Eklig, aber trotzdem begehrenswert: Erdöl ist ein Gemisch, das vor Jahrmillionen aus organischem Material entstanden ist. Nun treibt es als fossiler Treibstoff nicht nur Autos, sondern die globale Wirtschaft an. Und nicht nur die. Wie die Gier nach Öl mit politischen und militärischen Abhängigkeiten, Bildung, Religion, dem Export von Ideologien und dem Entstehen von Terrorismus zusammenhängt, legt das Dokumentar-Theaterstück Schwarze Ernte, das Anfang Mai 2019 am Hebbel am Ufer (HAU) in Berlin uraufgeführt wurde, minutiös dar.

Als wolle das Erdöl alles unter sich begraben

Die Dokumentarfilmregisseurin, Dramaturgin und Autorin Regine Dura und der Autor und Regisseur Hans-Werner Kroesinger haben ein Arsenal an Fakten zusammengetragen, mit denen sie die Zuschauer und Zuschauerinnen 90 Minuten lang beschießen. Das anfangs schneeweiße Bühnenbild (Friederike Meisel) wird zu einer Leinwand. Mit der schwarzen, Erdöl symbolisierenden Farbe schreiben die vier Schauspielerinnen und Schauspieler Schlagworte auf: Blut, Europa, USA, Israel, Wahhabismus. Am Ende läuft schwarze Flüssigkeit über die Rückwand und sprudelt aus einem Waschbecken, als wolle sie alles unter sich begraben. Hände und Klamotten sind beschmiert, die Bühne liegt voller schwarzer Strohhalme, die miteinander brückenartige Verbindungen eingehen.

Szenenbild Schwarze Ernte

Im Ölgeschäft verstricken sich die Staaten und Epochen. © David Baltzer/bildbuehne.de

Dura und Kroesinger finden starke und sinnliche Bilder für die Verflechtungen, die aus den Erdöl-Interessen resultieren – aber auch für das Unheil, das die Gier nach dem sogenannten „Schwarzen Gold“ anrichtet. Als durchgehendes ästhetisches Motiv dienen Strohhalme – mal in bunt, mal in schwarz. Mit diesem Erdölprodukt werden Drinks geschlürft, Brücken gebaut und Mikado gespielt.

Die temporeiche Dramaturgie trägt mit ihrem abwechslungsreichen Rhythmus durch den Abend. Trotz der Inhaltsfülle, die erschlagend wirken könnte, bleibt es spannend – nicht zuletzt dank der durchgängig starken schauspielerischen Präsenz (Claudia Splitt, Rashidah Aljunied, Lajos Talamonti, Oscar Olivo). Voraussetzung für ein beglückendes Theatererlebnis ist allerdings unbedingt ein Interesse daran, den Zahlen, Daten, Fakten, wilden Abhandlungen, zeitlichen Sprüngen und Rollenwechseln der Schauspielerinnen und Schauspieler zu folgen.

Die Geschichte einer problematischen Freundschaft

Sie schlüpfen auch in die Rollen von Angestellten der Erdölfördergesellschaft Saudi Aramco und nippen an Cocktails, die aussehen wie Erdöl ohne Eis. Sie rühmen die unendlichen Möglichkeiten des Konzerns („Come and live the dream with us!“) und stellen sich als die Inkarnation eines beständig strahlenden, enthusiastischen Mitarbeiterideals vor. Man erfährt, dass Saudi Aramco auch universitäre Forschung und Stipendien finanziert. Zu Anfang lag die Konzession zur Ölsuche und -förderung in amerikanischer Hand. Die Arabian-American Oil Company (ARAMCO) wurde jedoch nach und nach verstaatlicht und ist seit 1980 hundertprozentiges Eigentum des saudischen Staates. 1988 wurde sie in Saudi Aramco umbenannt.

Die schwarze, aus dem Boden sprudelnde Flüssigkeit führte zu problematischen Freundschaft zwischen den USA und dem Königreich, die bis heute währt. Der Deal: Sicherer Zugang zu Ölreserven gegen militärische Hilfe. „Die USA werden offiziell Schutzmacht der Wahhabiten“, heißt es im Stück. Der Begriff „Wahhabiten“ geht zurück auf den Prediger Ibn Abd al-Wahhab, der 1744 eine Allianz mit dem Stammesführer Ibn Saud eingegangen ist. Die puristische, wahhabitische Auslegung des Islams und das saudische Königshaus sind bis heute eng verbunden.

Die Monarchie unterstützte die Amerikaner im Kampf gegen den Kommunismus, indem sie in den 1980er-Jahren die Mudschahedin mitfinanzierten, die in Afghanistan gegen die Sowjets kämpften. Allerdings wurde damit auch der islamistische Terrorismus genährt. Mit Energie und Ironie nehmen die Darsteller und Darstellerinnen das Publikum auf eine turbulente Zeitreise mit, die auch ins Jahr 1979 führt, als militante Islamisten in der großen Große Moschee von Mekka Pilger in ihre Gewalt brachten. Dieses Ereignis wird auch als Beginn des islamistischen Terrorismus interpretiert.

„Aggressive Intoleranz wird in jeden Winkel der Erde geschickt“

Heute verbreitet sich der wahhabitische Islam über Fernsehkanäle, neue Medien oder auch die Unterstützung von Koranschulen. Der Reichtum aus den Petro-Dollars macht es möglich. „Aggressive Intoleranz wird in jeden Winkel der Erde geschickt“, heißt es im Theaterstück. Auch die Rolle des saudischen Staates beim Export des radikalen Islamismus wird in Schwarze Ernte thematisiert. Kronprinz Mohammed bin Salman – genannt MBS – kommt selbst zu Wort, dargestellt von Oscar Oliva. Er beteuert indes, dass das Land selbst das größte Opfer von Terrorismus sei.

Auch der saudi-arabische Journalist Jamal Khashoggi, der im Oktober 2018 im Konsulat in Istanbul ermordet wurde, kommt im Stück mit kritischen Äußerungen zu Wort. Der 33-jährige MBS wird verdächtigt, bei dem Mord seine Finger im Spiel gehabt zu haben. „Ein Land – zwei Meinungen. Eine von ihnen ist tot“, heißt es in Schwarze Ernte lakonisch.

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