„Der feministische Mainstream im Westen hat ein Problem“, konstatierte Ines Kappert jüngst in ihrem Beitrag für diese Reihe. Solange sich weiße, westlich sozialisierte Feministin*innen nicht mit kolonialen Machtverhältnissen in Vergangenheit und Gegenwart auseinandersetzten, könne der falsche Konflikt zwischen Feminismus und Antirassismus nicht aufgelöst werden und keine feministische Praxis entstehen, die sich gegen alle Diskriminierungsformen und deren Überschneidungen wendet. Die Aufgabe, Intersektionalität auch hierzulande zu einem grundlegenden Prinzip in feministischen Kämpfen zu machen, ist folglich eine der großen Herausforderungen dieser Zeit. Aber nicht die einzige: Feminismen, die in Zukunft Bestand haben wollen, müssen in dreierlei Hinsicht neue Wege einschlagen: Der Feminismus von morgen, so wie ich ihn sehe, ist intersektional, radikal, digital.

Doch warum überhaupt eine feministische Erneuerung?

Notwendig ist diese zum einen wegen der genannten kolonialistischen und klassistischen Altlasten des westlichen Feminismus, der von vielen seinen Anhängerinnen viel zu lange primär als Möglichkeit zur Verbesserung des eigenen Status gesehen wurde und nicht als die globale Befreiungsbewegung, die er sein könnte. Zum anderen befinden wir uns an einem Punkt, an dem kapitalistische und rechtsnationalistische Versuche der Landnahme zeigen: Ein „weiter so“ darf es nicht geben. Entweder wir schaffen den Schritt nach vorne oder wir laufen Gefahr, bereits sicher geglaubtes Terrain weiter zu verlieren. Schließlich müssen feministische Antworten auf den Wandel von Gesellschaften im Zusammenspiel mit digitalen Technologien gefunden werden.

Veza Clute-Simon

Veza Clute-Simon ist u.a. in der queerfeministischen Aktionsgruppe she*claim aktiv. © Stephan Röhl

Ob Frauenquote oder Gender Pay Gap: Feministische Themen, die während der letzten Jahre in Deutschland den Weg in den Mainstream gefunden haben, waren allzu oft Ergebnis eines irrigen Glaubens an (neo)liberale Versprechungen. Denn alle Entwicklungen zeigen: Eine Befreiung von patriarchaler und rassistischer, geschweige denn kapitalistischer Unterdrückung wird es so nicht geben. Entgegen den Verlautbarungen eines weißen „Lean-in“ Feminismus: Wir brauchen radikale Kritik an den bestehenden Verhältnissen.

Feministischer Protest, der den Kapitalismus in Frage stellt

Ein Beispiel für den Versuch, auch in Deutschland feministische Politik radikal werden zu lassen, war der Aufruf zum Frauen*streik am internationalen Frauenkampftag. Nach dem Vorbild lateinamerikanischer Bewegungen wurde feministischer Protest organisiert, der nicht bei der Forderung nach „gleichem Lohn für gleiche Arbeit“ stehen blieb, sondern das ganze System kapitalistischer Arbeit in Frage stellte. Das Augenmerk sollte deshalb gerade auch auf diejenigen Ausbeutungsverhältnisse gerichtet werden, die außerhalb klassischer Lohnarbeit stattfinden, sei es unbezahlte Haus- und Sorgearbeit oder die informelle Arbeit von Migrant*innen.

Natürlich war der Streik in seiner Reichweite beschränkt und es hat noch immer viele Ausschlüsse gegeben, aber es war ein Versuch, die Widersprüche, vor die uns die aktuelle Situation stellt, auszuformulieren, anstatt sie glattzubügeln, damit sie ins Raster eines liberalen Weltbildes passen. Und es war ein Versuch, trotz aller Ortsgebundenheit, die Walaa Kharmanda zu Recht in ihrem Artikel feststellt, durch die Bezugnahme auf die weltweit existierenden Streikbewegungen den internationalistischen Charakter feministischer Kämpfe zu stärken.

Feminist*innen im Westen, die nicht nur an den eigenen Privilegien interessiert sind, müssen sich gegen die mörderische Migrationspolitik der europäischen Staaten wenden.

Zu dieser Stärkung von intersektionalen und internationalistischen Feminismen gehört für mich unbedingt auch das Thema Solidarität mit Migrant*innnen und Geflüchteten. Feminist*innen im Westen, die nicht nur an den eigenen Privilegien interessiert sind, müssen sich gegen die mörderische Migrationspolitik der europäischen Staaten und ihre Versuche, Europa dicht zu machen, wenden. Sichere Fluchtrouten, legale Aufenthaltsmöglichkeiten, das Recht auf Familiennachzug, die Abschaffung von Lagern und das Ende einer Politik, die durch Ausbeutung und Unterstützung autoritärer Regimes dazu beiträgt, den Menschen das Leben in ihren Herkunftsländern unmöglich zu machen: Die Liste der Forderungen ist lang und gerade diejenigen Feminist*innen im Westen, für die die eigene Bewegungsfreiheit eine Selbstverständlichkeit ist, sollten sie viel stärker zu ihrer eigenen Sache machen.

Digitale Räume ermöglichen Freiheit und Zensur

Schließlich sind Feminist*innen überall auf der Welt neben vielen alten auch mit manchen neuen Herausforderungen konfrontiert. Im Wechselspiel mit digitalen Technologien verändern sich unser Leben und unsere politischen Kämpfe grundlegend. Soziale Medien wie Twitter und Facebook haben neue Möglichkeiten zur politischen Organisierung geschaffen, wie die arabischen Aufstände gezeigt haben, und sie haben neue Formen von Öffentlichkeit ermöglicht, wie beispielsweise die #MeToo Bewegung belegt. Meriam Bousselmi hat in ihrem Beitrag auf die Bedeutung von Sprache und Narrativen für feministischen Widerstand verwiesen – soziale Medien haben einen Raum geboten, in dem Frauen* und andere marginalisierte Gruppen ihre eigenen Narrative entwickeln und verbreiten konnten.

Die gleichen Technologien und Medien, die anfangs einen Zugewinn an Freiheit zu versprechen schienen, drohen jetzt, unsere Unterdrückung zu perfektionieren.

Bei aller anfänglichen Euphorie zeigen sich mittlerweile jedoch immer deutlicher die Schattenseiten digitaler Medien: Es ist in eben diesen Räumen, dass Feminist*innen Gewalt durch Hasskommentare oder Zensur und Repressionen durch autoritäre Politiken ausgesetzt sind. Die gleichen Technologien und Medien, die anfangs einen Zugewinn an Freiheit zu versprechen schienen, drohen jetzt, unsere Unterdrückung zu perfektionieren. Es zeigt sich, dass es uns nicht egal sein kann, wenn es fast ausschließlich weiße Männer sind, die die digitalen Technologien, die wir so bereitwillig in unser Leben integrieren, entwickeln und kontrollieren. Hier ist eine konkrete feministische Einmischung notwendig, die intersektional die diskriminierenden Wirkweisen von Technik zum Beispiel durch rassistische Algorithmen problematisiert. Darüber hinaus gilt es, aus feministischer Perspektive auch ganz grundsätzlich Kritik an der Entwicklung und Anwendung spezifischer Technologien zu üben und die Frage nach deren Nutzen für unsere Gesellschaften immer wieder neu zu stellen.

Zu sagen, Feminismus müsse intersektional, radikal, digital sein, hört sich zunächst vielleicht wie eine leere Schlagwortkette an. Doch mir scheint wichtig, unterschiedliche Wissensfelder zu verknüpfen und diese Verknüpfung für feministische Positionen fruchtbar zu machen, damit Feminismen auch in Zukunft wesentlicher Teil der Vision von einer freieren, gerechteren, gleichberechtigteren Welt sind.

Diese deutsch-arabische Debattenreihe wird von dem Gunda-Werner-Institut für Feminismus und Geschlechterdemokratie gefördert. Im vorherigen Beitrag zu dieser Debattenreihe schreibt die deutsche Schriftstellerin Rasha Khayat darüber, was sie von ihrer saudischen Tante Aisha gelernt hat und warum sie sich selten an theoretischen Debatten über Feminismus beteiligt.