“.

Dennoch bleibt sexualisierte Gewalt noch immer weitgehend straffrei, zumal wenn sie von mächtigen, weißen Männern ausgeht. Das jüngste Beispiel dafür gab der Fall Brett Kauvanaugh, der Ende letzten Jahres von Donald Trump in den Supreme Court berufen wurde – trotz zahlreicher Aussagen von Frauen, die ihm sexualisierte Gewalt vorwarfen. Bis heute, so schrieb Crenshaw daraufhin in der NY-Times, „können wir die eigentliche Tragödie von 1991 nicht erkennen: den  falschen Konflikt zwischen Feminismus und anti-rassistischen Bewegungen.

So lange wir weißen, westlich sozialisierten Feministinnen uns nicht anti-rassistisch weiterqualifizieren und so unser koloniales Erbe überwinden können, haben Feminist*innen mit anderen Diskriminierungserfahrungen wenig Grund, sich mit uns zu solidarisieren oder auszutauschen. Gleichzeitig ist es an der Zeit, sich von der Idee zu verabschieden, es gäbe „den Westen“ oder  „den westlichen Feminismus“. In jedem Land finden sich verschiedene feministische Strömungen, die häufig im Streit miteinander liegen. Kein Land ist in sich ohne Widerspruch. In Deutschland etwa gewinnt der intersektionale Feminismus gerade an Stärke, wobei das leider auch und noch mehr für die reaktionären Kräfte im Land gilt.

Seehofer zeigt, wie eng die Verachtung von Menschen anderer Kulturen mit der Verachtung von „heimischen“ Frauen verbunden ist.

Erlauben wir uns einen kleinen Umweg zum deutschen Innenminister Horst Seehofer: Im Vergleich zu Donald Trump oder Brett Kavanaugh ist er natürlich ein kleines Licht, gleichwohl sonnt auch er sich in der von ihm ausgehenden patriarchalen Gewalt, konkret mit Deportationen nach Afghanistan. Ein junger Mann wurde so bereits in den Selbstmord getrieben. Seehofer zeigt, wie eng die Verachtung von Menschen anderer Kulturen mit der Verachtung von „heimischen“ Frauen verbunden ist. In dem von ihm jüngst nach amerikanischen Vorbild gegründeten Heimatministerium beschäftigt er keine einzige Frau auf Entscheidungsebene, das Sagen haben allein weiße, deutsche Männer um die 50. Als das Bild vom Seehofer-Team die Runde machte, war der Spott groß. Dass sich auch kein Mann mit sogenanntem Migrationshintergrund fand, blieb eher unkommentiert. Der Minister ließ das Foto von der weißen Herrenrunde von der Website nehmen. Mehr passierte nicht.

Auch diese Posse aus Berlin zeigt, dass Rassismus und Sexismus nicht zu trennen sind und nur gemeinsam überwunden werden können. Feminismus ist nicht westlich. Wenn er etwas taugt, ist er intersektional. Je eher wir das verstehen, desto besser.

Diese deutsch-arabische Debattenreihe wird von dem Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie gefördert. Ines Kappert antwortet in ihrem Beitrag auf einen Artikel von Walaa Kharmanda, den ihr hier in der deutschen Übersetzung von Hannah Al-Hitami lesen könnt.