Am Anfang, da ist sie noch daheim im Dorf, sieht Ghalia, dass ein Nachbar eine Mauer um seinen Garten baut. Sicherheit geht ihm über alles. Der jungen Frau fällt dazu eine Geschichte ein: Es war einmal ein Riese, der habe das auch gemacht. Und dann hinter der Mauer den Frühling verpasst…

Als die libanesische Theaterautorin und Regisseurin Maya Zbib letztes Jahr eines der Grußworte zum renommierten Welttheatertag verfasste, problematisierte sie schon darin die „immer zahlreicher werdenden, greifbaren und nicht greifbaren Mauern“ und plädierte: „Es gilt, mutig und spielerisch neue soziale und politische Strukturen zu erfinden; unseren Schwächen ins Auge zu sehen und Verantwortung zu übernehmen für eine Welt, die wir gemeinsam gestalten.“ Ihr aktueller Text Ghalia entstand im Rahmen des New Writing Programme des Royal Court Theatre in London und schickt eine junge Frau als mutige Titelheldin auf die Suche nach Zutaten für eine Welt von morgen.

Höchste Zeit für Ghalias eigenen Frühling

Ghalia ist 18 der 19 Jahre alt, sie hat Internet-Memes wie „You can do anything you set your mind to!“ im Kopf, den Geruch ihres ersten Freunds in der Nase und findet, dass es höchste Zeit ist für ihren eigenen Frühling. Schließlich sagen doch alle, dass sie ihrer armenischen Großmutter gleiche, und die hat immerhin den Genozid in der Türkei überlebt und sich in den Libanon durchgeschlagen. Als Ghalias Freund plötzlich verschwindet, ihr Onkel aber immer vehementer auf ihre baldige Eheschließung mit einem in seinen Augen geeigneten Kandidaten pocht, geht sie kurzentschlossen allein auf Heldenreise. Ihr Ziel: das unbekannte Europa mit dem großen Versprechen eines selbstbestimmten Lebens – für sie selbst und für „das da in ihrem Bauch“.

Ghalia wird dargestellt von Rym Mroué (links). © Randa Mirza

Getragen wird das zweistündige Ensemblestück Ghalia unter der Regie von Omar Abi Azar mit schnellen Figurenwechseln und chorischen Elementen von dem dichten Zusammenspiel von Schauspielerinnen (Lamia Abi Azar, Junaid Sarieddine, Raeda Taha und Maya Zbib) und Musikerinnen (Violine: Layale Chaker, Percussion: Simona Abdallah). Das Bühnenbild von Hussein Baydoun, eine dystopische Landschaft aus Metallkäfigen und Ventilatoren, erinnert an Industriebrachen und Schiffsbäuche und wird durch ausdrucksstarkes Lichtdesign von Charlie Astrom in Szene gesetzt.

Ghalias Reise erzählt die Dramaturgie einer Schwangerschaft

Was als charmante Coming-of-Age-Geschichte beginnt, entwickelt sich schnell zu einem aufwühlenden Roadmovie durch die Hinterzimmer aktueller Brennpunkte in der arabischen Welt. In Ghalias Odyssee verweben sich hochpolitische Zeitkritik mit augenzwinkernd eingeworfenen Elementen eines transkulturellen mythologischen Kanons, subtil feministisch gegen den Strich gebürstet. Dass es sich um ein beinah komplett weibliches Ensemble handelt und Ghalias neunmonatigen Reise auch die Dramaturgie einer Schwangerschaft miterzählt, trägt dazu bei.

Vom Libanon gelangt Ghalia über Umwege durch Syrien, den Irak und Ägypten bis an die libysche Küste. Dass die zahlreichen Episoden alltäglicher, struktureller oder kriegsbedingter, aber auch sexualisierter Gewalt, die sie (üb)erlebt, dabei nie in die Viktimisierungsfalle führen, liegt zum einen an der unprätentiös in Jeans und Karohemd auftretenden Ghalia (Rym Mroué). Neben resilienter Tatkraft, mutiger Lernfähigkeit und einer vehementen Entschiedenheit zur Lebensfreude ist die Figur auch mit der Gabe ausgestattet, Menschen dazu anzuregen, ihre Geschichten zu erzählen – und der nötigen Offenheit dafür, die sie sich nicht nehmen lässt.

Von Schildkrötenverkäuferinnen und Hebammen

Zum anderen arbeiten Inszenierung und Darstellerinnen damit, die immer überraschenden und oft allzu menschlichen Charaktere („Er war kein besonders großes Arschloch, zumindest nicht mehr als andere“) nie auszustellen oder zu stereotypisieren, sondern sich ihrer behutsam für eine Weile anzunehmen, bevor sie wieder im Strudel der Geschichte zurückgelassen werden.

Überhaupt, die Figuren! Die unabhängige Tante, die sich dem palästinensischen Widerstand anschloss, nie heiratete und sich jetzt einsam fühlt. Die Schildkrötenverkäuferin am Strand. Der Junge aus Syrien, der nicht sprechen kann, aber Reißaus nimmt, als Ghalia ihn in einer Hilfseinrichtung abliefern will. Die Automechanikerin, die alle im Flüchtlingslager kennt und stolz auf ihr eigenes Taxi hinarbeitet. Die Hebamme in den Bergen mit dem Waffenlager im Keller, die sich eine Tochter wünscht. Der Fischer, der Ghalia beibringt, dass man dem Meer gut zuhören muss…

Wartepause auf dem Weg nach Europa. © Randa Mirza

Der angenehm lakonische Ton der Erzählstimme („Jetzt wird Ghalia sehr schnell lernen, wie man Motorrad fährt“) tut ihr übriges. Die Bühnensprache wechselt virtuos zwischen den über Dialekt und Soziolekt charakterisierenden Figurenstimmen und Slam-Poetry-mäßig ins Ohr gehenden chorischen Sequenzen. Die Übertragung ins Deutsche – Maya Zbibs Text wurde von Sandra Hetzel prägnant und einfühlsam übersetzt – erfolgt in Form von Übertitelung (Raman Khalaf/Panthea), die sich organisch in Bühnenbild und Rhythmus der Inszenierung einfügt.

Das Kooperationsprojekt zwischen dem Theaterkollektiv Zoukak (Beirut), dem Deutschen Schauspielhaus (Hamburg) und Suite42 im Theater Aufbau Kreuzberg (Berlin) wurde vom „Doppelpass“-Programm der Bundeskulturstiftung gefördert. Die Inszenierung wird weiterhin in Deutschland und international zu sehen sein.