Tack, tack. Die Augen dreier Menschen sind auf ein Metronom gerichtet. Es steht auf einem beleuchteten Tisch inmitten der stockdunklen Bühne. Tack, tack. Einer der drei stellt ein weiteres Gerät dazu, das sich schneller bewegt. Tack, tack, tack. Ein zweiter stellt ein drittes daneben. Tack, tack, tack, tack. Die dritte Beobachterin nimmt ihr Gerät, stellt es schneller. Der erste Mann stellt auch seines schneller. Der zweite Mann reiht sich in den stummen Wettstreit ein. Der Rhythmus des Übertrumpfen-Wollens ist eines der Motive von Borborygmus, der neuen Produktion, die Lina Majdalanie und Rabih Mroué gemeinsam mit dem Musiker und Comickünstler Mazen Kerbaj für das Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin entwickelt haben.

„Wir plünderten, bauten, mordeten, kackten“

Als „Borborygmus“ werden Darmgeräusche bezeichnet, die bei der Verdauung entstehen. „Ein gluckerndes, knurrendes oder quietschendes Geräusch im Magen, verursacht durch Gas, das durch den Körper strömt“, erklären die Theatermacher, die das Publikum in einen dunklen, durch Geräusche bewegten Organismus zu führen scheinen. Borborygmus ist eine rhythmische, lakonische und tiefgründige Abhandlung über das Menschsein und menschliche Beziehungen.

Szenenbild Borborgymus

Borborygmus ist eine „Performance über Leben, Tod und den Verdauungstrakt“. © Bobby Rogers

Im Halbkreis stehen Majdalanie, Mroué und Kerbaj hinter Mikrofonen und reihen in einem von orchestralen Klängen untermalten Sprechgesang auf Arabisch Satzfetzen und Verben aneinander. „Wir vermehrten uns, heirateten, gebaren, begruben, plünderten, bauten, mordeten, kackten, tanzten, demolierten, massakrierten.“ Neben organischen Funktionen und menschlichen Bedürfnissen wird auch das Handeln in Gemeinschaften thematisiert. Vom Individuum führt der Weg direkt zum Menschen als politisches und auch kriegerisches Wesen. Die drei Protagonisten knüllen Papiere zusammen und werfen sie auf den Boden. In ihnen stecken kleine Motoren, die die Kugeln wie ein summender Bienenschwarm aus Papier über die Bühne fahren lassen. Sie werden eingesammelt und in einer Mülltüte an der Decke aufgehängt. Doch die Störgeräusche lassen sich nicht unterbinden.

Ein Hoch auf die Toten

Sorgen, Ängste und Nöte begleiten das Leben. Die Zeit läuft. Tack, tack. Rabih Mroué spricht über seine Ängste. Die Angst, kein Auto mehr fahren zu können, auf seine Gesundheit achten zu müssen, irgendwann ein Haus in seinem Dorf bauen zu wollen. „Ich habe Angst, Angst zu kriegen vor dem Tod“, erzählt er. In alkoholseliger Stimmung trinken die drei, prosten einander zu und werfen Plastik-Schnapsbecher durch den Raum – um sich danach in Kinder zu verwandeln. Mit baumelnden Beinen sitzen sie auf dem Tisch und zählen Verstorbene auf. Krebs, Diabetes, AIDS, Attentate, gebrochene Herzen, Langeweile – Tante, Onkel, Oma, Opa, Freundinnen, Freunde und entfernte Bekannte. Im Wettstreit versuchen die drei, einander zu überbieten. Wer kannte mehr Menschen, die inzwischen gestorben sind? Wer mehr Tote kennt, gewinnt. Ein düsterer Trost.

Nachrufe, Stoßgebete an Gott, Sinnieren über Kindheit, Jugend und Alter: Borborygmus setzt sich mit essentiellen Themen und Bedürfnissen auseinander. Die inhaltlichen Abgründe stehen dabei im Widerspruch zur lakonischen Erzählweise der drei Protagonisten.

In Theaterinszenierungen arbeiten der 1967 geborene libanesische Regisseur, Schauspieler, bildende Künstler und Autor Rabih Mroué und die 1966 geborene Schauspielerin, Regisseurin und Autorin Lina Majdalanie häufig zusammen. Ihre Erfahrungen im Bürgerkrieg und den Auseinandersetzungen mit Israel prägen Leben und Werk der aus Beirut stammenden Künstler. Majdalanie lehrte unter anderem an der Haute École d’Art et de Design in Genf, an DasArts in Amsterdam und an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität Frankfurt. 2016 kuratierte sie das Programm „Beyond Beirut“ am Künstlerhaus Mousonturm in Frankfurt am Main.

Auseinandersetzung mit Kriegserfahrungen

Arbeiten von Rabih Mroué waren unter anderem an den Münchner Kammerspielen, beim Festival d‘Avignon und im MoMA (New York) zu sehen. In seinem Beitrag Double Shooting für die documenta 13 in Kassel arbeitete er mit einer Filmsequenz, die einen Scharfschützen zeigt, der während der Proteste in Syrien von einem Hausdach auf Demonstranten schießt. Zwei Blicke sind aufeinander gerichtet: der des Demonstranten und der des Scharfschützen. Der Demonstrant, der die Szene mit seiner Handykamera festhält, wird erschossen. Die Waffe löscht sein Leben aus. Seine eigene Waffe, das Handy, bleibt. Das filmische Material wird im Internet verbreitet und schließlich in einer politisch-künstlerischen Auseinandersetzung verarbeitet.

Szenenbild Borborgymus

Von links: Rabih Mroué, Lina Majdalanie, Mazen Kerbaj. © Bobby Rogers

Rabih Mroué lässt die erschütternden Bilder wirken und überlässt dem Publikum die Interpretation. Auch in Borborygmus sind Zuschauerinnen und Zuschauer gefordert, mit den sprachlichen Bruchstücken, Bildern und Geräuschen zu arbeiten und den Bogen zu ihren eigenen Erfahrungen zu schlagen. Das Stück endet mit einem Rückblick in Mazen Kerbajs Kindheit. Er erzählt, wie er früher noch an Gott und die Worte seiner Eltern glaubte. Und wie er größer wurde, die Unterschrift seiner Mutter fälschte und Geld aus ihrem Portemonnaie nahm. Er berichtet, wie Gleichaltrige während des Krieges mit ihren Eltern ins Ausland reisten und er im Libanon bleiben musste – nach außen hin voller Spott, nach innen hin voller Angst.

Keine Erlösung für das verstörte Publikum

Im Stroboskoplicht, unter Sirenengeheul und einer an Krieg erinnernden Geräuschkulisse nimmt Mazen Kerbaj das Publikum mit in den Angstraum seiner Kindheit. Wie er können auch die Zuschauerinnen und Zuschauer nicht fliehen. Sie müssen auf ihren Plätzen verharren, bis es schlagartig hell wird. Majdalanie, Mroué und Kerbaj sind verschwunden. Sie bereiten dem Publikum nicht den Gefallen, wiederzukommen und mit einer lächelnden Verbeugung zu sagen: Die Inszenierung ist zu Ende, willkommen zurück im Leben. Sie scheinen zu sagen: Das Spiel ist nicht aus, es geht weiter. Die Verstörung ist dem vereinzelt klatschenden Publikum in die Gesichter geschrieben. Die Geräusche und Fragen von Borborygmus werden wohl noch länger in ihren Gedanken und Gefühlen rumoren.

Bildnachweis: © Bobby Rogers