Die Künstlerin Reem Talhami entschied sich schon früh, Gedichte zu vertonten, die Fragen rund um Begriffe wie Heimat, Liebe und Menschheit aufwerfen. Auf Theaterbühnen war die Palästinenserin in einer Vielzahl von Rollen zu sehen, sei es als Schauspielerin, Sängerin oder als Rezitatorin von Gedichten. Wir haben mit Talhami über ihren künstlerischen Werdegang gesprochen.

FANN: Zu Beginn Ihrer Karriere galten Sie vor allem als palästinensische Künstlerin, die Lyrik vertont und ein singendes Sprachrohr für die Revolution ist. Haben Sie das Gefühl, dass diese Art der politischen, revolutionären Musik Ihnen immer noch anhaftet?

Reem Talhami: Das Singen von Gedichten und Liedern über Heimat, Politik und Fragen der Menschlichkeit hat meinen Weg von Anfang an bestimmt. Es hatte einen großen Einfluss auf meine Gesangskarriere und wird auch meinen zukünftigen Weg definieren. Dass der palästinensische Gesang für mich einen so hohen Stellenwert bekommen hat, war eine bewusste Entscheidung. Es war mir sehr wichtig, meine Lieder und meine Stimme einem höheren Ziel zu widmen, das in engem Zusammenhang mit Palästina und seiner unter Besatzung lebenden Bevölkerung steht. Denn ich bin eine von ihnen.

FANN: Würden Sie Ihre Kunst als „zweckmäßig“ oder als Auftragskunst beschreiben?

Reem Talhami: Tatsächlich ist es so, dass ich keine Lust mehr habe, meine Kunst mit einem Etikett wie „Heimatlieder“ oder „zweckorientiert“ zu versehen, denn gab es jemals eine zweckfreie Kunst? Was ist dann die Bedeutung von Heimatkunst? Mache ich Heimatkunst, wenn mein Liederrepertoire Passagen enthält wie „Beruhige dich, Meer“, „Rita und das Gewehr“, „Vorwärts“, „Eines Tages werden wir zurückkehren“, „Empört euch“, „Oh Jungfrau Gaza“ oder wenn ich über Jerusalem singe und über das, was vom palästinensischen Dasein noch übrig ist? Macht mich das zu einer Sängerin in den Diensten der Nation? Ich mag keine Etiketten mehr. Mein Platz im Leben ist auf der Bühne. Ich habe immer für Menschen gesungen und werde das auch weiter tun. Auch wenn ich nicht direkt gehört werde.

FANN: Im Musikbereich wird das Endprodukt immer auf eine gewisse Weise kontrolliert, zum Beispiel durch die Finanziers. Warum sind Sie so zurückhaltend, wenn es um die Wahl Ihrer Produzenten geht?

Reem Talhami: Ganz im Gegenteil! Hätte es einen Produzenten gegeben, der mich in meinem musikalischen Denken und meiner Art, es an mein Publikum heranzutragen, unterstützt hätte, wäre das sehr hilfreich gewesen, um meine Arbeit populär zu machen. Wer hätte eine solche Möglichkeit abgelehnt? Die Sache ist, dass ich das nie in Betracht gezogen habe und mir diese Möglichkeit von Anfang an nicht zur Verfügung stand. Der Produzent jeglicher künstlerischen Arbeit muss wenigstens in den Grundzügen hinter der Arbeitsphilosophie des Künstlers stehen. Die Marginalisierung der eigenen Person oder die Monopolisierung der eigenen Arbeit sollten für jeden Künstler, der seine Kunst und sich selbst respektiert, inakzeptabel sein. Alles, was Produzenten normalerweise an meinen Kunstwerken interessiert, ist ihr materieller Wert – was ihr gutes Recht ist. Nur stellt der Produzent möglicherweise fest, dass das, was eine Künstlerin wie ich anzubieten hat, sich für ihn nicht lohnt. Dann geht er natürlich. Ich bin fest davon überzeugt, dass ehrliche, menschliche Kunst immer ein Publikum findet, das sie respektiert und ihr Gehör schenkt. Bis dahin produziere ich meine Lieder selbst und bleibe unabhängig.

FANN: Wie setzen Sie Ihre Prioritäten in der künstlerischen Arbeit? Wo stehen das Publikum, die Qualität und das eigentliche Musikprojekt?

Reem Talhami: Meine Projekte tragen eine ursprüngliche Idee in sich, denen ich eine Qualität geben will, die die Öffentlichkeit verdient.

FANN: Warum spielt Gaza eine so große Rolle in Ihren Musikprojekten?

Reem Talhami: Weil es Gaza ist: besetztes palästinensisches Gebiet. Die Besatzer nennen es „Gaza-Streifen“ oder „Gürtel“. Für mich ist es eher eine Halsschlagader. In ihren Augen ist es in der Tat ein Gürtel und zwar ein fest gezurrter, der es den Menschen untersagt, dieses Gebiet zu verlassen. Egal ob das bloß eine geografische Bezeichnung oder eine unmenschliche Blockade ist, stellt es für mich einen Gürtel der Konsolidierung und der Spannung dar, der uns vor dem Hinfallen bewahrt. Als Palästinenserin, Künstlerin, Frau und Mutter wird Gaza für mich immer ein Thema sein. Mein Album „Die Nacht trägt mich“ habe ich den besetzten Gebieten gewidmet. Es enthält zehn Lieder des Dichters Khaled Jumaa, vertont von Said Murad. Die CD wurde zuerst in Gaza-Stadt veröffentlicht, wie ich es mir gewünscht hatte. Diese Veröffentlichung markierte einen Tag des Gesangs in Gaza und war einer der schönsten Tage meines Lebens.

FANN: An welchem Musikprojekt arbeiten Sie aktuell?

Reem Talhami: An neuen Liedern in Kooperation mit der Mahmoud Darwish Foundation. Ich vertone zusammen mit dem Komponisten Dr. Taisser Haddad eine Gedichtsammlung. Außerdem arbeite ich an einem Liederzyklus, den ich als Soloprojekt noch dieses Jahr herausbringen will. Und ich habe ein Auge auf eine andere Sammlung von Gedichten und Liedern geworfen, die nur darauf warten, komponiert zu werden.

Übersetzung: Anna Steffen