Schmal und agil, mit schwarzem Kopftuch, schwarzer Leggings und schwarzen Sportschuhen liegt Hanane Hajj Ali auf der Bühne. Sie dehnt ihre Beine, klopft Schenkel und Gesicht ab, zieht Grimassen und stößt kehlige Laute aus. Die libanesische Performerin bereitet sich anscheinend auf einen Lauf vor. Tatsächlich liegt ein anstrengender Abend vor ihr. Ein Abend getränkt mit Liebe, Sex, Macht, Gewalt und Politik – und einer Menge Witz. Mit ihrem Stück Jogging war Hanane Hajj Ali auf Einladung der Heinrich-Böll-Stiftung im tak – Theater Aufbau Kreuzberg in Berlin zu Gast.

Skurrile und bestürzende Tagträume

Wie meist im Märchen fängt alles ganz harmlos an: Eine Frau Anfang 50 joggt jeden Morgen durch Beirut, zur Vermeidung von Osteoporose, Übergewicht und Depressionen. Dabei kommen ihr Gedanken: Tagträume, die teilweise skurril, teilweise bestürzend sind. Schon am Anfang warnt Hanane Hajj Ali ihre Zuschauerinnen und Zuschauer: Wem es unangenehm sei, ein rebellisches Stück anzusehen, der solle lieber den Raum verlassen.

Zu Beginn erzählt sie selbstironisch von ihrer täglichen Routine: Wie sie morgens aufwacht, ihre orthopädischen Strümpfe anzieht und ihre Schlüssel sucht, die sie ständig verlegt. In demselben plaudernden Tonfall beschreibt sie, wie ihr Ehemann sie kürzlich, als sie abends spät nach Hause kam, überfiel. „Er nahm mich so schnell, dass ich nicht wusste, wie ich es genießen soll.“ Dabei fiel ihr Schlüssel unbemerkt in die Wäschekiste und war am nächsten Morgen verschwunden.

Diese scheinbar nebensächliche, alltägliche Episode gibt den ersten Hinweis, worum es hier eigentlich geht: die intimen Beziehungen zwischen Männern und Frauen, die auch von Gewalt geprägt sind. Doch das ist nur eine Facette. Bei Hanane Hajj Ali sind Frauen nicht machtlos. Auch Frauen können brutal sein, wenn sie verzweifelt sind und in die Ecke gedrängt werden. Auch Frauen haben Lust und sexuelle Fantasien. So beschreibt die Theatermacherin erotische Träume, in dem der libanesische Politiker Fuad Siniora auftaucht. „Könnte Gott mich nicht von einem Mann träumen lassen, für den es sich lohnt, in der Hölle zu landen?“, fragt sie und hebt den Blick gen Himmel.

Fantasien von Medea und Mord

Aus einem harmlosen Lauf durch die Stadt entwickelt sich eine dramatische und erschütternde Reise. Hanane Hajj Ali fantasiert von Medea, die in der griechischen Mythologie Jason zum Goldenen Vlies verhilft und ihn dann heiratet. Später verstößt er sie, um die Tochter des Königs Kreon zu heiraten. Hanane Hajj Ali beschreibt in intensiven Bildern, wie Medea die Braut umbringt und danach ihre eigenen Kinder ermordet. Gibt es Situationen, die einen Mord am eigenen Kind rechtfertigen? Die Theatermacherin verknüpft die Sage von Medea geschickt mit realen Schicksalen von Frauen – auch ihrem eigenen. Als bei ihrem siebenjährigen Sohn Krebs diagnostiziert wurde, sei sie krank vor Angst gewesen. „Ich liebte ihn so sehr, dass ich lieber wollte, dass er stirbt, als dass er leidet.“ Sie träumte davon, ihn mit einem Kissen zu ersticken, damit er keine Schmerzen mehr hätte.

Theaterszene Jogging

Hanane Hajj Ali als Medea. © Marwan Tahtah

Hanane Hajj Ali schlüpft in unterschiedliche Rollen und Kostüme. Sie malt sich das Gesicht mit weißer Creme an oder trägt Perücken. Unter anderem zitiert sie den Abschiedsbrief von Virginia Woolf und spekuliert über eine Frau namens Yvonne, die in den libanesischen Bergen lebte. Sie hat sich und ihren Kindern das Leben genommen, indem sie ihnen vergifteten Obstsalat zu essen gab. Hanane Hajj Ali stellt sich vor, wie das Abschiedsvideo ausgesehen haben könnte, das kurz nach Yvonnes Tod verschwand. Hatte ihr Mann ihr das Leben zur Hölle gemacht? Wollte sie ihre Kinder schützen? Die Schauspielerin wechselt abrupt von einer Stimmung in die nächste, serviert dem Publikum scheinbar vergifteten Obstsalat mit Sahne und sucht sich einen Mann, mit dem sie einen sexuellen Akt fingiert.

Trotz der dramatischen Themen lacht das Publikum viel, denn Hanane Hajj Ali tut es auch. Mit schier unerschöpflicher Energie und Präsenz lässt sie ihre Geschichten und Fantasien lebendig werden. Jogging oszilliert zwischen Mythologie, aktueller Politik, Glauben und Geschlechterrollen – teilweise subtil, teilweise äußerst direkt. Denn auch das Berliner Publikum kann nicht distanziert außerhalb des Komplexes bleiben, den die Theatermacherin vor ihnen ausbreitet. Die Libanesin Zahra, deren Söhne in verschiedenen Kriegen als „Märtyrer“ starben, scheint weit weg vom Leben in Kreuzberg zu sein. Doch politische Krisen in anderen Teilen der Welt betreffen auch Deutschland. Was ist mit Müttern aus Kriegsgebieten, die ihre Kinder auf die lebensgefährliche Reise ins Exil schicken? „Niemand setzt sein Kind in ein Boot, wenn das eigene Land sicherer ist als das Wasser“, sagt Hanane Hajj Ali und findet damit wieder einmal ebenso eindrückliche wie erschütternde Worte.

Trotz Zensur ist Jogging erfolgreich

Im Libanon sei das Stück zensiert worden, erzählt sie nach der Vorstellung. Trotzdem habe sie es bereits hundertmal gespielt – allerdings ohne Honorar, weil sie sonst Probleme bekommen würde. Deswegen ist sie darauf angewiesen, dass Zuschauerinnen und Zuschauer den Stücktext kaufen, denn die gedruckte Form ist nicht zensiert. Weil es keine offiziellen Bühnen gab, auf denen sie Jogging hätte aufführen können, haben ihr Bekannte Kunstgalerien zur Verfügung gestellt. So wurde das Stück schließlich auch weit über den Libanon hinaus erfolgreich. 2018 war Hanane Hajj Ali beim Theatertreffen in Berlin, spielte bereits in den USA und Asien. Sie hat Jogging vor unterschiedlichen Zuschauerinnen und Zuschauern gespielt: religiösen wie säkularen, Männern wie Frauen. Mit ihrem Feuerwerk an Tabubrüchen erntete sie dabei auch lauten Widerspruch, aber versuchte im persönlichen Dialog mit dem Publikum ihre Intention zu klären.

Theaterszene Jogging

Hanane Hajj Ali tourt mit Jogging durch Europa. © Marwan Tahtah

Jogging erzählt Geschichten von Frauen, die hintergangen und verletzt wurden – aber deshalb ist es noch lange kein Stück, das Frauen als Opfer stilisiert. Es gebe in ihrem Land eine Diskrepanz zwischen öffentlicher und privater Sphäre, erzählt Hanane Hajj Ali. Während die Entwicklung in der Politik nur langsam vorangehe, hätten Frauen im Privaten häufig das Sagen. Ihre Großmutter etwa habe schon 1920 gegen den Willen ihrer Familie den Mann geheiratet, den sie liebte. „Die Herrschaft in diesem Spiel liegt in der Hand der Frau“, sagt Hanane Hajj Ali.