Zum ersten Mal in ihrer über 20-jährigen künstlerischen Laufbahn gibt dir syrische Opernsängerin Lubana Al Quntar am 28. Januar 2018 ein Konzert in Berlin. Für Al Quntar ist das nicht nur eine Möglichkeit, vor großem Publikum zu brillieren, sondern auch in Berlin lebende Syrerinnen und Syrer zu treffen: „Das Konzert wird von der Sadik Jalal Al-Azem Stiftung organisiert. Auf dem Programm stehen syrische Lieder und klassische Opernarien, es richtet sich also an ein arabisches und ein europäisches Publikum.“ Al Quntar lebt seit sieben Jahren in den USA und hat in dieser Zeit Europa nur zweimal besucht. Von der Distanz hat sie jetzt aber genug: „Ich warte darauf, endlich die US-Staatsbürgerschaft zu bekommen, damit ich mich freier bewegen und meinem Publikum näherkommen kann. Vielleicht werde ich dann als Sängerin auch aktiver in der arabischen Welt.“

Momentan konzentriert sich Al Quntars Arbeit in Frankreich, wo sie an dem Sprechstück X-Adra von Ramzi Choukair beteiligt ist, das den politischen Gefangenen des Assad-Regimes gewidmet ist. „Während unserer Zusammenarbeit am National Theatre in London hat mir Choukair von seiner Idee erzählt“, erinnert sich Al Quntar. „Ich wollte vor allem auf die Lage der Syrerinnen aufmerksam machen und war begeistert von der Idee, dass die Frauen auf der Bühne tatsächlich ehemalige Gefangene sind.“ Auch Al Qunta ist Teil von Choukairs Inszenierung – mit dem Unterschied, dass sie die Rolle des politischen Häftlings nur spielt. Uraufgeführt wurde das Stück am 14. Dezember vor ausgewähltem Publikum im Nationaltheater in Mulhouse, weitere Aufführungen sind im Januar geplant. „Das Echo war sehr groß, wir werden das Stück daher in mehreren europäischen Städten aufführen.“

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Das Ensemble von Ramzi Choukairs Theaterstück „X-Adra“ © X-Adra/Facebook

Das Singen fremder Lieder ist für Lubana Al Quntar allerdings nicht mehr genug. Seit längerer Zeit schon reizt es sie, ihre eigenen Stücke zu komponieren: „Das kann ich nicht länger verschieben, vor allem weil ich jetzt wirklich viel Erfahrung mit arabischer Vokalmusik und klassischem Operngesang habe.“ In letzter Zeit habe sie an einigen Konzerten teilgenommen, bei denen sie selbstständig improvisiert habe. „Bis jetzt habe ich aber noch keinen passenden Text gefunden, der mich persönlich anspricht. Eigentlich schwebt mir auch ein ganz besonderer, textloser Gesang vor. Doch musikalische Ideen reifen langsam…“ Mit den Aufnahmen werde sie allerdings schon bald nach ihrer Rückkehr in die USA beginnen.

Als Regimekritikerin lebte Al Quntar in Damaskus gefährlich

In ihrem Heimatland Syrien ist Lubana Al Quntar schon länger persona non grata, da sie keinen Hehl aus ihrer Ablehnung des Regimes von Baschar al-Assad gemacht hat: „Als die Revolution ausbrach, war ich die Leiterin des Instituts für Gesang an der Musikhochschule in Damaskus“, erzählt Al Quntar. „Nachdem das Regime anfing, Gewalt gegen Zivilisten einzusetzen, konnte ich nicht länger unterrichten. Wie hätten wir denn weiter singen und ein normales Leben führen sollen, während eine Autostunde entfernt in Daraa Menschen auf der Straße getötet wurden?“ Das sei ihr nicht nur unmoralisch, sondern auch unmenschlich vorgekommen. Nachdem Al Quntar politisch Stellung bezogen hatte, wurde die Lage für sie gefährlich. „Unter meinen Kollegen und Studenten waren Geheimdienstinformanten, die nur auf ein einziges Wort gegen das Regime warteten. Trotzdem wollte ich nicht länger schweigen. Ich hatte damals das Gefühl, dass wirklich niemand positiv auf meine Aussagen reagierte, deshalb habe ich mit der Arbeit an der Musikhochschule aufgehört.“

Weder zu diesem Schritt noch zu ihrer Positionierung gegen das syrische Regime wurde Lubana Al Quntar von anderen gedrängt. Sie habe nie das Gefühl gehabt, irgendetwas zu verlieren: „Das bin ich und das wird sich nicht ändern.“ Vom Assad-Regime sei sie niemals begünstigt worden, ihr Gesangsstudium habe sie durch Stipendien aus dem Ausland finanziert. „Meine Arbeit an der Musikhochschule betrachte ich mittlerweile als persönlichen Verlust für mich als Sängerin“, setzt Al Quntar hinzu. „Das hat mich nicht weitergebracht.“

Doch wie kam Lubana Al Quntar überhaupt zum klassischen Operngesang? Wie die meisten Menschen in Syrien beschäftigte sie sich zu Anfang nicht unbedingt mit westlicher Musik. Ihr Vater aber hatte in Deutschland studiert und besaß eine umfangreiche Sammlung klassischer Musik, zu der auch Opernaufnahmen gehörten. Von klein auf habe sie gewusst, dass sie einmal Sängerin werden würde, erzählt Al Quntar. „Aber ich habe mich nie in einem musikalischen Genre verortet, mich nie als traditionelle Sängerin innerhalb eines konventionellen Musters gesehen.“ Besonders die klassische arabische Musik habe es ihr damals angetan. „Ich wollte Lieder singen, die auch einen intellektuellen Wert besitzen und bei denen das Publikum genau zuhören muss. Es ging mir nicht um Spaß oder Zeitvertreib.“

Arabische Lieder interpretiert Lubana Al Quntar gern a capella oder nur in Begleitung einer Oud (orientalische Laute, AdR). Wenn sie von mehr Instrumenten begleitet würde, habe sie das Gefühl, im Chaos zu versinken, ganz so als würde sie jedes Musikinstrument einzeln hören. „Das hat mit dem Charakter des Tarab, der klassischen arabischen Vokalmusik, zu tun und mit der Art, wie wir uns musikalisch ausdrücken.“ Wenn sie zwischen Tarab und Operngesang wählen müsste, so könne sie das nicht. Beide seien ihr gleich lieb, doch berührten die arabischen Texte sie wegen ihrer Herkunft stärker. „Wenn ich singe, mache ich aber keinen Unterschied zwischen den beiden“, meint Al Quntar. Auch die klassische Oper habe für sie eine emotionale, menschliche Dimension. Gleiches gelte für die Musik im Allgemeinen: „Instrumentalmusik und Gesang sind zwei ganz unterschiedliche Welten, aber sie kennen keine Nationalität.“

Übersetzung: Rashad Alhindi