Seit September 2017 läuft das Stück Skelett eines Elefanten in der Wüste am Maxim Gorki Theater in Berlin. Im Interview erzählt Autor und Regisseur Ayham Majid Agha, wie er sein Stück entwickelt hat, wie das mit dem Krieg in Syrien zusammenhängt und was die Theaterarbeit für ihn ausmacht.

FANN: Ein Scharfschütze isst Sonnenblumenkerne, jemand füttert Zootiere, ein Fotograf dokumentiert die Reste seiner Stadt: In Skelett eines Elefanten in der Wüste geben Sie Einblicke in den Alltag im Krieg. Ganz im Gegensatz zu den Medien…

Ayham Majid Agha: Im Fernsehen sieht man nur die Ergebnisse der Raketen. Die Nachrichten zeigen Leichen, Zerstörung und Kämpfe an der Front. Niemand erzählt, was davor passiert ist. Ich tue das. Von der Einsamkeit bis hin zum Töten ist alles dabei. Mit den vier Charakteren kann ich auch die tägliche Routine zeigen. Es sind fast sieben Jahre seit dem ersten Kriegstag vergangen. Aber was will man machen? Die Situation in Syrien hat sich geändert. Das, was dort im Krieg täglich passiert, wird zur Routine. Man geht durch den Alltag, ohne neue Erinnerungen zu schaffen. Man weiß, dass man nichts aufbauen wird, denn es ist klar, dass alles wieder zerstört wird.

FANN: Wie sehen Sie die deutsche Wahrnehmung des Kriegs?

Ayham Majid Agha: Mir gefällt die Art nicht, wie der Westen über die Situation spricht. Der Krieg in Syrien ist noch nicht vorbei! Regierungen schicken Soldaten für drei Monate in den Nahen Osten. Danach kommen sie zurück und sind plötzlich Nahost-Experten. Aber eigentlich sind auch sie Kriminelle. Sie haben als Soldaten Leute umgebracht. Und nun sind sie verantwortlich? Alle wissen auf einmal über die arabische Welt Bescheid und kennen die Lösung. Aber was ist die Lösung? Ein F16-Kampfflugzeug zu schicken?

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Szene aus „Skelett eines Elefanten in der Wüste“ © Ute Langkafel

FANN: Wie haben Sie Ihr Stück entwickelt?

Ayham Majid Agha: Als ich den Text geschrieben habe, war ich mir sicher, dass er nicht auf die Bühne kommt. Aber dann habe ich die Perspektive und die Erzählweise geändert. Es ist zwar noch immer ein Monolog, aber einer aus der Perspektive verschiedener Charaktere. Nachdem ich letztes Jahr das Stück im Studio gelesen habe, wurde ich darum gebeten, ein Stück für die Bühne daraus zu machen. Ich dachte erst, dass das nicht geht. Denn ich brauchte dafür eine intime Situation. Stell dir 400 Leute vor, die eine Kriegssituation anschauen. Das wäre wie Unbeteiligten ein Massaker vorzuführen. Bei 70 Leuten ist es okay, das kann man händeln, weil sie Teil der Situation sind. Denn das ganze Stück spielt sich während eines Luftangriffs im Kopf des Scharfschützen ab, der im Bunker sitzt. Die Zuschauer stecken auch an diesem Ort fest, bis der Luftangriff vorbei ist. Daher sagt auch niemand, dass das Stück zu Ende ist. Nach einem Luftangriff oder einer Explosion braucht man auch eine gewisse Zeit, bis man realisiert, dass das Leben weitergehen kann. Man ist halb taub, halb bewusstlos. Es ist, als ob man durch Watte laufen würde.

FANN: Ist das ein Grund, warum Sie viele Elemente Ihres Stücks überstilisiert haben?

Ayham Majid Agha: Natürlich wird man keine Blumen auf der Bühne vorfinden. Es ist dunkel und nur das Nötigste ist vorhanden. Etwas zu stilisieren und zu übertreiben ist Teil des Stücks. Denn so ist Krieg nun einmal. Alles ist extrem und man wird mit Situationen konfrontiert, die nicht real erscheinen. Man kann vor einem Gebäude stehen, dass keine Außenwände mehr hat, aber in der vierten Etage sieht man eine Frau, die ihre Wohnung putzt, als ob morgen Eid wäre.

FANN: Was ist der Unterschied zwischen dem deutschen und syrischen Theater?

Ayham Majid Agha: Das kann man nicht wirklich vergleichen. Natürlich gibt es in Syrien großartige Menschen, die Theater machen, und sehr gute Autoren, aber das hat eben keine Tradition. Hier gibt es eine jahrhundertelange Erfahrung mit Theater. Aber wir können voneinander lernen – insbesondere mit diesem Unterschied durch Krieg, Revolution, Redefreiheit und Spielweise. In Deutschland richtet sich die Spielweise ans Publikum, das ist der Brecht-Stil, im Unterschied zum russischen Theater.

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„Warum sitzt der Scharfschütze nicht einfach im Gebälk?“ © Ute Langkafel

FANN: Wie finden Sie das Gorki Theater und dessen Art, Stücke zu produzieren?

Ayham Majid Agha: Das Gorki ist eine große Ausnahme. Es ist zwar ein Staatstheater, aber gleichzeitig fühlt es sich eher wie eine Plattform an. Man kann machen, was man möchte, aber politisch korrekt. Wenn man sich als Künstler hier bewirbt, erwarten sie einfach nur, dass man seine Arbeit macht. Sie gucken nicht darauf, wie etwas gemacht wird. In anderen Theatern kommt dieser Bürokratiewahn hinzu. Andauernd muss man irgendwelche Dokumente ausfüllen. Das Bühnenbild muss Monate vorher fertig sein. Aber man kann das nicht immer im Vorfeld festlegen, denn man arbeitet daran und entwickelt es weiter. Vor allem aber fragt einen hier niemand, welche Sprache man in seinem Stück verwenden wird. Für jedes Stück wird Geld für die Übersetzung eingeplant. Keiner denkt darüber nach, dass das übersetzt werden muss. Es wird einfach gemacht.

FANN: In Berlin arbeiten Sie direkt am Theater, in Damaskus waren Sie Juniorprofessor an der Hochschule für Darstellende Künste. Würden Sie an die Hochschule zurückgehen?

Ayham Majid Agha: Ja, das würde ich liebend gern machen. Ich liebe die Technik, das Schauspiel als Akt, das Nachdenken über einen Charakter und seinen Hintergrund. Natürlich kann der Autor schreiben, dass der Vater ein Dieb und die Mutter eine Alkoholikerin ist. Aber es geht auch um den physischen Teil. Den Teil der Figur muss man aufbauen. Man sieht, dass es noch immer der Schauspieler ist, aber er ist auch Protagonist, denn er macht auf der Bühne etwas, was dem Charakter seiner Figur entspricht. In Skelett eines Elefanten in der Wüste war es ein bisschen schwierig, mit den verschiedenen Sprachen und den verschiedenen schauspielerischen Elementen zu spielen. Es gibt die Körpersprache, die Bildersprache, die Geräusche. Aber ich mag das Vorgefertigte einfach nicht. Wieso sollte ich für den Scharfschützen im Stück ein Gebäude bauen? Warum sitzt er nicht einfach im Gebälk?

FANN: Sollen das Theater und das normale Leben sich überschneiden?

Ayham Majid Agha: Das neue Theater muss eine plastische Kunst werden. Gegenstände müssen genutzt werden, wie sie sind. Ich glaube nicht an dieses Zeug, dass ein Tisch verschiedene Bedeutungen hat. Es ist ein Tisch. Wenn der Autor geschrieben hat, dass zwei Personen auf der Bühne am Tisch sitzen, warum sollte das etwas Anderes sein?

Das Stück Skelett eines Elefanten in der Wüste läuft noch am 4. und 7. Januar 2017 jeweils um 20.30 Uhr im Studio Я des Maxim Gorki Theaters (Hinter dem Gießhaus 2, 10117 Berlin). 

Bildnachweis:© Lutz Knospe für das Porträt von Ayham Majid Agha.