Seit einigen Tagen verbreitet sich in Deutschland unter dem Hashtag #wirsindmehr eine Kampagne, die ein Zeichen gegen Rechtsradikalismus und Rassismus und für Vielfalt, Demokratie und Freiheit setzt. Zunächst sollte die Wichtigkeit der Bewegung betont werden sowie jedes Schrittes, der zur Verteidigung von Freiheit, Gerechtigkeit und Vielfalt beiträgt. Die kritischen Fragen, die ich hier stellen will, haben weder mit der Wichtigkeit der Kampagne noch mit ihrem Nutzen zu tun, sondern mit der Bedeutung des Hashtags oder Slogans #wirsindmehr. Viele Menschen in Deutschland haben ihn mittlerweile übernommen, tragen ihn bei Demos auf die Straße oder verbreiten ihn in sozialen Netzwerken.

Die folgenden Anmerkungen kommen von einer Person, die sich selbst in den Reihen dieser Bewegung verortet, sind also eine Art Selbstkritik.

Zunächst einmal scheint es mir, als sei der Satz #wirsindmehr überhastet ausgewählt worden. Er wirkt auf mich wie eine emotionale Gegenreaktion, die den Rassisten einen Schlag verpassen will. Die Botschaft ist klar und direkt: Die Anzahl der Nicht-Rassisten, die nicht zu Hassverbrechen aufrufen oder diese verüben, ist größer als die der Rassisten, die genau das tun. Super! Aber was heißt das jetzt? Was bringt es mir zu wissen, dass die Zahl der Nicht-Rassisten größer ist als die der Rassisten? Soll ich mich beruhigt zurücklehnen und meine Ängste vergessen? Reicht es, dass wir den Nazis eins auswischen, indem wir immer wieder bekräftigen, dass wir mehr sind? Ist es damit getan, dass wir ihnen den Mittelfinger entgegenstrecken? Reicht es, 56.000 Menschen bei einer Demo gegen Nazis zu sehen, um anschließend nach Hause zu gehen und ruhig zu schlafen? Wir wissen doch ganz genau, dass ein einziger Schwerverbrecher in der Lage ist, die Sicherheit eines ganzen Landes zu gefährden.

Der Konflikt zwischen uns und den Verbrechern ist ein existenzieller Konflikt – nicht ein Konflikt um deren zahlenmäßigen Anteil an unserer Gesellschaft.

Es wäre ein schwaches Argument, würden Syrerinnen und Syrer sagen, sie seien „mehr“ als die Anhänger des IS oder die Milizionäre von Diktator Baschar Al-Assad. Ja es wäre sogar absolut lächerlich, wenn sie dieses Argument anführten, da der Konflikt zwischen normalen Menschen und Verbrechern in der Existenz letzterer begründet liegt. Wenn wir ihn in einen Konflikt um die proportionale Repräsentation in der Gesellschaft verwandeln, tun wir nichts weiter als das Verbrechen und die Verbrecher zu normalisieren. Wir akzeptieren ihre Existenz, vorausgesetzt dass sie eine gewisse Zahl nicht überschreiten.

Ein solcher Ansatz verkennt die Gefahr und das Ausmaß der möglichen Katastrophe, weil er rein emotional begründet ist. Außerdem scheint es, er habe seinen Ursprung außerhalb der Gefahrenzone oder werde vorgebracht von externen Beobachtern, die sich das ganze Geschehen am Fernsehbildschirm ansehen, während sie auf einer schönen Insel weit weg von jeglicher Gefahr sitzen. Man könnte auch sagen: Es ist ein Ansatz, der nicht von Leuten gewählt wurde, die den Nationalsozialismus am eigenen Leibe erfahren haben und dessen Opfer geworden sind.

Wäre #wirsindmehr wohl der Slogan einer Gruppe jüdischer Menschen 2018 in Deutschland, die bemerkt, dass viele Geschehnisse denen vor 1938 ähneln?

Gleichzeitig ist #wirsindmehr ein schwammiger Satz, der ebenfalls bedeutet: Zu jenen, die „mehr“ und gegen Nazis sind, zählen auch Menschen, mit denen wir auf keinen gleichen Nenner kommen – außer in unserer Ablehnung der Nazis. Das ist an sich problematisch und gefährlich. Identitäten, die auf der reinen Ablehnung anderer Identitäten gründen, sind instabil. Ihnen fehlt die Basis, da sie sich nur über ihr Gegenteil definieren. So wäre es gut möglich, dass man gegen Nazis in Deutschland ist, aber gleichzeitig für den Nazi Baschar al-Assad in Damaskus – oder für einen beliebigen Verbrecher an einem beliebigen Ort. Man kann gegen ein Verbrechen hier und für ein Verbrechen woanders sein. Könnte man sonst gegen Nazis in Deutschland sein und gleichzeitig sein Geld bei einer Bank anlegen, die in die Waffenindustrie investiert? Oder könnte man gegen Nazis in Deutschland sein, aber gleichzeitig die Meinung vertreten, ein System wie das der Apartheid sei akzeptabel? Hier stellt sich mir als einem dem syrischen Nazi-System entflohenem Menschen die Frage:

Reicht es, dass du gegen Nazis in Deutschland bist, damit wir uns verbünden können?

Ich will keinesfalls damit sagen, dass die Anhänger der #wirsindmehr-Bewegung Unterstützer des verbrecherischen Assad-Regimes seien. Ganz und gar nicht! Was ich sagen will, ist, dass ein Slogan wie #wirsindmehr nicht genug ist, da er weder eine identitätsstiftende Dimension noch eine tiefere Bedeutung hat. Der Kampf gegen Verbrecher ist ein Kampf gegen deren Existenz – nicht gegen deren Anzahl. Bei einem Slogan wie #wirsindmehr ist es leicht möglich, dass sich Menschen in die Bewegung einschmuggeln, die gegen Verbrechen an einem Ort, aber für Verbrechen an einem anderen sind.

Übersetzung: Benedikt Römer