Eine familiäre Atmosphäre empfängt die Besucherinnen und Besucher des Theaters im Aufbau Haus (TAK) in Berlin-Kreuzberg. Vor Beginn des Stückes „Prise de Parole“ der Compagnie Oubour werden blitzend Fotos im Foyer geschossen. Auch das marokkanische Fernsehen ist anwesend. In einer Ecke wird der Text des Theaterstücks verkauft. Er stammt von dem durch seine Stücke „Al Assas“ und „Dmoue l’khol“ international bekannten marokkanischen Theaterautor und Dramaturgen Issam El Yousfi.

Bald darauf geht es los und die kleine Gruppe von Zuschauenden wird in den Aufführungsraum geführt. Nachdem das grelle Licht langsam gedimmt worden ist, betritt Ilham Loulidi die Bühne und beginnt zu erzählen: Sie ist zurückgekehrt an den Ort ihrer Kindheit und erinnert sich an vergangene Zeiten.

Der Raum entsteht allein durch das Sprechen

Vor allem durch das lebendige Sprechen Loulidis entsteht im Theaterstück „Prise de parole“ in der Inszenierung von Mahmoud Chadi ein facettenreicher Raum. Das Bühnenbild hingegen, gestaltet von Tarik Ribh, besteht nur aus einer schlichten Leinwand und einigen wenigen Requisiten: hier ein Stuhl, dort eine Tasche. Außerdem eine Kamera, mit der Nahaufnahmen von Loulidis Gesicht gemacht und auf die Leinwand geworfen werden. Die Projektionen überlappen mit Archivaufnahmen und greifen historische Referenzen auf.

Compagnie Oubour

© Compagnie Oubour/TAK Theater

Viele kleine Geschichten verbinden sich im Laufe des Stücks zur autobiografischen Erzählung einer Journalistin, die in ihren Erinnerungen nach Antworten auf die Fragen der Gegenwart sucht. Gekonnt verbindet sie in poetischem Französisch die Themen Familie, Beziehung und persönliche Entwicklung mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen im Marokko der 1970er- und 1980er-Jahre. Ihre Erzählung beginnt mit ihrem Schreivermögen als Baby und Anekdoten über ihre Mutter, fährt fort mit zwei bemerkenswerten Wutausbrüchen und führt schließlich zu ihrer ersten Begegnung mit einem echten Panzer.

Das Private wird politisch

Der Krieg dringt subtil in den Text ein und setzt dem Bühnengeschehen einen gesellschaftlichen Rahmen. Soldaten werden mutig mit Fragen konfrontiert, Revolutionslieder werden intoniert. Ein Freund wird verhaftet. Der Chefredakteur verbietet der Journalistin, über eine willkürliche Verhaftung zu berichten. Sie sucht dennoch die Frau des Verhafteten auf, die ihrerseits in die Rolle der Erzählerin schlüpft. Seien es nun Erinnerungen von Individuen oder der gesamten Gesellschaft: Alles scheint ähnlich wichtig und wird auf so ernsthafte wie humorvolle Weise thematisiert. Das Erzählen wird zu einer sinnlichen Praxis des gemeinsamen Erinnerns.

Unter der Regie von Mahmoud Chahdi scheint die politische Dimension hinter der persönlichen Erinnerung hervor. Ilham Loulidi ist mit ihrem Monolog allein auf der Bühne, doch einsam ist sie nicht. In ihrer Erzählung erweckt sie Menschen und Familienmitglieder zum Leben. Immer wieder fühlt man sich im Publikum direkt angesprochen. Loulidi erzählt für sich, aber auch ganz klar für die Zuschauenden. Ihre fließende Sprache erlaubt es, den Geschichten ganz unbekümmert zu folgen. Ein Aspekt, der auch beim Podiumsgespräch nach der Aufführung bewundernd kommentiert wurde.

Compagnie Oubour

© Compagnie Oubour/TAK Theater

Auch wenn einige Formulierungen und der Rhythmus der arabischen Sprache, in der „Prise de Parole“ ebenfalls von der Compagnie Oubour gelegentlich zur Aufführung gebracht wird, teilweise unübersetzbar sind, entfaltet das Französische eine ganz eigene Schönheit. Den Text hat Issam El Yousfi eigens für seine Ehefrau Ilham Loulidi verfasst, die von Beruf eigentlich Sängerin ist. Ihr außerordentliches Gefühl für sprachliche Rhythmik mag auch darauf beruhen.

Die Compagnie Oubour ist dem marokkanischen Zentrum des Internationalen Instituts für Mittelmeertheater (IITM) angegliedert, deren künstlerische Aktivitäten die „Vision einer essentiellen Rolle, die Kunst und Kultur in der Gesellschaft spielen“ widerspiegeln. Mit dem Theater im Aufbau hat das Ensemble den perfekten Ort gefunden:  Die neue kollektive Leitung des TAK hat es sich schließlich zur Aufgabe gemacht, einen transnationalen Ort des Austausches zu schaffen, der derartigen Visionen Raum gibt.

Elisabeth Leopold

Österreichische Dramaturgin, Theoretikerin und Performerin.

2018-06-15T09:41:47+00:00